{"id":2027,"date":"2015-08-06T17:49:45","date_gmt":"2015-08-06T17:49:45","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2027"},"modified":"2015-08-06T17:49:45","modified_gmt":"2015-08-06T17:49:45","slug":"warten-mit-bruce","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/warten-mit-bruce\/","title":{"rendered":"WARTEN MIT BRUCE"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><em><strong>sommer zwanzichfuffzehn XXI<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>&#8220;Ja, erz\u00e4hl mir von Dir.&#8221; Sabrina sprach mit\u00a0Hans Krohn &#8211; man kannte sich gerade mal einen halben Tag -, als seien die beiden vertraut wie zwei Menschen, die schon viele Zeiten zusammen gehabt hatten. Sie sah ihm in die Augen und meinte es ernst. <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Was auch immer.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>&#8220;Wer ist dieser Jan, den Du da getroffen hast? Als es Dir nicht so gut gegangen ist.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Ein Pole sei es, sagte\u00a0Krohn. Einer, der sich nicht klein kriegen lasse. &#8220;Ich habe\u00a0oft an ihn gedacht, wenn ich nicht mehr weiter gewusst habe.\u00a0Ich habe ihn\u00a0auch besucht, als er mit seiner Familie in Polen Urlaub machte. Dort, wo er her kommt. Wei\u00dft Du Sabrina, wenn ich sehe, was Jan alles passiert und wie sie mit ihm umgehen, dann bekomme ich einen richtigen Zorn.\u00a0Er hat das nicht verdient. Und er ist hier falsch. Aber er will es nicht einsehen. Da k\u00e4mpft er lieber.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\n<p style=\"text-align: center\"><strong>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;\u00a0\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nachfragen half bei Jan nicht. Was er nicht von selber sagte, konnte man nicht aus ihm heraus locken.<\/p>\n<p>Jan war ein schweigsamer zuverl\u00e4ssiger Mann. Irmina hatte sofort an ihm gemocht, dass er kein Gewese um sich veranstaltete. Er war nicht gewesen wie die anderen Jungs in dem Ort bei Gleiwitz. Die hatten schon fr\u00fch\u00a0 mit dem Biertrinken angefangen und standen auf harte b\u00f6se Musik. Sie malten sich aus, mit welchen Tricks sie ganz viel Geld machen und es dann im Westen auf den Kopf hauen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Jan war anders. Bier ja \u2013 aber selten zuviel. Schnaps nein. Er machte seinen Abschluss und bildete sich weiter. Nach der Schule, der Lehre, der Meisterpr\u00fcfung und der Zeit an der Fachhochschule bekam er bald einen Job als Lehrer an der Fachhochschule.<\/p>\n<p>Da waren sie schon f\u00fcnf Jahre miteinander gegangen. Sie wusste, dass sie keinen Anderen wollte; er f\u00fchlte sich bei ihr zuhause. Sie heirateten, Irmina bekam zwei Kinder. Eine Dreizimmerwohnung hatten sie. Die Heizung bockte ab und zu. Der Nachbar zur Linken soff und verpr\u00fcgelte seine Sippe. Der Nachbar zur Linken drehte krumme Dinger, das wusste man. Die Aufg\u00e4nge im Hochhaus waren versifft, und der Lift funktionierte die meiste Zeit nicht.<\/p>\n<p>Irmina wollte weg. Vor allem wegen der Kinder.\u00a0 Sie wollte, dass man als Familie lebte wie die Menschen in diesem hellen wunderbaren Berlin, das sie ein paar Mal besucht hatten.<\/p>\n<p>Jan wollte eigentlich bleiben. Seine Arbeit gefiel ihm, er brachte genug Geld nach Hause. Bald w\u00fcrden sie sich ein Auto leisten k\u00f6nnen, f\u00fcr zwei Wochen Urlaub im Riesengebirge reichte es auch. Also, was wollte man mehr?<\/p>\n<figure id=\"attachment_2019\" aria-describedby=\"caption-attachment-2019\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2019 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/DSC_1143-300x101.jpg\" alt=\"DSC_1143\" width=\"300\" height=\"101\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/DSC_1143-300x101.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/DSC_1143-600x201.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/DSC_1143.