{"id":201,"date":"2015-01-05T08:06:08","date_gmt":"2015-01-05T08:06:08","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=201"},"modified":"2015-01-05T12:06:35","modified_gmt":"2015-01-05T12:06:35","slug":"funf-vor-zwolf-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/funf-vor-zwolf-2\/","title":{"rendered":"F\u00dcNF VOR ZW\u00d6LF"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-194\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/IMG_0601.jpg\" alt=\"IMG_0601\" width=\"980\" height=\"735\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/IMG_0601.jpg 980w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/IMG_0601-300x225.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/IMG_0601-600x450.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 980px) 100vw, 980px\" \/><\/p>\n<p><strong><em>berlin, 5. januar 2015<\/em>\u00a0\u00a0 In der Franz\u00f6sischen Stra\u00dfe zu Berlin h\u00e4ngt \u00fcber einer hohen T\u00fcr ein Display mit einer tollw\u00fctig metastasierenden Zahl. Sie beginnt mit einer \u201e2\u201c \u2013 das sind die Billionen. Daran reiht sich ein Rattenschwanz weiterer Posten. Die vorderen scheinen konstant zu sein, in den hinteren Regionen geht es w\u00fcst zu. Die letzten Zahlen rennen so schnell, dass ein menschliches Auge sie nicht mehr auseinander halten kann. Das sind die Tausender.<\/strong><\/p>\n<p>Die Leute vom Bund der Steuerzahler haben sich die Installation ausgedacht. Zwei Billionen und ein paar Zerdr\u00fcckte, Tendenz ungebremst himmelw\u00e4rts \u2013 das ist der aktuelle Stand der Staatsverschuldung.<\/p>\n<p>Berliner hasten unter dem Display durch und haben keinen Blick mehr daf\u00fcr. Touristen bleiben stehen und kommen ins Gr\u00fcbeln. Ein Kamerateam filmt, zieht wieder ab.<\/p>\n<p>Und die Zahl rennt und rennt und rennt.<\/p>\n<p>Sie wird nicht eine Zehntelsekunde inne halten. Ob da kluge K\u00f6pfe irre werden oder hohle Selbstdarsteller nichts begreifen, ob die Hertha verliert oder ein Jesus-Nachfolger zur Welt kommt, ob die Million\u00e4re Schampus spritzen oder die B\u00fcrger sich sicher w\u00e4hnen oder die Menschen am Rand der Gesellschaft vor die Hunde gehen \u2013 die Zahl l\u00e4sst sich nicht stoppen.<\/p>\n<p>Staatsverschuldung \u2013 das klingt harmlos. Zwei Billionen \u2013 das kann sich doch niemand so recht vorstellen. Der Schlagers\u00e4nger Howard Carpendale war mal beim Fernseh-Mann Markus Lanz in dessen Talkshow eingeladen und versuchte, seine \u00dcberforderung angesichts dieser Zahlen zu demonstrieren: er zog einen Hundert-Euro-Schein aus der Jacke, wedelte damit in Richtung Publikum und sagte, wenn man diese Scheine zur H\u00f6he des Eiffelturms aufstaple, dann habe man die Billionenschulden im Bild (\u00fcbrigens: H\u00e4tte Carpendale das Ganze mit F\u00fcnf-Euro-Scheinen durchgespielt, h\u00e4tte er einen Turm von 100000 Kilometern \u201egebaut\u201c).<\/p>\n<p>Dann meinte er, das \u00fcbersteige doch die Einbildungskraft eines Menschen, der um seine Existenz k\u00e4mpfe. Und davon gebe es im Land verdammt viele.<\/p>\n<p>Er hat Recht. Mit den Euro-Billionen sind wir \u00fcberfordert. Sind wir es nicht auch mit den Menschen, von denen Carpendale sprach. Er sagte, sie w\u00fcrden \u201eum ihre Existenz k\u00e4mpfen\u201c. In der Statistik werden sie kurz und eing\u00e4ngig als \u201earm\u201c eingestuft.