{"id":1901,"date":"2015-07-17T14:59:08","date_gmt":"2015-07-17T14:59:08","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1901"},"modified":"2015-07-17T15:04:19","modified_gmt":"2015-07-17T15:04:19","slug":"vaters-liebling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/vaters-liebling\/","title":{"rendered":"VATERS LIEBLING"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><em><strong>sommer zwanzichfuffzehn VIII<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>&#8220;Das mit dem Bein ist &#8217;53 gewesen &#8211; oder war&#8217;s &#8217;54? Also, im September, ich war gerade in die Schule gekommen, dann war das &#8217;54. Ich wei\u00df noch, dass es ein gutes Jahr f\u00fcr Kartoffeln war.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Ich habe dem Vater morgens noch beim F\u00fcttern im Stall geholfen. Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck ist die Mutter mit mir zur Schule gegangen. Ich war ja noch ganz neu, da hat sie mich eben begleitet. Waren zwei Kilometer \u00fcber die Felder, durch den Wald und in den Ort rein. Nach der Schule h\u00e4tte sich mich eigentlich abholen sollen, aber sie war nicht da. Ich bin dann mit den anderen Aussiedlerkindern zur\u00fcck zum Hof.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Keiner zuhause. Das war komisch. Eine Nachbarin ist gekommen. Ganz freundlich ist sie gewesen, das kannte ich gar nicht von ihr. Ich habe bei ihr Mittag bekommen, habe meine Hausaufgaben gemacht, war ein bisschen drau\u00dfen beim Spielen.<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_1907\" aria-describedby=\"caption-attachment-1907\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1907 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0473-225x300.jpg\" alt=\"IMG_0473\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0473-225x300.jpg 225w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0473-600x800.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0473.jpg 735w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1907\" class=\"wp-caption-text\">Vorsicht, Maschine!<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Dann war die Mutter wieder da. Ich habe sie noch nie so gesehen gehabt. &#8216;Der Papa hat einen Unfall gehabt, es ist schlimm.&#8217; Meine Geschwister, die mittlerweile von der Arbeit zur\u00fcck waren, fragten, was passiert war.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Nicht aufgepasst hat er und ist mit dem Bein vom Kartoffelroder abgerutscht. Regelrecht zerh\u00e4ckselt ist er worden. &#8216;Ein Wunder, dass er noch lebt&#8217;, erz\u00e4hlte Mutter. &#8216;Die \u00c4rzte wissen nicht, ob er die Nacht \u00fcbersteht.&#8217;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Sie weinte. Dabei hat meine Mutter nie geweint.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Er ist ein z\u00e4her Knochen gewesen. Am Sonntag nach dem Unfall haben wir den Vater im Krankenhaus besucht. Er lag in einem Bett und war so wei\u00df, die das Kopfkissen. Er sah so f\u00fcrchterlich aus, dass man glaubte, der Mann kriegt die Kurve nicht mehr. Er hat mich gefragt, wie es in der Schule geht. Wie ich den Lehrer finde. Ich war schon erstaunt, denn er hat sich nie f\u00fcr mich interessiert.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Der Vater ist sehr schnell wieder normal geworden. Ach, was rede ich? Der Unfall hat ihn erst richtig zum Ekel werden lassen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Ist doch ein Irrsinn: Da \u00fcbersteht er diesen Krieg ohne eine Schramme (ach nee, den Blinddarm haben sie dem Gefreiten Matuschke raus genommen) &#8211; und dann stellt er sich auf einem Kartoffelroder so bl\u00f6de an, dass der ihm ein Bein zerh\u00e4ckselt.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>War \u00fcbrigens das rechte Bein.<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_1909\" aria-describedby=\"caption-attachment-1909\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1909 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0477-225x300.jpg\" alt=\"IMG_0477\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0477-225x300.jpg 225w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0477-600x800.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0477.jpg 735w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1909\" class=\"wp-caption-text\">Im R\u00e4derwerk der Familie.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Sie haben ihm eine Prothese verpasst, die er angezogen hat, wenn er das Haus verlassen hat. Er konnte nicht mehr richtig anpacken bei der Arbeit. Ich vermute mal, dass er deswegen so sauer war. Nie konnte man es ihm recht machen, immer hat er die Sachen besser gewusst. Nach dem Unfall war er nur noch unleidlich.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Warum gerade ich sein Opfer Nummer Eins geworden bin? Keine Ahnung, wahrscheinlich war ich gerade im richtigen Alter, als das Ungl\u00fcck mit dem Bein passierte.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Ich war der kleine Junge, den er zu seinem Leibeigenen formen konnte. bis ich 15 war, habe ich keinen Schritt getan, \u00fcber den er nicht Bescheid wusste.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Meistens hatte er etwas an mir auszusetzen.Er hat kontrolliert und geschimpft. Konnte es nicht sehen, wenn ich mal nichts zu tun hatte.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>In einer Ecke des Stalls, hinter den Boxen f\u00fcr die paar Pferde, hatte ich eine kleine Ecke, in die ich mich gerne verzog und am Schrauben war. Wenn er mich dort aufst\u00f6berte, belferte er los. &#8216;Das reicht!&#8217; Dann schickte er mich zu den H\u00fchnern, auf den Mist oder zur Mutter, der ich helfen musste.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Manchmal &#8211; es war ja nicht so oft &#8211; ist er sentimental geworden. Er ging nicht mehr aus dem Haus, sa\u00df am K\u00fcchentisch mit seinem Stummelbein, las stundenlang in der Zeitung, h\u00f6rte Radio und trank Schnaps. Er sagte nichts, wir k\u00fcmmerten uns nicht um ihn. Wenn er die Zeitung durch hatte, bl\u00e4tterte er in einem abgegriffenen Buch \u00fcber Elbing. Manchmal sagte er, ,Frau, wei\u00dfte noch?&#8217;, sie schaute kurz auf die braune Fotografie, nickte und arbeitete weiter-<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Nach dem Saufen zuhause kam das Saufen im Ort. War immer so. Er hat die Prothese angeschnallt, ist durch die Felder und den Wald ins Gasthaus gehumpelt. Ich war ja noch zu klein &#8211; aber ich habe schon mit bekommen, dass er oft ein zerhauenes Gesicht hatte, wenn er wieder nach Hause kam. Er war dann ganz freundlich. Ist im Bett verschwunden. Die Mutter hat so getan, als ob nichts w\u00e4re.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>An so einem Tag hat er mir das Moped mitgebracht. Einerseits habe ich mich sehr gefreut &#8211; von einer Java hatte ich ja nur tr\u00e4umen k\u00f6nnen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Andererseits hatte ich so ein mulmiges Gef\u00fchl.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Und ich hatte Recht.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Als der Vater seinen Rausch ausgeschlafen hatte, war er noch ein gr\u00f6\u00dferes Arschloch als je zuvor. Wenn ich heute dran denke, meine ich, manchmal war der Hof die H\u00f6lle &#8211; und der Alte war der Teufel.&#8221;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>17. juli 2015<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn VIII &#8220;Das mit dem Bein ist &#8217;53 gewesen &#8211; oder war&#8217;s &#8217;54? Also, im September, ich war gerade in die Schule gekommen, dann war das &#8217;54. Ich wei\u00df noch, dass es ein gutes Jahr f\u00fcr Kartoffeln war. 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