{"id":2023,"date":"2015-08-05T22:04:16","date_gmt":"2015-08-05T22:04:16","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2023"},"modified":"2015-08-05T22:04:16","modified_gmt":"2015-08-05T22:04:16","slug":"jan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/jan\/","title":{"rendered":"JAN"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left\"><strong><em>sommer zwanzichfuffzen XX<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Ob sie das \u00fcberhaupt h\u00f6ren wolle, fragte Hans Krohn. Ob es sie wirklich interessiere, was sich so in seinem Leben tue.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Sabrina &#8211; dunkle Augen, braungebrannte Beine, luftiges Blumenkleid, Sandalen und rotlackierte Zehenn\u00e4gel, ein klein bisschen Parf\u00fcm &#8211; nickte und dr\u00fcckte seinen Arm. Sie hatte sich bei ihm untergehakt. Langsam schlenderten sie \u00fcber eine kleine Promenade, manchmal wehte ein kleiner Wind, der vom See kam, in ihren Rock.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>&#8220;Ja, ich will wissen, wer Du bist. Wenn Du erz\u00e4hlen willst.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Wo er denn anfangen solle.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Egal. Vielleicht: Warum es ihn hierher in die Provinz verschlagen habe. Er sei doch aus Berlin, das habe sie richtig verstanden, oder.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Ja.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Also, warum war er hier?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>&#8220;Ist alles zu einem Problem geworden. Ich muss in Ruhe nachdenken, was ich will. Gestern und heute ist mir durch den Sinn gegangen, dass es noch gar nicht lange her ist, da habe ich gedacht, ich komme nicht mehr auf die Beine.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Wie er das meine?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>&#8220;Naja, ich habe geglaubt, das ist das Ende, verstehst Du. Kein Geld, keine richtige Arbeit. Hartz IV wollte ich nicht. Alle m\u00f6glichen Jobs habe ich gemacht, anders ging es nicht. F\u00fcr mich war das ziemlich schlimm.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>&#8220;Hast Du keine Freunde?&#8221;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>&#8220;Nicht viele. Und wenn der Job weg ist, sind es pl\u00f6tzlich ganz wenige. Obwohl: Dann kommen auch wieder welche dazu. Ich habe mal mit einem Polen zusammen gearbeitet, der ist heute sowas wie ein Freund. Als ich wieder angefangen habe zu schreiben&#8230;&#8221;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>&#8220;Du schreibst?&#8221;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>&#8220;Ich versuche es.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>&#8220;Kannst Du davon leben?&#8221;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>&#8220;Nicht wirklich. Also als es mir wieder ein bisschen besser ging, habe ich angefangen, \u00fcber Jan zu schreiben. Weil der Typ es einfach wert ist.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jan Pischtscheks Frau las am liebsten Romane von Rosamunde Pilcher. Wenn sie den Tag bew\u00e4ltigt hatte, nahm sie eine Dusche, zog das Nachthemd an und kuschelte sich ins Bett. Sie hatte aufs Kopfkissen noch eine Nackenrolle gelegt, so war es perfekt. Das Buch hielt sie hoch. War zwar ein bisschen anstrengend, aber so hatte sie sich das eben angew\u00f6hnt. Wenn das Buch zu schwer wurde (und Pilcher wiegt schon einiges \u2013 zumal Irmina da nicht sparte und sich Rosamunde immer als Hardcover leistete), drehte sie sich zur Seite und schm\u00f6kerte so weiter.<\/p>\n<p>Selbst nach anstrengenden Tagen schaffte sie eine halbe Stunde. Doch meistens tauchte Irmina mit ihren B\u00fcchern eine Stunde oder l\u00e4nger in eine andere Welt ab. Wenn sie schlie\u00dflich nicht mehr konnte, legte sie vorsichtig ein Lesezeichen aus der Heimat in die Lekt\u00fcre, deponierte das Buch auf dem Nachttisch, l\u00f6schte das Licht, strich dem leise schnorchelnden Jan \u00fcber den Kopf und schlief schnell ein.<\/p>\n<p>Was sie tr\u00e4umte, wusste sie am n\u00e4chsten Morgen nicht. War wohl zu ersch\u00f6pft, um sich auch das noch zu merken.<\/p>\n<p>Normalerweise schlief Jan lange vor seiner Frau ein. Er las nicht viel. Die Tageszeitung, ein bisschen Fachliteratur, ab und zu ein Sachbuch. Jan sah in der Regel bis gegen zehn fern \u2013 dann machte er sich bettfertig. Das war\u2019s.