{"id":2048,"date":"2015-08-11T16:51:16","date_gmt":"2015-08-11T16:51:16","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2048"},"modified":"2015-08-14T11:31:09","modified_gmt":"2015-08-14T11:31:09","slug":"damals-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/damals-i\/","title":{"rendered":"DAMALS, I"},"content":{"rendered":"<div style=\"text-align: center\"><em><strong>sommer zwanzichfuffzehn XXV<\/strong><\/em><\/div>\n<div style=\"text-align: center\"><\/div>\n<div style=\"text-align: center\"><strong>Wenn\u00a0 sie von der Arbeit kam, liebten sie sich. Bevor sie zur Arbeit ging, verwickelten sie sich. Wenn sie m\u00fcde vom Lieben waren, schliefen sie.<\/strong><\/div>\n<div style=\"text-align: center\"><strong>Oder sie redeten.<\/strong><\/div>\n<div style=\"text-align: center\"><strong>Sabrina fragte: &#8220;Warum bist Du arm?&#8221;<\/strong><\/div>\n<div style=\"text-align: center\"><strong>Er habe Fehler gemacht, sagte Hans Krohn.<\/strong><\/div>\n<div style=\"text-align: center\"><strong>&#8220;Wie bist Du auf den Strich gekommen?&#8221;<\/strong><\/div>\n<div style=\"text-align: center\"><strong>Er sei nach ganz unten durch gerutscht, sagte er. Dann erz\u00e4hlte Hans Krohn:<\/strong><\/div>\n<div><\/div>\n<div>Man muss sich das mal vorstellen:<\/div>\n<div>Hans Krohn durfte auf der Bank neben Goran \u00fcbernachten.<\/div>\n<div>Das war echt eine Ehre.<\/div>\n<div>Und es kam so:<\/div>\n<div>Goran war die Gr\u00f6\u00dfe. Er hatte einen der Stammpl\u00e4tze an der Spree. Dauer-Wohner waren au\u00dferdem die Sch\u00f6nheit, der Bruno, der Bayer. Sie alle hatten ihre festen Adressen an der Spree.<\/div>\n<div>Linkes Ufer, im R\u00fccken der Reichstag, vor Augen der Hauptbahnhof. Nicht weit zur Beach-Bar (aber wen juckt schon eine Beach-Bar?)<\/div>\n<div>Der gr\u00f6\u00dfte Trinker von allen war Goran \u2013 das hatte er bei ungez\u00e4hlten Festen bewiesen. Eigentlich traute man ihm seine Standfestigkeit gar nicht zu. Goran war schmal und blass, er hatte unreine Haut und steckend\u00fcrre Beine.<\/div>\n<div>Es war nicht sein K\u00f6rper, der ihm Respekt verschaffte. Es war sein Mastermind. Goran sah die Menschen an und durchschaute sie. Er war f\u00fcrchterlich wissend und schlau. Man glaubt es nicht, aber Goran las jeden Morgen die Zeitung. Nicht irgendeine, nein, er war w\u00e4hlerisch. Die \u201eBild\u201c studierte er t\u00e4glich, weil dort alles \u201eaufn Punkt\u201c gebracht war. Und dann klaubte er aus den Papierk\u00f6rben rund um den und im Bahnhof noch ausgesuchte Leseexemplare, die von Reisenden weg geschmissen worden waren.<\/div>\n<div>Es konnte also vorkommen, dass Goran auf seiner Bank \u2013 das war die, von der aus der Blick zum Hauptbahnhof am meisten her gab &#8211; sa\u00df, Instant-Kaffee trank und in \u201eLe Monde\u201c oder der \u201eTimes\u201c, zumindest mal in der \u201eS\u00fcddeutschen\u201c oder der FAZ schm\u00f6kerte.<\/div>\n<div>Er war dann nicht ansprechbar. Die Fr\u00fcchte seiner Lekt\u00fcre genossen die Freunde abends, wenn gefeiert wurde. Sie staunten nicht schlecht \u00fcber Gorans Exkurse in die Innen- und Au\u00dfenpolitik, \u00fcber seine Zusammenfassung der Berichterstattung von den Salzburger Festspielen. Goran war bestens informiert \u00fcber die neuesten Entwicklungen in der Formel 1 und konnte drastisch die Gefahren ausmalen, die von den Salafisten ausgehen.<\/div>\n<div>Sein Spezialgebiet freilich war die Situation der arbeitenden Gesellschaft. Er kannte die relevanten Zahlen des Arbeitsmarktes, war in puncto Gesetzes\u00e4nderungen auf dem Laufenden.<\/div>\n<div>\u201eDas ganze System geht den Bach runter\u201c, erkl\u00e4rte er im n\u00fcchternen Zustand.<\/div>\n<div>Angeschickert wurde Goran deutlicher: \u201eArbeit, ey, Arbeit ist doch Schei\u00dfe. Wer arbeitet, muss schon einen geilen Job haben, dass es sich lohnt. Aber der normale Arbeitnehmer bezahlt doch nur die ganzen Schmarotzer, diese Hartz-IV-Fuzzis und so.