<\/p>\n<p>In Deutschland gilt als arm, wer nicht viel mehr als die H\u00e4lfte des Durchschnittseinkommens einer Bev\u00f6lkerungsgruppe zur Verf\u00fcgung hat. Es wird auch unterschieden zwischen einem \u201eArmutsrisiko\u201c (auch \u201emilde Armut\u201c genannt), das bei 60 Prozent des Durchschnittseinkommens angesetzt wird, der eigentlichen Armutsgrenze, die mit 50 Prozent definiert wird, und einer \u201estrengen Armut\u201c, die bei 40 Prozent des Durchschnittseinkommens angesetzt wird.<\/p>\n<figure id=\"attachment_196\" aria-describedby=\"caption-attachment-196\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-196 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000832-300x229.jpg\" alt=\"P1000832\" width=\"300\" height=\"229\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000832-300x229.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000832-600x459.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/P1000832.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-196\" class=\"wp-caption-text\">Das Schmuddel-Image werden die Jobcenter im Lande (hier der Beh\u00f6rdeneingang im berlinischen Neuk\u00f6lln) nur schwer los. FOTOS: BARBARA VOLKMER<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt auch eine andere Faustregel. Wer weniger als 940 Euro monatlich zur Verf\u00fcgung hat, ist in Deutschland \u201earmutsgef\u00e4hrdet\u201c \u2013 das ist momentan jeder Sechste in der Republik. Betroffen sind vor allem die jungen Leute zwischen 19 und 25 Jahren: Jeder Vierte muss gegen seine Armut anleben.<\/p>\n<p>Die Zahl rennt und macht das Land \u00e4rmer und \u00e4rmer.<\/p>\n<p>Ein altes Ehepaar bleibt stehen und betrachtet das Display. Die Beiden versuchen zu verstehen. Der Mann nimmt die Brille von der Nase, putzt sie, setzt sie wieder auf. Seine Frau sieht ihn an, henkelt sich bei ihm ein.<\/p>\n<p>\u201eLass\u2018 uns gehen\u201c, sagt sie. Sie hat eigentlich ein sch\u00f6nes Gesicht. Sie hatte sich darauf eingestellt, dieses Berlin zu genie\u00dfen. Unter den Linden, die Museen, eine Glitzer-Revue im Friedrichstadt-Palast, das \u00fcppige Fr\u00fchst\u00fccksbuffet im Hotel.<\/p>\n<p>Und jetzt denkt sie an dieses Billionen-Monster. Das Gesicht ist nicht mehr sch\u00f6n, sondern von Angst entgleist.<\/p>\n<p>Er blickt noch einmal aufs Display; auf die Zahl, die kein Verschnaufen kennt. \u201eJa\u201c, sagt er, \u201egehen wir.\u201c Und dann:<\/p>\n<p>\u201eWahnsinn!\u201c<\/p>\n<p>Es gibt eine Graphik vom Statistischen Bundesamt. Da schieben sich S\u00e4ulen \u00fcbers Papier, die anzeigen, wie viele Personen im jeweiligen Bundesland auf \u201esoziale Mindestsicherungsleistungen\u201c angewiesen sind. Im Klartext: Diese Menschen sind arm oder gerade dabei, arm zu werden.<\/p>\n<p>In Bayern kommen da f\u00fcnf auf hundert. In Berlin sind es mehr 20 Prozent.<\/p>\n<p>Jeder F\u00fcnfte in der Hauptstadt ist also arm.<\/p>\n<p>Und jeder Arme hat klein angefangen.<\/p>\n<p>Jeder Arme h\u00f6rt auch klein auf. Sehr klein manchmal.<\/p>\n<p>So etwa wie Uwe aus der Flughafenstra\u00dfe in Neuk\u00f6lln.<\/p>\n<p>Uwes Geschichte morgen im \u201eJournal\u201c: Ende eines Lebens.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 5. januar 2015\u00a0\u00a0 In der Franz\u00f6sischen Stra\u00dfe zu Berlin h\u00e4ngt \u00fcber einer hohen T\u00fcr ein Display mit einer tollw\u00fctig metastasierenden Zahl. Sie beginnt mit einer \u201e2\u201c \u2013 das sind die Billionen. Daran reiht sich ein Rattenschwanz weiterer Posten. Die vorderen scheinen konstant zu sein, in den hinteren Regionen geht es w\u00fcst zu. 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