{"id":1950,"date":"2015-07-24T21:24:55","date_gmt":"2015-07-24T21:24:55","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1950"},"modified":"2015-07-25T21:16:03","modified_gmt":"2015-07-25T21:16:03","slug":"bruderliebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/bruderliebe\/","title":{"rendered":"BRUDERLIEBE"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><em><strong>sommer zwanzichfuffzehn XIII<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Den Weg war er schon als Sch\u00fcler gegangen. Meistens allein, die anderen Kinder vom Aussiedlerhof mochte ihn nicht im Rudel haben. So war er f\u00fcr sich den Feldweg entlang getr\u00f6delt, ein bisschen rascher hatte er den Wald gequert und nach einer halben Stunde den Ort erreicht. Den kleinen Kanal auf der Br\u00fccke \u00fcberquert, dann konnte er links schon das Schulhaus sehen.<\/p>\n<p>Im Herbst kam er oft durchn\u00e4sst an, und in der Klasse roch es streng nach feuchter Kleidung. Wenn es Mai wurde, musste er nach dem Gang durchs Getreide dauernd niesen und hatte Asthmaanf\u00e4lle. Im Winter war er froh, wenn er im Klasszimmer M\u00fctze und Handschuhe abstreifen konnte &#8211; und manchmal so durchgefroren, dass er in der ersten Stunde gar nicht mit bekam, wenn er aufgerufen wurde.<\/p>\n<p>Den Weg nach Hause mochte er noch weniger als den Marsch am Morgen. Im Fr\u00fchjahr zu hei\u00df und der Anfang allen Heuschnupfens. Im Herbst zu nass und zu windig. Im Winter elend kalt und noch einsamer als sonst. Der Weg in die Schule war \u00e4rgerlich und m\u00fchsam. Wenn Eugen freilich nach Hause trottete, stank es ihm noch mehr, er war ja nie sicher, welchen \u00c4rger es dort geben w\u00fcrde.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1839\" aria-describedby=\"caption-attachment-1839\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1839 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0437-225x300.jpg\" alt=\"IMG_0437\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0437-225x300.jpg 225w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0437-600x800.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0437.jpg 735w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1839\" class=\"wp-caption-text\">Die Sonne des Ostens.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Dann bekam er sein erstes Moped. Und ging nie mehr zu Fu\u00df in den Ort. Nach dem Moped kamen die Trabants und die Wartburgs. &#8217;85 schwatzte er einem Russen, der in die Heimat versetzt wurde, einen Moskvitsch ab. Da war dann der Motoren-King. 1488 Kubik. Rotbeige lackiert. 50 PS. Innen Teilleder. Und ein griffiges Holzlenkrad. Das konnte nur einer der wenigen Wessis toppen, der sich mit seinem Golf oder gar Mercedes in diese abgelegene DDR-Provinz verirrte.<\/p>\n<p>Normalerweise war Eugens Moskvitsch der Wagen Nummer Eins am See. Wenn er aber die Leute \u00e4rgern wollte, fuhr er mit einer der gro\u00dfen Landmaschinen zum Konsum oder zur Gastwirtschaft. Er wusste, dass sie ihn auf dem Kieker hatten und trank in Ma\u00dfen. Machte ja eigentlich auch keinen Spa\u00df: So allein in der Wirtschaft zu hocken und mit anzuh\u00f6ren, was die ehemaligen Klassenkameraden am Stammtisch beredeten. Nicht dass es Eugen interessiert h\u00e4tte &#8211; er war einfach anders als sie. Aber wenn er so sein Bier im Solo trank, wurde ihm unangenehm bewusst, dass ihn keiner hier bei sich haben mochte. Also wurde Eugen Matuschke an den vielen Abenden vor dem Fernseher zuhause zum durchtrainierten S\u00e4ufer.<\/p>\n<p>Die Frau war nicht aus der Gegend gewesen. Sie hatte gekellnert und ehe ihr klar wurde, dass man mit dem Eugen nicht zusammen leben konnte, waren sie verheiratet gewesen. Er hatte ihr leidenschaftslos zwei Kinder gemacht. Aber sie war ihm egal gewesen. Er schaffte Ostgeld und Westgeld ran und fand immer neue Varianten, den Sozialismus ums Kapital zu beschei\u00dfen. Tags\u00fcber Geld scheffeln und an einem Motor schrauben, abends saufen und mit dem Vater streiten &#8211; das war&#8217;s.