{"id":1989,"date":"2015-08-03T19:58:29","date_gmt":"2015-08-03T19:58:29","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1989"},"modified":"2015-08-03T19:58:29","modified_gmt":"2015-08-03T19:58:29","slug":"nieten-und-asse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/nieten-und-asse\/","title":{"rendered":"NIETEN UND ASSE"},"content":{"rendered":"<p><strong>sommer zwanzichfuffzen XVIII<\/strong><\/p>\n<p>Gegen eins war Geb\u00e4ude 1 leer. Der Rum\u00e4ne griff sich unter den Jeans-Stoff, kratzte ausgiebig in der Arschfalte und meinte:<\/p>\n<p>\u201eGut, Mittag. Halbe Stunde Pause. Dann andere Haus.\u201c<\/p>\n<p>Sie setzten sich, mit dem R\u00fccken zur Wand, auf Pappkartons und packten aus, was sie mitgebracht hatten. Krohn riss eine Aldi-Wurstpackung (Schinken, angeblich aus dem Schwarzwald) auf, holte das preiswerte Brot (volles Korn) und die T\u00fcte Milch (Magerstufe) aus seinem Rucksack. Halt, noch den Senf (D\u00fcsseldorfer, angeblich) \u2013 er war schlie\u00dflich Genie\u00dfer.<\/p>\n<p>Zwei Scheiben Schinken aufs Brot, den Senf mit dem Taschenmesser drauf gestrichen, eine Scheibe Brot drauf.<\/p>\n<p>Das schmeckte immer.<\/p>\n<p>Er trank und a\u00df gierig. Eine halbe Stunde war so schnell vorbei.<\/p>\n<p>Die beiden Maulfaulen hatten ihre Stullen schon zuhause geschmiert und packten bed\u00e4chtig eine nach der anderen aus. Dazu tranken sie Bier (das Gute aus der Plastikflasche, die man beim Aldi recycelt).<\/p>\n<p>Jan hatte Vorgekochtes dabei. Mit Genuss l\u00f6ffelte er eine Art kalten Eintopf aus der Tuppersch\u00fcssel. Er trank sehr schnell die Wasserflasche (still, reine Quelle, eineinhalb Liter) leer. Danach gab es ein St\u00fcck Kuchen.<\/p>\n<p>\u201eWillst Du auch? Selbst gebacken, von meiner Frau\u201c, fragte er und sah ziemlich froh und sehr nett aus.<\/p>\n<p>Krohn lehnte ab. Eigentlich h\u00e4tte er gerne auch so einen Kuchen gehabt \u2013 aber er wollte Jan nichts weg essen. Dessen Frau hatte mit Sicherheit nicht f\u00fcr einen Fremden gebacken.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen lag der Schnee mittlerweile kn\u00f6chelhoch. Es war sehr still. Von ganz ferne raunte die Stadt \u2013 ansonsten h\u00f6rte man nur vier M\u00e4nner, die kauten, schluckten und schwer schnauften.<\/p>\n<p>Und die seufzend ihre Habseligkeiten in den Rucks\u00e4cken verstauten, als die halbe Stunde vorbei war.<\/p>\n<p>Dann h\u00f6rte man vier M\u00e4nner, die sich \u00e4chzend erhoben. Alsdenn!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">xxx<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Geb\u00e4ude 2 zerfiel die Einrichtung einer Schweinezucht. Die M\u00e4nner mussten viel Metall \u2013 Gitter, Gatter, Roste, Stangen \u2013 entsorgen. Trotz der K\u00e4lte schwitzten alle. Die beiden Rum\u00e4nen-Transporter fuhren den Hof im Akkord an. Kaum war einer beladen, stand auch schon der andere leer und fordernd da.<\/p>\n<p>Schweigend schufteten die M\u00e4nner. Jetzt hatte mit Sicherheit jeder das Denken eingestellt.<\/p>\n<p>Krohn war ein sportlicher Typ. War Marathons gelaufen, liebte k\u00f6rperliche Herausforderungen.<\/p>\n<p>Jetzt mochte er sich gerade gar nicht. Da die Handschuhe mittlerweile nass waren, hatte er klamme Finger, die beim Zupacken schmerzten. Vieles tat weh. Der R\u00fccken, der Nacken, die Unterarme, die Knie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>Er w\u00fcrde also nicht in die Stadt fahren. Hans Krohn schlenderte vom Bahnhof zum Marktplatz. Es roch nach Bratwurst &#8211; selbst an diesem he\u00dfen Sommertag roch es nach Bratwurst.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>Krohn kaufte in der Buchhandlung einen Fontane-Gedichtband, setzte sich vor ein Caf\u00e9 und begann zu lesen. Doch noch hatte er nicht die rechte Ruhe. Er trank aus und ging \u00fcber den Markt.<\/strong><\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_2002\" aria-describedby=\"caption-attachment-2002\" style=\"width: 281px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2002 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_0698-281x300.jpg\" alt=\"IMG_0698\" width=\"281\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_0698-281x300.jpg 281w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_0698-600x641.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_0698.jpg 890w\" sizes=\"auto, (max-width: 281px) 100vw, 281px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2002\" class=\"wp-caption-text\">Mal sehen, wo das hin f\u00fchrt.