{"id":1944,"date":"2015-07-23T20:29:02","date_gmt":"2015-07-23T20:29:02","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1944"},"modified":"2015-07-23T20:29:02","modified_gmt":"2015-07-23T20:29:02","slug":"true-show","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/true-show\/","title":{"rendered":"TRUE SHOW"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><strong><em>sommer zwanzichfuffzehn XII<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Er war eine gute Stunde unterwegs, als Hans Krohn in ein Unwetter geriet, das aus dem Nichts zu kommen schien. Der Regen r\u00fcckte wie eine Wand aus Westen gegen ihn vor. Zum Teufel noch einmal, Krohn haderte heftig. Vor ein paar Tagen erst war er bei Berlin durch feindlichen Regen marschiert, nun schon wieder so ein Stress! Und das nach dem Abstecher auf den Hof des durchgeknallten Eugen Matuschke. Das war alles sehr anstrengend, wie eine Auszeit von der Gro\u00dfstadt f\u00fchlte es sich nicht an.<\/p>\n<p>Aber es half ja nichts. Krohn sah nach, ob Notizbuch, Handy und Radio gut in der Plastikt\u00fcte verpackt waren. Er fluchte, schulterte den Rucksack und patschte durch die endlosen Pf\u00fctzen in Richtung Neuruppin. Das w\u00fcrde sich noch hin ziehen. Naja, wenigstens wusch es den Dreck aus den Poren, den Krohn von Matuschke mitgenommen hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">xxx<\/p>\n<p>Das schwere Wetter zog ungebremst weiter und erreichte den schlafenden Eugen Matuschke. Den weckten die ersten dicken Tropfen noch nicht, doch als dann die Wand \u00fcber dem Hof stand, knurrte der S\u00e4ufer, knipste die Augen auf und blickte auf die kleinen Explosionen von spritzendem Schlamm. Sturm r\u00fcttelte an Planen, am Haus klapperte ein Fensterladen.<\/p>\n<p>Matuschke grabbelte nach der Wodkaflasche, die unter die Bank gekollert war. Sie war dreckverschmiert, aber zufrieden konstatierte der Bauer, dass es noch einen Rest-Trunk gab. Er leerte die Flasche, stemmte sich hoch und stand auf. Er stapfte durch den Matsch zur Stallt\u00fcr. Stie\u00df sie auf und m\u00fchte sich \u00fcber die knarzende Stiege in den ersten Stock.<\/p>\n<p>Im Erdgeschoss hatte die Familie fr\u00fcher gelebt. So mit Eltern-Schlafzimmer, Wohnk\u00fcche, Abstellkammer, gro\u00dfem Flur, einem Raum f\u00fcr den Opa und mit einem Zimmer, das nur an Feiertagen aufgeschlossen wurde. Wie man das auch gehabt hatte in Ostpreussen.<\/p>\n<p>Das Erdgeschoss hatte er schon lange nicht mehr betreten. Es war nach dem Tod des Vaters und der Mutter &#8211; sie starben kurz hintereinander im selben Jahr &#8211; schnell verwahrlost. Das Sanit\u00e4re war ausgefallen, und Matuschke hatte einen Raum nach dem anderen vollgem\u00fcllt. Mit grimmiger Disziplin hatte er Berge aus Essensresten und Dosen und Flaschen und Zeitungen gebaut. Zuerst in der K\u00fcche, dann in Opas Zimmer, im Schlafraum der Eltern. Und als er keinen Weg durch den M\u00fcll mehr gefunden hatte, war es an der Zeit, den verschlossenen Raum zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1942\" aria-describedby=\"caption-attachment-1942\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1942 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_6117-300x198.jpg\" alt=\"IMG_6117\" width=\"300\" height=\"198\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1942\" class=\"wp-caption-text\">Truman was here.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Er hatte gro\u00dfes Vergn\u00fcgen gehabt, zu sehen, wie auch hier die M\u00fcllhalde bis zu den Knien wuchs.<\/p>\n<p>Matuschke selbst, schon damals einer der reichsten M\u00e4nner der Region, wohnte zu dieser Zeit in einem Zimmer im ersten Stock. Das hielt er leidlich sauber.<\/p>\n<p>Ein neuer Wodka. Matuschke sah die Flasche an und lachte. Er wusste, dass er nicht tun durfte, was er tat. Das w\u00fcrde ein neuerlicher H\u00f6llenritt werden. Und seit die Eltern nicht mehr da waren, gab es niemanden mehr, der ihn aufhielt.<\/p>\n<p>Er gab Acht, dass sein Geld immer mehr und mehr und mehr wurde. Nur wenn er sich auf den Ritt machte, sparte er nicht. Wodka vom Besten. Weiberfleisch. Er wollte es wild und\u00a0 w\u00fctend. Und wenn es teuer wurde &#8211; was k\u00fcmmerte ihn das?<\/p>\n<p>Eugen Matuschke, der nun alles sehr klar zu sehen glaubte, schaltete den Fernsehapparat ein. Er, der Technikfreak, hatte ein kleines Modell aus den 1990ern im Zimmer. Die Farben waren ein wenig verrutscht, doch das war ihm egal. Er sah ja manchmal gar nicht hin.<\/p>\n<p>Diesmal aber setzte er sich in den speckigen Ledersessel und guckte interessiert. Der Film hie\u00df die &#8220;Truman Show&#8221;. Jim Carrey, ein Hauptdarsteller, der gar nichts von seiner Rolle wei\u00df, dem die ganze Welt in seiner L\u00e4cherlichkeit zusieht, Tag f\u00fcr Tag, der ausbrechen will und an die Grenzen seiner Welt ger\u00e4t, weil die Welt nur eine B\u00fchne ist. Aus dieser Welt kommt niemand heraus. Oder?<\/p>\n<p>Dieser l\u00e4cherliche Jim Carrey! Diese schlimme Erkenntnis, dass man einen Affen aus ihm macht. Dieser Versuch, auszubrechen aus dem Hamsterrad!<\/p>\n<p>Das Unwetter war verzogen. Eine sternenklare Nacht legte sich \u00fcber den Hof des reichen S\u00e4ufers.<\/p>\n<p>Jim Carrey schaffte das Happy End im Fernsehen.<\/p>\n<p>Doch das bekam Matuschke nicht mit. Er tr\u00e4umte in Psychedelisch-Blau von der heilen Welt, die \u00fcberhaupt nicht heil war. Er tr\u00e4umte von dem Bein seines Vaters, das durch schweren Regen tanzte. Und er tr\u00e4umte von seinem Bruder, der ihn zusammen mit seiner Sippschaft entm\u00fcndigen lassen wollte.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1941\" aria-describedby=\"caption-attachment-1941\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1941 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_6119-300x202.jpg\" alt=\"IMG_6119\" width=\"300\" height=\"202\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1941\" class=\"wp-caption-text\">Who the fuck is Truman?<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ja, von seinem Bruder tr\u00e4umte er, kurz bevor er aufwachte. Da stand die Sonne friedlich \u00fcber dem reichen verwahrlosten Hof. Matuschke nahm den letzten Schluck aus der Pulle, zog eine kurze Hose an, stieg in die Galoschen und machte sich auf den Weg in den Ort. Dorthin, wo der Schei\u00df-Bruder lebte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn XII Er war eine gute Stunde unterwegs, als Hans Krohn in ein Unwetter geriet, das aus dem Nichts zu kommen schien. Der Regen r\u00fcckte wie eine Wand aus Westen gegen ihn vor. Zum Teufel noch einmal, Krohn haderte heftig. 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