{"id":1862,"date":"2015-07-14T21:37:01","date_gmt":"2015-07-14T21:37:01","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1862"},"modified":"2015-07-14T21:40:32","modified_gmt":"2015-07-14T21:40:32","slug":"todeskampf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/todeskampf\/","title":{"rendered":"TODESKAMPF"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><strong><em>sommer zwanzichfuffzehn V<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&#8220;Nochmal, f\u00fcr den Fall, dass Du schlecht h\u00f6rst: Was suchst Du hier auf meinem Grund?&#8221;<\/p>\n<p>Der alte Mann lie\u00df nicht mit sich spa\u00dfen. Hans Krohn sah ihm in die Augen &#8211; sie waren w\u00e4ssrig blau, rot ge\u00e4dert, unter dem rechten w\u00f6lbte sich eine purpurdunkle Warze. Er nehme gerade eine Auszeit vom Stadtleben, lasse sich so \u00fcber Land treiben. Journalist und Schriftsteller sei er, und unterwegs fotografiere er, was ihn interessiere. &#8220;Und Ihre alten Fahrzeuge erz\u00e4hlen von Zeiten, die uns gerade verloren gehen. Habe gedacht, dass ich vielleicht was dar\u00fcber schreibe.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Dann biste sowas wie der Strittmatter. Der hat hier in der N\u00e4he gewohnt.&#8221;<\/p>\n<p>Der Strittmatter? Krohn dachte nach. Die Sorge war weg. Der Typ sah wild aus, aber er hatte Strittmatter im Kopf. Konnte so schlimm nicht sein.<\/p>\n<p>&#8220;Ja, kann man so sagen. Der Vergleich gef\u00e4llt mir. Ja, Strittmatter ist gut.&#8221;<\/p>\n<p>Sie l\u00e4chelten. Krohn erleichtert, der Andere lauernd.<\/p>\n<p>&#8220;Eugen hei\u00dfe ich. Matuschke. Familie kommt aus Ostpreussen.&#8221;<\/p>\n<p>Seit wann denn\u00a0 die Matuschkes auf diesem Hof leben?<\/p>\n<p>&#8220;Ich bin hier geboren. Der Vater hat den Hof nach dem Krieg \u00fcbernommen. Die Familie ist nachgekommen. Ich bin Jahrgang &#8217;48. Willste mehr wissen?&#8221;<\/p>\n<p>Ja, gerne.<\/p>\n<p>Dann solle er warten, erkl\u00e4rte Eugen Matuschke. Er wolle sich was zu trinken holen. Au\u00dferdem m\u00fcsse er nach seinem Freund oben sehen. &#8220;Der ist nicht mehr gut auf den Beinen. Wir kommen gleich runter. Dauert &#8216;nen Augenblick.&#8221;<\/p>\n<p>Matuschke verschwand durch die Stallt\u00fcr im Hof.<\/p>\n<p>Hans Krohn setzte sich auf einem der riesigen Trekker-Reifen, holte das Radio aus dem Rucksack und schaltete ein. Nachrichten.<\/p>\n<p>Merkel erkl\u00e4rt, ihr ist es ernst mit den Griechen. Tsipras, dieser Gauner, wird eventuell zur\u00fcck treten.<\/p>\n<p>40 Prozent weniger Aids-Tote.<\/p>\n<p>Schweinsteiger will es bei Manchester nochmal wissen.<\/p>\n<p>Wolf Gremm ist tot.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1869\" aria-describedby=\"caption-attachment-1869\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1869 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Barbara-Ellen-Volkmer-00053-206x300.jpg\" alt=\"Barbara-Ellen-Volkmer-00053\" width=\"206\" height=\"300\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1869\" class=\"wp-caption-text\">Nicht ohne den Anderen: Regina Ziegler und Wolf Gremm.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Krohn erschrak. Wolf Gremm tot? Wie schei\u00dfe war das denn? Wann hatten sie telefoniert? Vor zwei Monaten war das wohl gewesen. Klar, Gremm hatte gesagt, momentan gehe es ihm nicht so toll &#8211; aber er h\u00e4tte schon ganz andere Krisen \u00fcberstanden. Er freue sich darauf, dass die Kraft wieder kommen werde. Dann k\u00f6nne er endlich den Film \u00fcber seinen verdammten Krebs fertig schneiden und die Musik einarbeiten.<\/p>\n<p>&#8220;Wird ein guter Film&#8221;, hatte Gremm gesagt. &#8220;Ich habe Dir doch die erste Fassung geschickt. Wie findest Du es?&#8221;<\/p>\n<p>Klasse, hatte Krohn gesagt und dabei nicht gelogen. Als er die Schnittfassung gesehen hatte, war er an diesem Tag nicht mehr aus dem Haus gegangen. Manchmal rutschte Gremm ins Kitschige, Weinerliche ab &#8211; aber er hatte lakonische Szenen von atemnehmender Wucht festgehalten. Sie zeigten einen Mann, der um sein Leben k\u00e4mpft, der noch nicht bereit f\u00fcr sein Ende.