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>Fahrende H\u00e4ndlerinnen aus Italien. Mutter und Tochter. Die Tochter schnippisch und uninteressant. Die Mutter sinnlich, voller L\u00e4cheln, voller Fragen.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>Was sie ihm raten w\u00fcrde.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>Er solle den Hartk\u00e4se aus Sardinien nehmen. Da, er k\u00f6nne ein St\u00fcck probieren. Sie hielt ihm ein Holzst\u00e4bchen hin.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>Gut, der K\u00e4se.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>Ob der unbedingt sofort in den K\u00fchlschrank m\u00fcsse?<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>Nein, sagte sie. Der halte was aus, der K\u00e4se.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>Was f\u00fcr ein L\u00e4cheln.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>Er wolle ihn mit auf eine Wanderschaft nehmen, deswegen habe er gefragt.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>Wanderschaft. &#8220;Wohin gehst Du?&#8221;<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>&#8220;Wei\u00df nicht.&#8221;<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>&#8220;Hast Du Eile?&#8221;<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>L\u00e4cheln und Versprechen.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>&#8220;Nein, ich habe viel Zeit.&#8221;<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>Sie habe gleich finito, eine Kollegin \u00fcbernehme den Nachmittag.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>&#8220;Darf ich Sie einladen. Vielleicht an den See.&#8221;<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>Gern sagte sie. Gern.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>Hans Krohn hatte das Gef\u00fchl, jetzt k\u00f6nne sich das Blatt endlich mal drehen f\u00fcr ihn.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>Wurde auch Zeit.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/strong><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er beugte sich \u00fcber ein St\u00fcck M\u00fcll, suchte nach dem besten Griff und richtete sich auf. Dann waren sie besonders intensiv, die Schmerzen. Er drehte sich in Richtung des Lasters und setzte sich in Bewegung. Kurz waren die Schritte geworden. Jetzt taten auch noch die F\u00fc\u00dfe weh.<\/p>\n<p>Das war ein Schei\u00df-Job hier. Selbst f\u00fcr den Arbeitsstrich war das eine Zumutung.<\/p>\n<p>Nach sehr vielen kleinen Schrittchen erreichte Krohn den Laster. Verdammt, sie hatten schon wieder so hoch aufgeladen, dass er die Last bis in Gesichtsh\u00f6he w\u00fcrde hieven und dann auf das andere Ger\u00fcmpel sto\u00dfen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Normalerweise w\u00e4re das eine Kleinigkeit gewesen. Doch jetzt musste er sich konzentrieren. Wenn er das jetzt versemmelte, w\u00fcrde dieses verschissene St\u00fcck Eisen ihm vor die F\u00fc\u00dfe fallen, er musste es aufheben \u2013 und alles noch einmal von vorne.<\/p>\n<p>Also hob und stemmte und schubste er mit aller Kraft, die noch da war.<\/p>\n<p>Und jetzt tat alles besonders weh. Alles.<\/p>\n<p>Danach war der M\u00fcll auf dem M\u00fcll \u2013 die Schmerzen klangen allm\u00e4hlich ab, w\u00e4hrend er zum Geb\u00e4ude zur\u00fcck schlurfte. Er stolperte durchs Tor, n\u00e4herte sich einem Berg Schrott und hatte ein schlimmes klammes Gef\u00fchl. Gleich w\u00e4ren sie wieder da.<\/p>\n<p>Die Schmerzen.<\/p>\n<p>Gegen sechs begannen die Vier miteinander S\u00e4tze zu wechseln. Ihnen war nach Witzen zumute. Sie sp\u00fcrten, wie hart der Tag gewesen war \u2013 doch nun war er bald vorbei.<\/p>\n<p>\u201eWas glaubste? Noch zehn Touren jeder?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNie. Gleich sind wir fertig.\u201c<\/p>\n<p>Ein voller Laster verlie\u00df den Hof.<\/p>\n<p>Dann kam kein Laster mehr.<\/p>\n<p>Sie stellten sich in dem leer ger\u00e4umten Geb\u00e4ude 2 unter und warteten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzen XVIII Gegen eins war Geb\u00e4ude 1 leer. Der Rum\u00e4ne griff sich unter den Jeans-Stoff, kratzte ausgiebig in der Arschfalte und meinte: \u201eGut, Mittag. Halbe Stunde Pause. Dann andere Haus.\u201c Sie setzten sich, mit dem R\u00fccken zur Wand, auf Pappkartons und packten aus, was sie mitgebracht hatten. 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