{"id":1958,"date":"2015-07-25T21:13:00","date_gmt":"2015-07-25T21:13:00","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1958"},"modified":"2015-07-25T21:13:00","modified_gmt":"2015-07-25T21:13:00","slug":"high-noon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/high-noon\/","title":{"rendered":"HIGH NOON"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><strong><em>sommer zwanzichfuffzehn XIV<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&#8220;Ja!&#8221;<\/p>\n<p>Kein Fragezeichen, das &#8220;Ja&#8221; kam kurz und schnarrend als Befehl aus der Gegensprechanlage.<\/p>\n<p>&#8220;Ja!&#8221;<\/p>\n<p>Eugen Matuschke hatte diese Stimme nie ausstehen k\u00f6nnen. Mit den Jahren war sie immer rauher und b\u00f6sartiger geworden.<\/p>\n<p>&#8220;Wer &#8216;n da?&#8221;<\/p>\n<p>Matuschke \u00e4rgerte sich, dass er dem Bruder antworten musste.<\/p>\n<p>&#8220;Eugen. Mach auf. Wir m\u00fcssen reden.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Nee.&#8221;<\/p>\n<p>Eugen Matuschke starrte auf die Klingelleiste. Als ob die etwas daf\u00fcr konnte!<\/p>\n<p>&#8220;Doch. Mach auf. Sonst&#8230;&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Du Arschloch, was hei\u00dft da ,sonst&#8217;? Schickt der mir doch glatt den Anwalt auf den Hals. Und dann will er auch noch reden. Da gibt&#8217;s nichts zu reden. Ich will meinen Anteil &#8211; und Schluss. \u00dcbrigens, den Brief von Deinem Rechtsverdreher kannst Du Dir irgendwohin schieben. Und jetzt lass&#8217; mir meine Ruhe.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Du h\u00f6rst mir jetzt zu.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Gar nicht zuh\u00f6ren werde ich. Ich gehe jetzt zum Telefon und ruf&#8217; die Bullen. Und dann sehen wir mal, wie schnell die Dich in die Anstalt bringen.&#8221;<\/p>\n<p>Es knackte in der Anlage. Eugen Matuschke \u00fcberlegte. Er stank nach Fusel und war ein Penner aus dem Bilderbuch. Niemand mochte ihn &#8211; es gab Bullen, die ihn mit Freude hopp nehmen w\u00fcrden. Wenn er dann noch ausrastete &#8211; dann w\u00fcrde das nicht gut weiter gehen.<\/p>\n<p>Z\u00f6gernd drehte er sich um, trat auf die Stra\u00dfe. Er blickte zum Fenster der Wohnung im zweiten Stock. Der Bruder hatte die Gardinen auseinander gezogen und grinste nach unten.<\/p>\n<p>Matuschke ging. Er marschiert \u00fcber den Marktplatz in die Bank. Frau Stolpe hinter dem Schalter erschrak, fing sich: &#8220;Herr Matuschke, guten Tag, was kann ich tun?&#8221;<\/p>\n<p>Geld wollte er. Na sicher, sagte sie. Erschrak wieder, als er 2000 Euro aufrief, in Hunderter-Scheinen.<\/p>\n<p>Er nahm die Kohle in Empfang, stopfte sie in eine Tasche der kurzen Hose, verlie\u00df die Bank, ging in Richtung Ortsausgang, bog hinter dem Elektrogesch\u00e4ft auf den Parkplatz des Supermarkts ein, besorgte sich zwei Flaschen, verstaute sie in einer T\u00fcte, trat wieder auf den Parkplatz, kaufte in der B\u00e4ckerei einen Pott Kaffee, setzte sich an eines der Tischchen, von denen aus man jeden Marktkunden beobachten konnte.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1964\" aria-describedby=\"caption-attachment-1964\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1964 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0507-225x300.jpg\" alt=\"IMG_0507\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0507-225x300.jpg 225w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0507-600x800.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0507.jpg 735w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1964\" class=\"wp-caption-text\">Voil\u00e0: der Treff f\u00fcr nette Menschen!