\u00a0 Der das Leiden der Therapie annimmt und der vor Freude \u00fcber kleine Erfolge fast birst. Der tr\u00e4umerisch aufs Mittelmeer blickt und erkl\u00e4rt, da werde noch viel Sch\u00f6nes kommen, und das werde er mitnehmen.<\/p>\n<p>Zum Teufel noch einmal.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1868\" aria-describedby=\"caption-attachment-1868\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1868 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Barbara-Ellen-Volkmer-00070-300x233.jpg\" alt=\"Barbara-Ellen-Volkmer-00070\" width=\"300\" height=\"233\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1868\" class=\"wp-caption-text\">Immer nach vorne gucken &#8211; Brigitte Mira und Wolf Gremm gehen&#8217;s an.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Krohn hatte Gremm im Februar auf einer Party getroffen. Da trug der Filmemacher einen blauen Blazer mit buntem Taschentuch in der Brusttasche, ein buntes, frohes, weit aufgekn\u00f6pftes Hemd. Er war munter gewesen, lang geblieben und hatte oft die Hand seiner Frau gehalten.<\/p>\n<p>Man hatte sich \u00fcber die Zukunft unterhalten. Ob Gremm mit ihm \u00fcber seine Krankheit reden wolle? Klar, hatte Gremm gesagt und gelacht. &#8220;Ist ein guter Stoff. Ruf&#8217; mich an.&#8221;<\/p>\n<p>Dann hatte er zweimal absagen m\u00fcssen. Eine neue Therapie. &#8220;Mit der Kraft ist es momentan nicht so weit her&#8221;, hatte Gremm gesagt. &#8220;Aber das wird schon wieder. Dann machen wir was.&#8221;<\/p>\n<p>Jetzt: tot. Morgen noch einmal ein Zweispalter oder ein Dreispalter in den Feuilletons. Vielleicht w\u00fcrde es noch einmal f\u00fcr einen Aufmacher in der &#8220;S\u00fcddeutschen&#8221; oder der FAZ reichen. Dann Beerdigung. Vielleicht w\u00fcrde die Produzentin Regina Ziegler , Gremms Frau, den Film unter die Leute bringen, dann g\u00e4be es noch einmal einen gro\u00dfen Auftritt.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Auftritte hatte der Gremm geliebt. Er hatte es genossen, im Windschatten von Fassbinder den wilden Mann zu geben. Er hatte sein Leben gut verkauft.<\/p>\n<p>&#8220;Ich dachte, ich w\u00e4re tot.&#8221; &#8220;Tod im U-Bahn-Schacht&#8221;. &#8220;Tod oder Freiheit&#8221;. &#8220;T\u00f6dliche Liebe&#8221;. &#8220;Nur ein toter Mann ist ein guter Mann&#8221;. &#8220;Leben und T\u00f6ten&#8221;. T\u00f6dliches Rendezvous&#8221;. &#8220;Die Spur f\u00fchrt nach Palma&#8221;.<\/p>\n<p>Mit dem Wort &#8220;Tod&#8221; hatte der Filmer Gremm gern geflirtet.<\/p>\n<p>Der letzte Titel &#8211; die Beobachtung des eigenen Sterbens: &#8220;Ich liebe das Leben trotzdem&#8221;.<\/p>\n<p>Krohn blickte \u00fcber den verfallenen Hof in der Mark Brandenburg. Wohin er sah: Tod und Sterben und Verfall.<\/p>\n<p>Eugen Matuschke kam, eine Wodkaflasche in der Hand, aus der Stallt\u00fcr. Hinter ihm schleppte sich ein sehr alter Mann in die Sonne. Sie bewegten sich sehr langsam auf Krohn zu. Der packte das Radio in den Rucksack.<\/p>\n<p>Eigentlich war ihm nicht nach Reden. Alles war gerade ohne Worte.<\/p>\n<p>Er sch\u00e4mte sich, weil Gremm gestorben war, ohne dass sie \u00fcber das Sterben geredet hatten. Hans Krohn hatte das Gef\u00fchl, er hatte Gremm verraten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>14. juli 2015<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_1867\" aria-describedby=\"caption-attachment-1867\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1867 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Barbara-Ellen-Volkmer-00221-300x207.jpg\" alt=\"Barbara-Ellen-Volkmer-00221\" width=\"300\" height=\"207\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1867\" class=\"wp-caption-text\">Klappe! Was f\u00fcr eine Schei\u00dfe! FOTOS: BARBARA VOLKMER<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn V &#8220;Nochmal, f\u00fcr den Fall, dass Du schlecht h\u00f6rst: Was suchst Du hier auf meinem Grund?&#8221; Der alte Mann lie\u00df nicht mit sich spa\u00dfen. Hans Krohn sah ihm in die Augen &#8211; sie waren w\u00e4ssrig blau, rot ge\u00e4dert, unter dem rechten w\u00f6lbte sich eine purpurdunkle Warze. 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