{"id":2031,"date":"2015-08-07T20:18:35","date_gmt":"2015-08-07T20:18:35","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2031"},"modified":"2015-08-07T20:19:54","modified_gmt":"2015-08-07T20:19:54","slug":"teufelskreis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/teufelskreis\/","title":{"rendered":"TEUFELSKREIS"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><em><strong>sommer zwanzichfuffzehn XXII<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Das Deutschland-Abenteuer des jungen polnischen Paars war peinvoll. Die Arbeit war futsch. Hartz IV reichte nicht vorn und nicht hinten \u2013 sie ging f\u00fcr Hungerl\u00f6hne putzen, f\u00fchrte Hunde aus, passte auf Kinder auf.\u00a0Ihr Mann\u00a0begann mit seinem \u201eJan-macht-alles\u201c-Programm ganz von vorn. Und wenn er keinen regul\u00e4ren ordentlichen Schwarzarbeits-Job hatte, stellte er sich eben im Treptower Park an die Stra\u00dfe und wartete auf die Bulgaren-Busse.<\/p>\n<p>Im Fernsehen lief ein Abspann. Es war halb eins. Aus Irminas Sorge war Angst geworden.<\/p>\n<p>Vor einem knappen Jahr waren sie in Schlesien gewesen. Damals hatten sie den Firmenwagen noch \u2013 niemand wusste, dass sie die Karre einfach nicht von der Hacke bekamen. Das Auto war gewaschen und poliert, das Firmenlogo (eine Firma gab es zu dieser Zeit schon nicht mehr, aber davon hatten sie niemandem erz\u00e4hlt) strahlte. Seine Eltern, ihre Eltern waren so stolz gewesen. Immer wieder musste Jan berichten, was im Westen alles zu reparieren war. Und dass die da in Berlin auch nur mit Wasser kochten.<\/p>\n<p>\u201eEin rechter Winkel bleibt ein rechter Winkel\u201c, sagte Jans Vater und fand das sehr wichtig. \u201eUnd guter Zement ist guter Zement \u2013 im Westen genauso wie bei uns.\u201c<\/p>\n<p>Irminas Vater horchte dem Gesagten nach, nickte dann ernsthaft: \u201eNur, dass wir nicht so oft guten Zement bekommen. Aber das mit den rechten Winkeln haben wir genauso gut drauf wie die in Berlin. Oder, Jan?\u201c<\/p>\n<p>Gequ\u00e4lt nickte dann der Schwiegersohn.<\/p>\n<p>Damals war Irmina klar geworden, dass es f\u00fcr sie kein Retour gab. Sie hatten die Wurzeln gekappt. Nie w\u00fcrde Jan als Gescheiterter nach Gleiwitz zur\u00fcck gehen. Er war ein stolzer Mann.<\/p>\n<p>Das erste Mal auch hatte sie es als st\u00f6rend empfunden, dass ihr Mann seine Sorgen mit sich selbst aus machte. Manchmal \u00f6ffnete er sich, wenn er mit den Kindern spielte. Dann f\u00fchlte er sich nicht beobachtet, lachte befreit und laut, war albern. Wenn sie aber ins Zimmer kam, nahm er sich wieder an die Kandare.<\/p>\n<p>Er war hart mit sich. Und in Berlin wurde der Panzer, den er um sich hatte, immer dicker. \u201eIch komme nicht mehr an meinen Mann heran\u201c, dachte sie und wusste sich keinen Rat.<\/p>\n<p>Was sollten sie denn machen? Irmina gingen alle Planspiele der letzten Wochen durch den Kopf. Keines w\u00fcrde aus der Heillosigkeit f\u00fchren. Wie sollte Jan all diese tollen Jobs machen, die es wohl gab \u2013 wenn er keine Karre hatte? Wie sollte sie als Friseuse die Kundinnen zuhause besuchen \u2013 wenn Jan auf Job und die Kinder allein waren? Wie sollten sie Geld f\u00fcr ein Auto oder f\u00fcr ein neues Scheren-Set oder f\u00fcr wasauchimmer zur\u00fccklegen \u2013 wenn der Typ von der Versicherung alle drei Tage neue Mahnungen schickte? Und wie sollten sie \u00fcberhaupt arbeiten und Hartz IV zu gleicher Zeit beziehen? War ja wohl nicht erlaubt, oder wie?<\/p>\n<p>Kannte sie sich mit Paragraphen aus?<\/p>\n<p>Kannte Jan sich mit Hartz IV aus?<\/p>\n<p>Wussten sie \u00fcberhaupt etwas \u00fcber dieses fremde Land?<\/p>\n<p>Aber das war egal. Ihnen flatterten die\u00a0 Bescheide und die Formulare ins Haus. Sie wurden beschieden und mussten sich erkl\u00e4ren. Sie hatten sich in das System gewagt, jetzt mussten sie mit dem System klar kommen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_231\" aria-describedby=\"caption-attachment-231\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-231 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P10008301-300x226.jpg\" alt=\"P10008301\" width=\"300\" height=\"226\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P10008301-300x226.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P10008301-600x451.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P10008301.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-231\" class=\"wp-caption-text\">Don&#8217;t write us. We write you.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Jan war ein kluger Mann. Und er wusste Sachen. Wenn er \u201eWer wird Million\u00e4r?\u201c guckte, kam er bis zur 64000-Euro-Frage. Oft noch weiter.<\/p>\n<p>Er hatte sich all das selbst beigebracht. Wenn Jan einmal etwas gelesen hatte, dann war es auch gespeichert. Das Land mit der zweitgr\u00f6\u00dften Fl\u00e4che auf der Erde? Klar Kanada. Was ist die \u201eSch\u00f6ne Else\u201c? Der Baum des Jahres 2010. Wem schie\u00dft Wilhelm Tell den Apfel vom Kopf? Dem Walter. Wer schrieb als eines von zwei Theaterst\u00fccken \u201eWie man W\u00fcnsche beim Schwanz packt\u201c? Picasso\u2026<\/p>\n<p>Solche Sachen wusste Jan.<\/p>\n<p>Irmina musste l\u00e4cheln. Ja, so war ihr Jan. Ein gut aussehender flei\u00dfiger Mann mit wenigen Fehlern. Ein Nachdenklicher, der nicht viel redete und auf den sie sich immer verlassen konnte. Einer aber auch, der ihr manchmal vorkam wie ein Fremder.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn XXII Das Deutschland-Abenteuer des jungen polnischen Paars war peinvoll. Die Arbeit war futsch. Hartz IV reichte nicht vorn und nicht hinten \u2013 sie ging f\u00fcr Hungerl\u00f6hne putzen, f\u00fchrte Hunde aus, passte auf Kinder auf.\u00a0Ihr Mann\u00a0begann mit seinem \u201eJan-macht-alles\u201c-Programm ganz von vorn. 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