{"id":2035,"date":"2015-08-08T10:09:30","date_gmt":"2015-08-08T10:09:30","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2035"},"modified":"2015-08-08T10:09:30","modified_gmt":"2015-08-08T10:09:30","slug":"feierabend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/feierabend\/","title":{"rendered":"FEIERABEND"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><em><strong>sommer zwanzichfuffzehn XXIII<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Einmal hatten Irmina und Jan &#8211; die aus Polen im feindliche Berlin gestrandet waren &#8211; nebeneinander im Dunklen gelegen, und sie hatte es gewagt. \u201eWas denkst Du gerade\u201c, hatte sie ihn gefragt.<\/p>\n<p>Zu ihrer \u00dcberraschung hatte der Mann neben ihr begonnen, im Schutz der Nacht zu reden:<\/p>\n<p>Jan hatte von dem Gespr\u00e4ch mit seinem Vater erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>\u201ePaps, Irmina will in den Westen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch will, glaub\u2019 ich, nicht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDann geh nicht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber sie sagt, dann wird es den Kindern gut gehen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">\u201eSie wei\u00df doch nicht, wie es da ist, da dr\u00fcben. Hier kennt Ihr Euch aus \u2013 und hier habt Ihr doch alles, was Ihr braucht.\u201c<\/p>\n<p>Da hatte der Papa Recht gehabt. Jan brauchte kein Mallorca, um zufrieden zu sein.<\/p>\n<p>Und doch war er mit seiner Frau \u2013 der netten patenten Blonden mit guten Br\u00fcsten \u2013 in den Westen gezogen. Alles Gehabte hatten sie in Polen gelassen. Alles, was er \u00fcbers Leben gelernt hatte, w\u00fcrde er vergessen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">xxx<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er war in so einem Stra\u00dfendorf zum Menschen geworden. Am Ortsweiher hatte es gar ein Standbild gegeben. Irgendein F\u00fcrst Vinzenz oder so. Es gab auch ein Museum \u00fcber den Krieg, davor einen Panzer, der gro\u00df wie ein Fu\u00dfballtor war.<\/p>\n<p>Dort war Jan zum Jungen geworden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2022\" aria-describedby=\"caption-attachment-2022\" style=\"width: 221px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2022 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/DSC_1074-221x300.jpg\" alt=\"DSC_1074\" width=\"221\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/DSC_1074-221x300.jpg 221w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/DSC_1074-600x814.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/DSC_1074.jpg 722w\" sizes=\"auto, (max-width: 221px) 100vw, 221px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2022\" class=\"wp-caption-text\">Es war einmal. FOTOS: BARBARA VOLKMER<\/figcaption><\/figure>\n<p>Zweimal am Tag fuhr der Bus in den Westen. Jan\u00a0 hatte sehr schlichte Klamotten. Sachen von Adidas oder so konnten sich die Eltern nicht leisten. Die Mutter kaufte einmal im Jahr beim Discounter ein. Da sahen die St\u00fccke noch ganz annehmbar aus. Aber sie verschlissen schnell, die Farben verblassten \u2013 und das sah nicht edel, nicht nach elegantem Frankreich, aus.<\/p>\n<p>Jan war ein klepperd\u00fcrrer Junge mit ungeb\u00e4rdigem schwarzen Haar. Er machte nie Probleme. Manchmal w\u00fcnschte sich sein Vater, ein lebensfroher Mechaniker, der eine kleine Landwirtschaft nebenbei betrieb, sein Sohn w\u00fcrde sich \u00f6fter durchsetzen. Der kam nie von einer Pr\u00fcgelei nach Hause, der zerriss sich beim Fu\u00dfball nicht die Hose, der war so f\u00fcrchterlich pflegeleicht.<\/p>\n<p>Ach, sagte Jans Mutter, besser so, als ein Junge wie die meisten anderen. Die rebellierten mit 13, 14 und lie\u00dfen sich nichts mehr sagen. In der nahen Stadt, das wusste jeder, gab es Drogen. In der Zeitung hatte gestanden, w\u00fcrde jetzt nicht mehr nur mit diesem Heroin gehandelt. Da importierten die Russen jetzt etwas Neues, das die Kinder schneller als alles andere ins Grab bringe.<\/p>\n<p>Sie bete jeden Abend, sagte die Mutter, dass Jan so brav bleiben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Sie brauchte nicht zu beten. In dem jungen Mann steckte nicht die zornige Ungeduld der Altersgenossen. Er hatte in aller Stille seine eigenen Ziele festgelegt. Er wollte eine zuverl\u00e4ssige Frau, die ihm brave Kinder gebar. Er wollte es im Beruf zu etwas bringen. Ein Auto, ein kleines Haus, eine Sicherheit, ein Wissen um den verdienten Feierabend \u2013 mehr wollte er nicht.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr strengte er sich an. Schon als Sch\u00fcler arbeitete er an seiner sicheren Zukunft.