{"id":1974,"date":"2015-07-31T15:45:01","date_gmt":"2015-07-31T15:45:01","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1974"},"modified":"2015-08-03T19:21:25","modified_gmt":"2015-08-03T19:21:25","slug":"last-chance","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/last-chance\/","title":{"rendered":"LAST CHANCE?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left\"><strong>sommer zwanzichfuffzehn XVI<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>Der langsame Geher Hans Krohn lie\u00df sich nieder. Es ward Abend, er w\u00fcrde diese Lichtung nicht mehr verlassen. Er dachte nach diesem Tag der ziellosen Wanderschaft an nichts mehr.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>Und an alles.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>Krohn hatte sich gezwungen:<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>Noch einmal das Gef\u00fchl an sich heran lassen, das Gef\u00fchl aus den scheinbar bew\u00e4ltigten Tagen:<\/strong><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die \u201eHauptagentur f\u00fcr Arbeit Berlin-S\u00fcd\u201c ist in der Sonnenallee 282, 12057 Berlin. Das ist keine sch\u00f6ne Gegend dort. Die wenigen verwetterten Einfamilienh\u00e4user ducken sich hinter Hecken weg. Die Hochh\u00e4user sind verschossen und nicht einladend. Freudlose Menschen kommen heraus und gehen hinein \u2013 darauf bedacht, niemanden ansehen zu m\u00fcssen. Kinder spielen ruppige Ballspiele und schlagen die Zeit tot. An der Aral-Tankstelle stehen immer ein paar Figuren herum, die es aufgegeben haben, sich wert zu sch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Das Arbeitsamt, wieder so ein hoher grauer Kasten. Viele Glasfl\u00e4chen, aber das macht das Geb\u00e4ude nicht freundlicher.<\/p>\n<p>Hinter grauer Fassade verwaltet ein Heer von Kafka-Beamten die resignierten Arbeitslosen. Die B\u00fcro-Lemuren aus der Sonnenallee 282 bilanzieren getreulich, was mit den Hoffnungslosen so passiert im Laufe eines Jahres. Das wird zu Papier gebracht und liest sich dann folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p><em>Im vergangenen Jahr haben sich die Rahmenbedingungen f\u00fcr den Bezirk der Agentur f\u00fcr Arbeit Berlin S\u00fcd nicht gravierend gegen\u00fcber dem Vorjahr ver\u00e4ndert.<\/em><\/p>\n<p><em>Im Bezirk der Arbeits-Agenturen Berlin S\u00fcd leben circa. 1,16 Millionen Menschen. Dies entspricht rund einem Drittel der Gesamtberliner Bev\u00f6lkerung. Davon sind 51,1 Prozent Frauen und 48,9 Prozent M\u00e4nner.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Anteil der Mitb\u00fcrgerinnen und Mitb\u00fcrger mit Migrationshintergrund betr\u00e4gt im Bezirk 26,3 Prozent und reicht von einem Anteil im Bezirk Neuk\u00f6lln von 39,6 Prozent bis 7,1 Prozent in Treptow K\u00f6penick.<\/em><\/p>\n<p><em>Auch in den Stadtbezirken der Agentur f\u00fcr Arbeit Berlin S\u00fcd war die globale Wirtschafts- und Finanzkrise in einigen Branchen zu sp\u00fcren. Der Arbeitsmarkt hat sich im letzten Jahr jedoch deutlich besser entwickelt als erwartet und erwies sich erfreulich stabil<\/em><\/p>\n<p><em>Mit einem Anstieg der sozialversicherungspflichtigen Besch\u00e4ftigung um 1,6 Prozent lag Berlin bundesweit an der Spitze aller Bundesl\u00e4nder.<\/em><\/p>\n<p><em>Im Agenturbezirk Berlin S\u00fcd stieg die Zahl der Arbeitslosen im Vergleich zum Vorjahr um 3,4 Prozent (2.328 Personen) von 68.381 auf 70.709. Die Arbeitslosenquote, bezogen auf alle zivilen Erwerbspersonen, betrug im Jahresdurchschnitt 13,6 Prozent.<\/em><\/p>\n<p>Hans Krohn erlebte das Amt nicht Grau in Grau sondern als schwarzen Klotz, beleuchtet von ein paar Laternen-Funzeln und den Scheinwerferspielen weniger Autos auf der Sonnen- und der Grenzallee.