{"id":1841,"date":"2015-07-11T14:48:51","date_gmt":"2015-07-11T14:48:51","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1841"},"modified":"2015-07-11T14:53:06","modified_gmt":"2015-07-11T14:53:06","slug":"leinen-los","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/leinen-los\/","title":{"rendered":"LEINEN LOS"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><em><strong>sommer zwanzichfuffzehn III<\/strong><\/em><\/p>\n<p>\u00dcbernachtung unter dem Vordach einer aufgelassenen LPG-Halle. Am n\u00e4chsten Morgen erreichte Hans Krohn den Hafen von Deetz. Der P\u00e4chter sah ihn neugierig an.<\/p>\n<p>&#8220;Der Josef hat hier ein Schlauchboot f\u00fcr Dich liegen. Sch\u00f6nes Teil. Ganz sch\u00f6n schnittig. Wohin willst Du eigentlich?&#8221;<\/p>\n<p>An die Ostsee, sagte Krohn. Irgendwie.<\/p>\n<p>&#8220;Naja, gehste \u00fcber die M\u00fcritz und die Elbe. Sch\u00f6ne Fahrt. Machen viele.&#8221;<\/p>\n<p>Nee. Nix M\u00fcritz. Krohn wollte an Berlin vorbei zur Oder, dann zum Stettiner Haff.<\/p>\n<p>&#8220;Ach, echt? Wei\u00dfte, wie Du f\u00e4hrst?&#8221;<\/p>\n<p>Naja: Potsdam. Spandau. Bei Hennigsdorf in den Kanal. Durch die Schleusen. An der Oder links. Stettin. Das Haff. Die Ostsee. Konnte ja nicht so schwer sein.<\/p>\n<p>Der Andere l\u00e4chelte. Wenn Krohn meinte.<\/p>\n<p>Hans lie\u00df den Rucksack ins Boot gleiten, stieg hinunter, warf den Motor an. Der Hafen-Mann l\u00f6ste die Leine und schmiss das Ende zu Hans Krohn. Er solle es sich sch\u00f6n machen. Nach dem Hafen rechts halten. Aus dem ersten See in den zweiten, dann wisse er ja ohnehin den Weg. Gute Fahrt denn auch!<\/p>\n<p>Rechts, in den n\u00e4chsten See. Geradeaus durch einen Verbindungskanal. Es wurde alles ein wenig knifflig. Krohn stoppte immer wieder und navigierte. Geduldig arbeitete er sich zum gro\u00dfen Wasser bei Potsdam durch. Prima.<\/p>\n<p>An der Glienicker Br\u00fccke nicht aufgepasst und \u00fcber den Griebnitzssee geschippert. Die Protz-Villen beneidet. In den Teltowkanal eingebogen. Unter der Autobahn Berlin-M\u00fcnchen den Fehler erkannt, umgedreht, zur\u00fcck an den Protz-Villen vorbei aufs gro\u00dfe Wasser. Von ferne leuchtete G\u00fcnther Jauchs kleines Logis, nach rechts weg an der Pfaueninsel vorbei, von dort leuchtete Didi Hallervordens Glatze, vorbei an der Liebermann-Villa, von dort leuchtete der Geist des Malers, endlich aufm Wannsee.<\/p>\n<p>Der Tag ging zur Neige &#8211; also vor Spandau das Schiff an einem Steg vert\u00e4ut, dann gab\u2018s Wurstbrot mit Sonnenuntergang und Mozart ausm Radio.<\/p>\n<p>Und der Grunewald rauschte.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1846\" aria-describedby=\"caption-attachment-1846\" style=\"width: 275px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1846 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0090-275x300.jpg\" alt=\"IMG_0090\" width=\"275\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0090-275x300.jpg 275w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0090-939x1024.jpg 939w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0090-600x654.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0090.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 275px) 100vw, 275px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1846\" class=\"wp-caption-text\">Idyllisch ist&#8217;s bei Hennigsdorf.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen K\u00e4sestulle mit Regenschauer. In Spandau an der Auto-Werkstatt den Kanister gef\u00fcllt (der irre Motor schluckte nur Super, den Diesel von der Schiffstanke mochte er nicht). Die Schleuse in Spandau ohne Probleme durchfahren. Danach h\u00fcbsch flott in Richtung Ostsee gehavelt.