<\/p>\n<p>Ohne Schwierigkeiten schaffte er es auf die h\u00f6here Schule in der Stadt.<\/p>\n<p>Der Bus war klapprig. Jan setzte sich jeden Morgen auf den Fensterplatz hinter dem r\u00fcckw\u00e4rtigen Ausstieg. Selten musste er noch etwas f\u00fcr die Schule vorbereiten (das war alles schon zuhause geschehen), also sah er aus dem staubblinden Fenster. Sie fuhren durch die Felder \u2013 ein paar kleine geh\u00f6rten dem Vater, dort musste er im Sommer bei der Ernte helfen -, kamen an die Peripherie der Stadt. Da h\u00e4tte er nun wirklich nicht leben wollen, in diesen verfallenden Plattenbauten, wo alte Menschen Kissen auf die Fensterb\u00e4nke gelegt hatten und auf die verkraterte Stra\u00dfe stierten.<\/p>\n<p>Sie kamen an dem kleinen Park vorbei, in dem schon morgens M\u00e4nner mit verwitterten K\u00f6rpern die Flaschen kreisen lie\u00dfen. Sp\u00e4ter am Tag w\u00fcrden dann\u00a0 junge M\u00e4nner den Park einnehmen und ihre Gesch\u00e4fte dort abwickeln.<\/p>\n<p>Die Schule lag im Zentrum. Ein gro\u00dfer immerdunkler Ziegelbau. Drinnen noch Linoleum und hellblaue, wei\u00dfe und schmutziggr\u00fcne Lackfarbe an den W\u00e4nden. Wackliges Mobiliar, unter den Tischfl\u00e4chen pappten Kaugummis. Lehrer aus vergangenen Zeiten und Lehrer in Jeans und mit Tr\u00e4umen vom Westen.<\/p>\n<p>Jan liebte die Schule. Dort gab es B\u00fccher, und die Menschen redeten \u00fcber Dinge, die er wissen wollte. Nach dieser Schule gab es eine Zukunft.<\/p>\n<p>Er war kein Genie, wollte er auch gar nicht sein. Aber er wollte zu den Guten geh\u00f6ren. Also sorgte er daf\u00fcr, dass es so war.<\/p>\n<p>Manchmal kam der Bus im Winter \u00fcberhaupt nicht. Es konnte \u00fcberfallartig schneien, und der Wind blies so stark, dass die Verwehungen den Verkehr eine Weile lahm legten. Dann stapfte Jan \u2013 obwohl die Mutter schon ahnte, dass er es vergeblich tun w\u00fcrde und ihm anbot, zuhause zu bleiben \u2013 in seinem verschossenen hellroten Anorak und mit der Bommelm\u00fctze auf dem Kopf zur Haltestelle. Dort wartete er allein \u2013 die anderen Kinder hatten nat\u00fcrlich die H\u00e4user nicht verlassen \u2013 und wartete eine halbe Stunde. Dann marschierte er zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Daheim packte er die B\u00fccher auf den K\u00fcchentisch und dachte nach: Was w\u00fcrden die Anderen in der Schule wohl dran nehmen? Was f\u00fcr Hausaufgaben w\u00fcrden sie gestellt bekommen?<\/p>\n<p>Wenn er sich dar\u00fcber im Klaren war, lernte er auf eigene Faust, erledigte die Hausaufaufgaben und packte die Tasche f\u00fcr den n\u00e4chsten Morgen.<\/p>\n<p>So einer war Jan. Das ist nicht normal, wunderte sich der Vater. Das ist doch wundervoll, freute sich die Mutter. Und Jan? Der hoffte nur, dass anderntags die Stra\u00dfen frei sein w\u00fcrden.<\/p>\n<p>In Jans Haus hatte es immer schlecht gerochen. Wenn man die T\u00fcre \u00f6ffnete: Kohl, Bohnerwachs, alter Knoblauch, Zwiebeln, altes Fleisch. Ab und zu verga\u00df jemand, die T\u00fcr zum Hinterhof zu schlie\u00dfen \u2013 dann roch es nach Latrine.<\/p>\n<p>Aber das st\u00f6rte niemanden.<\/p>\n<p>\u201eMein Liebster, setz\u2018 Dich\u201c,\u00a0 sagte die Mutter. Sie wischte noch einmal \u00fcbers Wachstuch.<\/p>\n<p>Er packte seine Schulsachen aus und machte die Hausaufgaben. Um ihn herum roch es nicht und es war nicht. Nur er und seine Hausaufgaben.<\/p>\n<p>So einer war Jan.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">xxx<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Irmina war \u2013 nach einem Gang ins Kinderzimmer \u2013 eingeschlafen. Sie wurde m\u00fchselig wach, als der Schl\u00fcssel in der T\u00fcr ging.<\/p>\n<p>Ihr Mann sah zum Erbarmen aus.<\/p>\n<p>\u201eKomm rein\u201c, sagte sie.<\/p>\n<p>\u201eKomm.\u201c<\/p>\n<p>Er taumelte vorbei.<\/p>\n<p>&#8220;Und?&#8221;, fragte sie.<\/p>\n<p>Er lie\u00df sich in den Fernsehsessel fallen. Er stank nach Bier. &#8220;Schei\u00dfe&#8221;, sagte er.<\/p>\n<p>&#8220;Schei\u00dfe war das. Ganzer Tag Arbeit &#8211; und dann sind sie nicht gekommen.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Was? Kein Keld?&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Nein, kein Geld.&#8221;<\/p>\n<p>Wieder so ein Tag, der ihn dem Abgrund n\u00e4her gebracht hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>\u00a08. august 2015<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn XXIII Einmal hatten Irmina und Jan &#8211; die aus Polen im feindliche Berlin gestrandet waren &#8211; nebeneinander im Dunklen gelegen, und sie hatte es gewagt. \u201eWas denkst Du gerade\u201c, hatte sie ihn gefragt. 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