\u201c<\/div>\n<div>Wenn er betrunken war, redete er Tacheles: \u201eGuckse an, die Merkel und die Arschkriecher-Bande. Fahren in den gepanzerten Mercedes rum und gucken sich die Menschen an wie Tiere im Zoo. Denen sind wir doch komplett egal. Weisste, was sie immer sagen, da hinten im Bundestag. ,Die Menschen drau\u00dfen im Lande\u2019 sagen sie und meinen uns. Die wollen doch gar nicht mit uns zusammen kommen, die k\u00fcmmert einen Schei\u00df, wie es uns geht. F\u00fcr die sind wir ,die Menschen drau\u00dfen im Lande\u2019. Und da f\u00fchlen sie sich wahrscheinlich noch ganz gro\u00df, wenn sie uns als ,Menschen\u2019 bezeichnen.\u201c<\/div>\n<div>So w\u00fctete Goran, und die Anderen verga\u00dfen manchmal sogar, den n\u00e4chsten Schluck sofort zu nehmen. And\u00e4chtig h\u00f6rten sie zu. Wenn er eine Pause einlegte, f\u00fchrten sie die Flasche zum Mund und holten alle vers\u00e4umten Schlucke schnell nach.<\/div>\n<div>Nur Theresa klinkte sich bei diesen Gelegenheiten oft aus.<\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div>Theresa, die Sch\u00f6nheit.<\/div>\n<div>Sie war wohl fr\u00fcher wirklich eine wunderbar aussehende Frau gewesen. Sie hatte braunes schulterlanges Haar, braune nachdenkliche Augen, einen vollen Mund.<\/div>\n<div>Theresa trug immer enge Jeans und ein T-Shirt im Sommer. Wenn es kalt wurde, zog sie Pullover und Anorak \u00fcber und vertauschte die Sandalen mit Turnschuhen. Hatte sie das T-Shirt an, freuten sich die Kumpels \u00fcber ihre strammen Br\u00fcste mit den immerstehenden Warzen.<\/div>\n<div>Wie alt sie war? Vielleicht 40 oder 45, niemand wusste es. Sie sprach Hochdeutsch und erz\u00e4hlte nie \u2013 auch nicht, wenn sie getrunken hatte -, woher sie kam. Es schien, sie sei schon immer da gewesen, aus dem Nichts gekommen und nicht mehr weg zu denken.<\/div>\n<div>Lehrerin war Theresa wohl gewesen. Sie hatte immer ein paar B\u00fccher in ihren T\u00fcten, las viel.<\/div>\n<div>Und sie war auffallend gepflegt. Theresa wusch sich, hatte sauberes Haar, ihre Kleidung roch angenehm. Morgens um halb acht sa\u00df sie nach dem Z\u00e4hne-Putzen auf ihrer Bank \u2013 der Schlafsack war eingerollt, die Siebensachen gepackt \u2013 beim Fr\u00fchst\u00fcck. Sie mochte Obst und Croissants.<\/div>\n<div>Danach schulterte sie den Rucksack und zog mit zwei Plastikt\u00fcten in den H\u00e4nden los. Sie verschwand einfach in der Stadt. Auf ihrer Bank rasteten Touristen und Passanten, es wurde Abend.<\/div>\n<div>Und irgendwann sa\u00df sie wieder an ihrem Platz. Sie breitete ihre Habe aus, holte einen Roten aus dem Rucksack, vielleicht ein St\u00fcck Brot dazu und schm\u00f6kerte. Theresa mochte Romane aus dem 19. Jahrhundert und Biographien.<\/div>\n<div>Manchmal notierte sie einen Satz in ein abgegriffenes Schulheft, dann las sie weiter.<\/div>\n<div>Nur selten beteiligte sie sich an den Festen der Nachbarn. Nicht, dass sie menschenscheu gewesen w\u00e4re! Theresa war eine freundliche Frau, mit der jeder \u00fcber alles reden konnte. Sie half gerne, zum Beispiel mit Adressen, wo es Arbeit gab. \u00dcberhaupt, auf diesem Gebiet kannte sie sich aus. Theresa sagte, sie h\u00e4tte nie gebettelt, und das werde sie auch nie tun. Es gebe immer Jobs, die einen durch das Leben in der Stadt brachten. Es gebe immer die M\u00f6glichkeit, sich die Knete f\u00fcr den Rotwein und das t\u00e4gliche Croissant zu erarbeiten.<\/div>\n<div>Sie war die einzige Frau, die dauerhaft an der Spree wohnte. Die restlichen Ans\u00e4ssigen waren M\u00e4nner.<\/div>\n<div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn XXV Wenn\u00a0 sie von der Arbeit kam, liebten sie sich. Bevor sie zur Arbeit ging, verwickelten sie sich. Wenn sie m\u00fcde vom Lieben waren, schliefen sie. Oder sie redeten. 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