<\/p>\n<p>Krohn erreichte eine Verzweigung. Er entnahm den Schildern, dass es rechts zur Oder ging. Auf dem anderen Anzeiger stand: &#8220;Neuruppin&#8221;.<\/p>\n<p>Krohn griff zum Handy. Er w\u00e4hlte Josefs Nummer. Bei dem musste er sich ohnehin bedanken: Josef, bekannt als &#8220;Papa Jupp&#8221;, einer der gr\u00f6\u00dften Edelbordell-Besitzer des Landes, hatte ihm das Schlauchboot geradezu aufgedr\u00e4ngt. Das war, weil er \u00fcber eine Uralt-Reportage in &#8220;Lui&#8221; immer noch ganz begeistert war.<\/p>\n<p>&#8220;Was, Du brauchst eine Auszeit? Mensch Hans, immer den Jupp fragen. Ich geb&#8217; Dir mein kleines Schlauchboot, das liegt bei mir sowieso nur im Schuppen. Das nimmste, so lange Du willst. Und wenn Du genug Auszeit gehabt hast, bringst Du es mir wieder und schreibst mal was Sch\u00f6nes \u00fcber meine Puffs.&#8221;<\/p>\n<p>Das war ein Deal.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1845\" aria-describedby=\"caption-attachment-1845\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1845 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0134-300x225.jpg\" alt=\"IMG_0134\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0134-300x225.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0134-600x450.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0134.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1845\" class=\"wp-caption-text\">Doch dann das Erkennen: Verg\u00e4nglich ist jede Stahl-Idylle.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Papa Jupp meldete sich. Der klang immer so &#8211; als h\u00e4tte man ihn gerade aus dem Bett geholt.<\/p>\n<p>&#8220;Du, Jupp, danke f\u00fcr das Boot. Ist echt geil.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Hast Du es schon? Wo bist Du denn.&#8221;<\/p>\n<p>Er habe, antwortete Krohn, gerade an Jupp gedacht, weil er im Kanal an ein Ortsschild gekommen sei, auf dem Neuruppin ausgeschildert sei. &#8220;Da bist Du mir eingefallen.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Klar, in Neuruppin habe ich was. Willste zum V\u00f6geln fahren? Geht aufs Haus.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Nee, lass mal. Ich wollte nur Danke sagen. Ich mach&#8217; dann mal weiter.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Wo pennst Du eigentlich?&#8221;<\/p>\n<p>Schlafsack. Irgendwo. Da findet sich schon was.<\/p>\n<p>&#8220;Du bist echt ein Vollpfosten. Heute \u00fcbernachtest Du bei mir Ferienhaus. F\u00e4hrst in Richtung Rheinsberg. Meine Klitsche ist in Altruppin. Ich schick Dir ein Foto aufs Handy, da siehst Du es schon vom Wasser aus. Ich habe da einen, der auf die Sachen aufpasst. Den rufe ich an. Er wird Dir im G\u00e4stehaus was herrichten. Dann machst Du erst mal Landgang. In ein paar Tagen wollte ich sowieso in den Laden in Neuruppin. Da sehen wir uns dann. Ziehen um die H\u00e4user &#8211; Du wirst sehen, das ist geiler als Berlin. Ganz was Anderes. Ich freue mich. Mach hinne, Alter.&#8221;<\/p>\n<p>Hans Krohn wickelte das Handy in der Plastikt\u00fcte ein (wegen Feuchtigkeit, verstehste?).<\/p>\n<p>Er drehte den Gasgriff, der Motor grub die Schraube ins Wasser. Hans Krohn zog die Pinne zu sich heran und fuhr eine scharfe Kurve.<\/p>\n<p>Nahm den linken Wasserweg. Richtung Ruppin.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong><em>10. juli 2015<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn III \u00dcbernachtung unter dem Vordach einer aufgelassenen LPG-Halle. Am n\u00e4chsten Morgen erreichte Hans Krohn den Hafen von Deetz. 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