<\/figcaption><\/figure>\n<p>Er tat viel Milch in den Kaffee, f\u00fcllte mit Wodka auf, trank. F\u00fcllte wieder auf. Das Spiel hatten sie schon als Jugendliche gemocht. &#8220;Schweden-Punsch&#8221; hatten sie es genannt. Hellen Kaffee so lange saufen und mit Schnaps auff\u00fcllen, bis der Boden der Tasse gut zu erkennen war. Tolle Wirkung garantiert.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend er sich am Schweden-Punsch abarbeitete, h\u00f6rte er grimmig den Leuten aus dem Dorf zu, die vor dem Markt ihr kleines Schw\u00e4tzchen hielten. Viele unansehnliche Frauen und aus dem Leim gegangene verquollene M\u00e4nner hatten sich Wichtiges zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Der Dingsbums sei wieder ins Krankenhaus gekommen, der Krebs war zur\u00fcck. Die Frau vom &#8220;Stadtwirt&#8221; habe es beim Kegeln erwischt &#8211; Bandscheibe. Einer klagte, der neue Zahnarzt tauge nichts, der sei nur aufs Geld aus. Ja, das kenne sie, best\u00e4tigte eine Frau, und beim Doktor in der Blumenstra\u00dfe hatte sie unl\u00e4ngst \u00fcber eine Stunde warten m\u00fcssen. F\u00fcr f\u00fcnf Minuten Untersuchung und den Rat, nicht soviel zu rauchen und mehr an die frische Luft zu gehen. Man m\u00fcsse sich das mal vorstellen!<\/p>\n<p>Verstauchter Fu\u00df. Masern. Pseudo-Krupp. Viel zu jung gestorben. Dem Suff verfallen. Unheilbar. Schwei\u00dff\u00fc\u00dfe und H\u00fchneraugen. Lichtempfindlichkeit und Depression.<\/p>\n<p>Matuschke s\u00fcffelte seinen Punsch, beruhigte sich leidlich. Das mit dem Bruder verga\u00df er nicht, aufgeschoben, nicht aufgehoben.<\/p>\n<p>In der Tasche f\u00fchlte er fast zweitausend Euro, in seinem Kopf machte sich b\u00f6ses Wach-Sein breit. Jetzt wollte er erst einmal seinen Spa\u00df haben. Der Ritt konnte beginnen.<\/p>\n<p>Er tastete in der zweiten Hosentasche. Ja, Handy war dabei. Matuschke rief den \u00f6rtlichen Taxiunternehmer an. Er brauchte einen Wagen, sofort. Wohin? Ging das jemanden was an? Wie gesagt: Ein Wagen! Sofort!<\/p>\n<p>Auf ex weg mit dem Rest-Kaffee. Das Aufstehen war ein wenig wacklig, wahrscheinlich wegen der Hitze. Aber das H\u00f6ren klappte einwandfrei.<\/p>\n<p>&#8220;Rheuma.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Anf\u00e4lle.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Er plagt sich sehr mit der Akne. Und dann die Pubert\u00e4t.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Das ist schlimm mit dem Schwitzen.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Ich hab&#8217; meine Wechseljahre \u00fcberhaupt nicht gesp\u00fcrt.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Sei froh.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Der Vater macht es nicht mehr lang.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Jaja. Schlimm.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Ich darf keinen Zucker.&#8221;<\/p>\n<p>Sie waren zum Kotzen, diese Frauen und M\u00e4nner mit ihren voll bepackten Einkaufskarren. Der ganze Ort war sowas von krank.<\/p>\n<p>Endlich: das Taxi.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>25. juli 2015<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn XIV &#8220;Ja!&#8221; Kein Fragezeichen, das &#8220;Ja&#8221; kam kurz und schnarrend als Befehl aus der Gegensprechanlage. &#8220;Ja!&#8221; Eugen Matuschke hatte diese Stimme nie ausstehen k\u00f6nnen. Mit den Jahren war sie immer rauher und b\u00f6sartiger geworden. &#8220;Wer &#8216;n da?&#8221; Matuschke \u00e4rgerte sich, dass er dem Bruder antworten musste. &#8220;Eugen. Mach auf. 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