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Frau &#8211; das musste man verstehen &#8211; hatte er keine Zeit. Sollte sie sich ums Essen und die Kinder k\u00fcmmern (ach, die Kinder waren auch sehr unwillkommen). Eugen Matuschke jedenfalls hatte keine Verwendung f\u00fcr die Person, die immer mehr zum Neutrum verkam.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1939\" aria-describedby=\"caption-attachment-1939\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1939 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_6152-300x227.jpg\" alt=\"IMG_6152\" width=\"300\" height=\"227\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_6152-300x227.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_6152-600x453.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_6152.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1939\" class=\"wp-caption-text\">Alles nur Fassade. FOTOS: BARBARA VOLKMER<\/figcaption><\/figure>\n<p>Dann die Wende. Matuschke steckte bei der Treuhand die Claims ab. Er schaffte sich einen kleinen Tresor an, in dem er seine Papiere verwahrte. Einmal wollte seine Frau wissen, was f\u00fcr Gesch\u00e4fte er da mache, nur so. Da ballerte er ihr eine. Nur so.<\/p>\n<p>Sie vergriff sich an seinem Wodka. Da schmiss er die Schrazen und die Frau raus. Mietete sie in einer der \u00fcbrig gebliebenen Plattenbauten im Ort ein, versorgte sie mit einem kleinen monatlichen Zuschuss, der immer weniger wurde, ansonsten waren sie f\u00fcr ihn Luft.<\/p>\n<p>Nur so.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">xxx<\/p>\n<p>Er kam an die Br\u00fccke. Blickte in den Sommerhimmel und \u00e4rgerte sich \u00fcber die Hitze.<\/p>\n<p>Heute w\u00fcrde er seinem Bruder die Meinung geigen. Der hatte ihm ein Schreiben vom Anwalt zustellen lassen und Geld eingefordert. Das st\u00fcnde ihm zu &#8211; sozusagen als Pflichtteil nach dem Tod der Eltern.<\/p>\n<p>Dabei waren die Eltern schon so lange unter der Erde, dass von ihnen wahrscheinlich nur noch ein paar Knochen rum lagen.<\/p>\n<p>Der Bruder und er hatten telefoniert und waren sofort im Streit. &#8220;Ich sag&#8217; Dir was&#8221;, bellte der Bruder ins Telefon, &#8220;jeder wei\u00df doch, dass Du irre geworden bist da drau\u00dfen. Wenn ich nicht kriege, was mir zusteht, sorge ich daf\u00fcr, dass Du in der Klapse landest. Dann habe ich alles. Mein letztes Wort ist das.&#8221;<\/p>\n<p>Dieser Verlierer. Dieser Stasi-Schn\u00f6sel. Diese Null, die in der Siedlung lebte, in der Eugen auch seine Sippschaft abgelegt hatte. Der musste sich schon einen anderen zum Feind machen!<\/p>\n<p>Eugen Matuschke war in der Stra\u00dfe mit den Plattenbauten angelangt. Hatte sich nicht viel ge\u00e4ndert, seitdem sie die Mauer zum Westen platt gemacht hatten.<\/p>\n<p>Bl\u00fchende Landschaften?<\/p>\n<p>Nicht hier. Hier war Endstation.<\/p>\n<p>Viele Wohnungen standen leer. Kinder kurvten zwischen M\u00fcllk\u00fcbeln rum. Ein paar Jugendliche l\u00fcmmelten in einem Eingang und tranken ein fr\u00fches Bier. Einer lie\u00df seinen h\u00e4sslichen Hund in die r\u00e4udigen Rabatten kacken. Eine knochige Frau trug schwer an zwei Einkaufst\u00fcten. Sie sah sehr d\u00fcnn und krank und gelb aus.<\/p>\n<p>Eugen Mattuschke wechselte die Stra\u00dfenseite.<\/p>\n<p>Weiter zum Bruder.<\/p>\n<p>Die Frau blieb seufzend stehen, setzte die T\u00fcten ab, wischte den Schwei\u00df von der Stirn und blickte hinter Eugen Matuschke her.<\/p>\n<p>Was ihr Mann nur hier wollte?<\/p>\n<p>Naja, auf keinen Fall wollte er was von ihr.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>24. juli 2015<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn XIII Den Weg war er schon als Sch\u00fcler gegangen. Meistens allein, die anderen Kinder vom Aussiedlerhof mochte ihn nicht im Rudel haben. So war er f\u00fcr sich den Feldweg entlang getr\u00f6delt, ein bisschen rascher hatte er den Wald gequert und nach einer halben Stunde den Ort erreicht. 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