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2019\" class=\"wp-caption-text\">Urlaub von Berlin FOTO: BARBARA VOLKMER<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u201eIn Deutschland\u201c, sagte Irmina, \u201everdienst Du mit deinen starken Armen und Deinen Erfahrungen soviel Geld, dass wir in zehn Jahren hier ein Haus bauen k\u00f6nnen. Das ist doch was Anderes als ein Auto und 14 Tage Ferien bei den Tschechen. Au\u00dferdem \u2013 wenn wir in Deutschland sind, fliegen wir im Urlaub nach Mallorca. Wie alle Anderen auch.\u201c<\/p>\n<p>Das sagte sie so oft, bis er k\u00fcndigte, sie ihre Habe und die Kinder in einen Mietwagen\u00a0 luden und nach Berlin fuhren. In die gro\u00dfe helle Stadt und die wundervolle Zukunft.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">xxx<\/p>\n<p>So lang war er noch nie weg geblieben. Irmina sah auf den Wecker. Kurz vor zw\u00f6lf. Aufs Buch konnte sie sich nicht mehr konzentrieren. Schlafen auch nicht. Sie stand auf, schl\u00fcpfte in die Pantoffeln, warf den Morgenmantel \u00fcber und schlappte in die K\u00fcche. Sie br\u00fchte Wasser auf und goss es in die gro\u00dfe Tasse. Nach einer Weile fischte sie den Teebeutel heraus und warf ihn in den M\u00fclleimer. Irmina ging ins Wohnzimmer und schaltete den Fernsehapparat ein. Bruce Willis rannte blutend durchs Bild.<\/p>\n<p>Die Sorgen machten Irmina alt. Ihre Haut war grau, das blonde schulterlange Haar stumpf. Aber sch\u00f6ne Fesseln hatte sie. Abwesend sah sie zu, wie Bruce Willis die halbe Welt rettete.<\/p>\n<p>Nein, so hatte sie sich das nicht vorgestellt. Nun waren sie seit zweieinhalb Jahren in Berlin und bekamen noch immer kein Bein auf den Boden. Es war wie verhext. Sie lie\u00dfen sich nicht gehen und schufteten und waren sich f\u00fcr nichts zu schade. Aber die Angst h\u00f6rte nicht auf.<\/p>\n<p>Jan war ein geschickter, lebenskluger Mann. Was der anpackte, funktionierte. Eine Zeitlang hatte es so ausgesehen, als w\u00fcrde er mit seinen handwerklichen Fertigkeiten der Familie eine gute Existenz sichern. Er bekam Auftr\u00e4ge, einen nach dem anderen.\u00a0 Sie waren gut versichert, zahlten p\u00fcnktlich Steuern, konnten sogar eine Kleinigkeit zur\u00fcck legen.<\/p>\n<p>Nach einem Jahr wollte er das Gesch\u00e4ft professioneller aufziehen. Er kaufte einen Computer, richtete eine Homepage (<a href=\"https:\/\/3c.web.de\/mail\/client\/dereferrer?redirectUrl=https%3A%2F%2F3c.web.de%2Fmail%2Fclient%2Fdereferrer%3FredirectUrl%3Dhttp%253A%252F%252Fwww.jan-macht-alles.de\">www.jan-macht-alles.de<\/a>) ein, schaffte einen Pritschenwagen an, lie\u00df sich ein Firmenlogo einfallen, machte ein paar tausend Euro Schulden<\/p>\n<p>Dann hatte er auf einmal nicht mehr gen\u00fcgend Auftr\u00e4ge. Der Dispo war ausgereizt, die Versicherungen quengelten, die n\u00e4chste Steuerzahlung w\u00fcrden sie nicht stemmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es ging nicht anders: Jan musste sich geschlagen geben. Er landete auf dem Arbeitsamt. Man strandete bei Hartz IV.<\/p>\n<p>Damals hatte Irmina Angst, ihr Mann w\u00fcrde zerbrechen. Er redete kaum noch. Er brauchte Wochen, um wieder in den Alltag zu finden. Jan starrte auf den Fernseher und war wie gestorben. Irmina blieb nichts \u00fcbrig als zu hoffen und ihrem Mann Zeit zu lassen.<\/p>\n<p>Sie hielten stand. Sie lie\u00dfen sich Zeit und vertrauten. Was sollten sie auch sonst machen? Irmina und Jan waren auf sich gestellt.<\/p>\n<p>Sie arrangierten sich. Als Jan wieder redete, besprachen sie, ob sie in Berlin bleiben wollten. Ja, sagte diesmal Jan, w\u00e4hrend sie noch z\u00f6gerte. Er wollte es beweisen \u2013 was auch immer \u201ees\u201c war.<\/p>\n<p>Also blieben sie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn XXI &#8220;Ja, erz\u00e4hl mir von Dir.&#8221; Sabrina sprach mit\u00a0Hans Krohn &#8211; man kannte sich gerade mal einen halben Tag -, als seien die beiden vertraut wie zwei Menschen, die schon viele Zeiten zusammen gehabt hatten. Sie sah ihm in die Augen und meinte es ernst. 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