{"id":2004,"date":"2015-08-04T19:12:22","date_gmt":"2015-08-04T19:12:22","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=2004"},"modified":"2015-08-04T19:13:47","modified_gmt":"2015-08-04T19:13:47","slug":"sabrina","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/sabrina\/","title":{"rendered":"SABRINA"},"content":{"rendered":"<p><strong>sommer zwanzichfuffzehn IXX<\/strong><\/p>\n<p>Ohne gro\u00dfe Hoffnung schauten die M\u00e4nner vom Arbeitsstrich in die Dunkelheit \u2013 vielleicht w\u00fcrden doch noch die Scheinwerfer des Rum\u00e4nen-Autos auftauchen?<\/p>\n<p>Aber sie wussten eigentlich, dass sie gelinkt worden waren. Hat man immer wieder, wenn man sich auf solche Jobs einl\u00e4sst. Da klopft man den ganzen Tag Steine &#8211; und schaut am Ende in die R\u00f6hre.<\/p>\n<p>Nach eineinhalb Stunden meinte der Gr\u00f6\u00dfere der Maulfaulen, der den ganzen Tag keine zehn W\u00f6rter gesagt hatte: \u201eDie ham uns verscheissert. Die kommen nicht mehr. Ich friere. Ich mach\u2019 mich vom Acker.\u201c<\/p>\n<p>Er marschierte los. \u00dcber verschneite Felder in Richtung der leichten Helligkeit am Nachthimmel. Dort war Berlin, soviel war schon einmal klar.<\/p>\n<p>Wortlos stapften die Anderen hinterher. Irgendwann war die Skyline der Hartz-IV-Hochh\u00e4user auszumachen. Um neun querten sie den ehemaligen Mauerstreifen und waren zur\u00fcck in Berlin. Auch auf den B\u00fcrgersteigen lag Schnee.<\/p>\n<p>Jan, der nette Pole, sagte, fr\u00fcher habe er mal in der N\u00e4he gewohnt. Die U-Bahn sei nicht mehr weit. Er \u00fcbernahm die F\u00fchrung.<\/p>\n<p>\u201eLipschitzallee\u201c hie\u00df die trostlose Station. Ein Kiosk, ein verwahrloster Platz, dunkle Gesch\u00e4fte, ein dunkler Netto-Markt, ein Bierst\u00fcbchen, aus dem gelbes Licht funzelte<\/p>\n<p>Vier verschmutzte M\u00e4nner setzten sich an einen freien Tisch und bestellten Bier und Schnaps. Jeder wusste vom Anderen, dass man das Geld eigentlich nicht hatte.<\/p>\n<p>Sie bestellten die n\u00e4chste Lage. Die zwei Wortkargen h\u00f6rten zu, wie sich Jan und Hans Krohn zu unterhalten begannen. Wie sie sich\u00a0 ausmalten, was sie mit den Rum\u00e4nen anstellen w\u00fcrden. Wie sie \u2013 sie wurden rasch sehr besoffen \u2013 zu erz\u00e4hlen begannen, was sie auf den Strich verschlagen hatte.<\/p>\n<p>Jan und Hans redeten immer mehr.<\/p>\n<p>Noch vor Mitternacht war alles Geld alle. Zusammen gingen sie zur U-Bahn, zusammen fuhren sie mit der Rolltreppe zum Perron. Dort blieben die Maulfaulen schweigend beieinander. Der Pole und Krohn suchten sich verschiedene B\u00e4nke und warteten auf die U7 in die Stadt.<\/p>\n<p>Man wollte nichts mehr miteinander zu tun haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Sie trafen sich in einem Caf\u00e9 am See.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Sabrina.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>&#8220;Sabrina. Wie die Audrey Hepburn aus dem Film.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Ja, genau. Sie gurrte. Freute sich, dass er den Film kannte. Warf das schwarze Haar zur\u00fcck, als er sagte, sie habe etwas von der Film-Sabrina. So tiefe Augen und so.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Ja, er solle sich nicht lustig machen.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>&#8220;Nein, ich meine das ernst. Wollen wir einen Wein trinken?&#8221;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Con piacere. Sie schob den leeren Kuchenteller zur Seite. Tiefbraune Augen. Hans Krohn verliebte sich gern in Augen.<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_2009\" aria-describedby=\"caption-attachment-2009\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2009 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_0646-300x189.jpg\" alt=\"IMG_0646\" width=\"300\" height=\"189\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_0646-300x189.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_0646-600x379.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_0646.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2009\" class=\"wp-caption-text\">Sehnsuchtsorte in Fontane-Land.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Die Bedienung brachte Wei\u00dfwein. Irgendwas von der Mosel. Sabrina kostete und sagte, das sei lecker. Sie sprach nicht gut Deutsch, aber was machte das schon? Sie deutete auf den See und erz\u00e4hlte, ihre Eltern k\u00e4men aus Sardinien, sie liebte das Meer, es fehle ihr hier in Brandenburg sehr. &#8220;Viel Wasser, das ist gut, aber kein Meer.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Die Augen waren jetzt traurig. Er legte eine Hand auf ihren Arm. Sie lie\u00df es zu, blickte ihn lange an.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Sp\u00e4ter gingen sie spazieren. Sie fragte ihn nach seinem Leben.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Hans Krohn begann zu erz\u00e4hlen.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hans Krohn sah nicht mehr klar. In seinem Wagen pennte noch jemand in der Ecke, ansonsten war er allein. Die Gedanken flackerten durcheinander.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Pleite. Wie lang waren wir da drau\u00dfen? Von sechs bis sechs. Halber Tag. Kein Cent \u2013 und den Rest auch noch auf den Kopf gehauen. Wo soll ich morgen Kohle her nehmen?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Ach, scheiss\u2019 drauf. Wenigstens blau.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Morgen hab\u2019 ich Muskelkater, ich schw\u00f6r\u2019s.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Komischer Typ, der Jan. Hat was aufm Kasten und ist nett. Ob dem die Alte jetzt die H\u00f6lle hei\u00df macht?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Kann mir egal sein. Eigentlich muss ich froh sein, dass ich keine Alte hab\u2019.<\/em><\/p>\n<p>Er schwankte, als er ausstieg. Fast h\u00e4tte er sich lang gelegt. Bl\u00f6der Slapstick. Ein paar junge Leute tranken in der warmen U-Bahn-Station ihr Bier und lachten sich scheckig \u00fcber den Dreckspenner. Wenn sie nicht so faul gewesen w\u00e4ren, h\u00e4tten sie jetzt ein paar nette Spielchen mit Krohn gespielt. Penner \u00e4rgern war ein sch\u00f6ner Spa\u00df.<\/p>\n<p>Aber sie hatten keinen rechten Bock. Stie\u00dfen an und lie\u00dfen Hans ziehen.<\/p>\n<p>So f\u00fcgte es sich, dass Hans Krohn, der alte Mann vom Arbeitsstrich, an diesem kalten Tag wenigstens heil nach Hause kam.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong><em>4. august 2015<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn IXX Ohne gro\u00dfe Hoffnung schauten die M\u00e4nner vom Arbeitsstrich in die Dunkelheit \u2013 vielleicht w\u00fcrden doch noch die Scheinwerfer des Rum\u00e4nen-Autos auftauchen? Aber sie wussten eigentlich, dass sie gelinkt worden waren. Hat man immer wieder, wenn man sich auf solche Jobs einl\u00e4sst. 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