<\/p>\n<p>Es war vier Uhr morgens. Nur wenige Menschen, vor allem M\u00e4nner, schlurften den Gehweg entlang, bogen aufs Grundst\u00fcck des Arbeitsamts ein, passierten eine Durchfahrt und querten einen dunklen Hinterhof. Sie wollten zu der Stahlt\u00fcr, die um diese Zeit f\u00fcr den Besucherverkehr schon aufgesperrt war.<\/p>\n<figure id=\"attachment_194\" aria-describedby=\"caption-attachment-194\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-194 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/IMG_0601-300x225.jpg\" alt=\"IMG_0601\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/IMG_0601-300x225.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/IMG_0601-600x450.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/IMG_0601.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-194\" class=\"wp-caption-text\">Hier stinkt es!<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Raum hinter der T\u00fcr war nicht sehr gro\u00df. Es roch nach abgestandener Luft, nach Knoblauch, Alkohol und Ungewaschen-Sein. Zwei Dutzend Menschen warteten.<\/p>\n<p>Viele kannten sich. Da war der Jugo, der sich gar keine gro\u00dfen Hoffnungen machte \u2013 er konnte nur nicht schlafen, zuhause fiel ihm die Decke auf den Kopf, und drau\u00dfen war es zu ungem\u00fctlich. Sp\u00e4ter w\u00fcrde er es sich vor dem Bistro am S-Bahnhof K\u00f6llnische Heide gem\u00fctlich machen.<\/p>\n<p>Da war der kleine Thai-Mann. Der lie\u00df sich nicht unterkriegen. An jedem Werktag tauchte er auf \u2013 und wenn er mal einen Job ergatterte, strahlte er \u00fcbers ganze Gesicht. Aber das war nicht oft so: Grund zum Strahlen hatte er vielleicht zwei-, dreimal im Monat.<\/p>\n<p>Oder der Berliner mit dem Narbengesicht. Er sah gef\u00e4hrlich aus, war aber eine Seele von Mensch. Wenn einer zum ersten Mal in der Sonnenallee Arbeit f\u00fcr \u2018nen Tag suchte, half ihm der Icke \u00fcber die Runden. Wo man sich am besten hin stellte, wenn man nicht \u00fcbersehen werden wollte. Was f\u00fcr Jobs ein gutes Gef\u00fchl machten, und von welchen man am besten die Finger lassen sollte. Wer im Raum ein guter Kumpel war, wer schnell austickte, wo die Linkmichel sa\u00dfen\u2026 Solche Sachen eben.<\/p>\n<p>Zwischen halb f\u00fcnf und f\u00fcnf kam jemand und vergab \u2013 ein wenig g\u00f6nnerhaft &#8211;\u00a0 die Gl\u00fcckskarten des Tages. Verst\u00e4rkung f\u00fcr die Schneer\u00e4umkommandos im Winter, Notfall-Besatzung an Gro\u00dfbauprojekten. Helfershelfer beim Stadtputz\u2026 Solche Sachen eben.<\/p>\n<p>Wer einen Job zugeschanzt bekam, war einen Tag ein gl\u00fccklicher Mann. In den n\u00e4chsten Stunden hatte er das Gef\u00fchl, gebraucht zu sein. Abends gab es einen Fuffi auf die Kralle \u2013 wunderbares Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>Aber eine unsichere Sache blieb das doch. Es gab nicht genug Arbeit im Angebot. In der Sonnenallee gehst Du oft unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Dann bist Du den ganzen Tag ger\u00e4dert, weil Du so fr\u00fch aus den Pl\u00fcnnen musstest. Du f\u00fchlst Dich nutzlos, hast keine Energie f\u00fcr sinnvolle Aktionen. Du kannst ziemlich sicher sein, dass das ein mieser Tag wird.<\/p>\n<p>Wer mit Icke dar\u00fcber redet, dem wird er sagen: Wenn\u2019de Dir traust, gehste ebent auf\u2019n Strich. Momentan is der am Treptower Park. Is aber nich ganz unjef\u00e4hrlich. Wenn\u2019de Pech hast, wirste total beschissen. Und vor der Bullerei sollteste Dir auch h\u00fcten. Obwohl, ich meine: Den Bullen is eijentlich ejal, wat da passiert. Dit is denen zu poplich.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>31. juli 2015<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn XVI &#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;- Der langsame Geher Hans Krohn lie\u00df sich nieder. Es ward Abend, er w\u00fcrde diese Lichtung nicht mehr verlassen. Er dachte nach diesem Tag der ziellosen Wanderschaft an nichts mehr. Und an alles. 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