<\/p>\n<p>Sie schliefen nicht mehr sehr oft miteinander. Das war aber kein Problem f\u00fcr sie.<\/p>\n<p>Irmina war eine h\u00fcbsche Frau. Nach dem zweiten Kind hatte sie es nie mehr geschafft, so schlank zu werden, wie es ihr gefallen h\u00e4tte \u2013 doch Jan st\u00f6rte das nicht. Seine Frau hatte einen pr\u00e4chtigen Busen und ein einnehmendes warmes Wesen im Bett. Sie genoss ihn, und er genoss sie \u2013 das war doch genug.<\/p>\n<p>Jan selber war fast mager. Man h\u00e4tte ihn f\u00fcr einen Marathonl\u00e4ufer halten k\u00f6nnen, aber er trieb keinen Sport. Die Arbeit sog aus seinem K\u00f6rper alles, was der bieten konnte. Jan war ein z\u00e4her Typ mit dichtem schwarzen Haar, vollen Lippen und intensiven dunklen Augen. Es gab eine Menge Frauen, die ihn wohlgef\u00e4llig registrierten. Er war einer von denen, die wahrscheinlich im Bett wild und z\u00e4rtlich zugleich waren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2015\" aria-describedby=\"caption-attachment-2015\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2015 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/DSC_1286-300x199.jpg\" alt=\"DSC_1286\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/DSC_1286-300x199.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/DSC_1286-600x397.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/DSC_1286.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2015\" class=\"wp-caption-text\">Unschuld der Heimat &#8211; lange her. FOTO: BARBARA VOLKMER<\/figcaption><\/figure>\n<p>Aber Jan Pischtschek und seine Frau mochten es z\u00e4rtlich. Wild war es vielleicht zu Beginn ihrer Beziehung gewesen, manchmal. Nun liebten sie sich f\u00fcrsorglich und mit guten Gef\u00fchlen. Hauptsache, sie waren einander treu. Dar\u00fcber brauchten sie nicht zu reden, f\u00fcr sie stand fest: Es gab nur sie Zwei f\u00fcreinander.<\/p>\n<p>Das mit dem Beischlaf war eben nicht mehr so wichtig. Sie taten es mit Lust, wenn sie einigerma\u00dfen ausgeruht und die Kinder versorgt waren. Sie lie\u00dfen sich dann Zeit \u2013 und weil es eben nicht Tagesordnung war,\u00a0 freuten sie sich jedes Mal neu am K\u00f6rper des Anderen.<\/p>\n<p>Wenn sie denn einmal miteinander schliefen, war es sch\u00f6n. Manchmal sehr sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Irmina war beunruhigt. Zehn Uhr durch \u2013 und Jan noch nicht zur\u00fcck. Sie mochte es ohnehin nicht, wenn er diese Art Arbeit machte. Er erz\u00e4hlte nicht viel vom Treptower Park und den Bulgaren-Bussen. \u201eIch warte, ob mich einer nimmt. Ist sch\u00f6n, wenn es klappt. Und besser als gar kein Geld.&#8221;<\/p>\n<p>Mehr bekam sie nicht aus ihm heraus. Sie wusste nur, dass das schlimme Arbeiten sein mussten. Nach solchen Tagen kam er heim \u2013 mit, wenn es gut gewesen war, 50 Euro in der Tasche &#8211; und hatte manchmal nicht einmal mehr Lust, sich zu duschen. Er schlang dann noch etwas\u00a0 in sich hinein und verschwand im Schlafzimmer. Sie h\u00f6rte ihn \u00e4chzen, wenn er die Hosen auszog.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzen XX Ob sie das \u00fcberhaupt h\u00f6ren wolle, fragte Hans Krohn. Ob es sie wirklich interessiere, was sich so in seinem Leben tue. Sabrina &#8211; dunkle Augen, braungebrannte Beine, luftiges Blumenkleid, Sandalen und rotlackierte Zehenn\u00e4gel, ein klein bisschen Parf\u00fcm &#8211; nickte und dr\u00fcckte seinen Arm. Sie hatte sich bei ihm untergehakt. Langsam schlenderten sie [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":1839,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[23,1],"tags":[558,553],"class_list":["post-2023","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-story","category-uncategorized","tag-krohn-hans","tag-sommer-zwanzichfuffzehn","has-post-title","has-post-date","has-post-category","has-post-tag","has-post-comment","has-post-author",""],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2023","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2023"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2023\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2026,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2023\/revisions\/2026"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1839"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2023"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2023"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2023"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}