{"id":1830,"date":"2015-07-10T22:35:50","date_gmt":"2015-07-10T22:35:50","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1830"},"modified":"2015-07-10T22:35:50","modified_gmt":"2015-07-10T22:35:50","slug":"verlier-du-nur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/verlier-du-nur\/","title":{"rendered":"VERLIER DU NUR!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><em><strong>sommer zwanzichfuffzehn II<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die Kasernenstimme des Mannes mit dem Megaphon weckte Hans Krohn. &#8220;Durchziehen, M\u00e4dels, is nich mehr weit. Jetzt nicht nachlassen. Marie, Du hast noch nicht Feierarabend. Komm, Marie, nicht das Weichei machen!&#8221;<\/p>\n<p>Krohn \u00f6ffnete die Augen halb und sah zum Wasser. Drei junge Frauen &#8211; h\u00fcbsche Br\u00fcste &#8211; arbeiteten sich an den Paddeln ab. Der Trainer tuckerte im kleinen gr\u00fcnen Motorboot hinterher und kehrte den Offizier heraus.<\/p>\n<p>Noch zwei Dutzend Schl\u00e4ge. Sie fuhren \u00fcber die imagin\u00e4re Ziellinie, lie\u00dfen die Paddel sinken. Die Gesichter der Frauen waren von der Anstrengung ger\u00f6tet, die Sportlerinnen\u00a0 japsten nach Luft. Sie drehten langsam um und glitten auf den langen Steg zu. Eine war rothaarig und erinnerte Krohn an Sex. Sie hievte ihr Boot aus dem Wasser, schulterte es und marschierte zum Schuppen. Sie l\u00e4chelte, als sie den Mann auf seinem Schlafsack sah.<\/p>\n<p>Krohn verkniff sich l\u00e4cherliches Charmieren. In den Augen der Rothaarigen war er ein alter Mann.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1838\" aria-describedby=\"caption-attachment-1838\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1838 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0439-225x300.jpg\" alt=\"IMG_0439\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0439-225x300.jpg 225w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0439-600x800.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0439.jpg 735w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1838\" class=\"wp-caption-text\">Lass&#8217; Dich umarmen, Alter!<\/figcaption><\/figure>\n<p>Es wurde wieder ruhig. Der n\u00e4chtliche Regen hatte aufgeh\u00f6rt. Wei\u00dfblauer Himmel und die Ahnung eines weiteren hei\u00dfen Tages. Krohn legte K\u00e4se auf eine Scheibe Brot, a\u00df langsam. Er ging zum Wasser, putzte die Z\u00e4hne, verstaute seine Sachen im Rucksack, knotete die Schn\u00fcrsenkel fest, schulterte das Gep\u00e4ck und ging los.<\/p>\n<p>Das Alleinsein machte ihm zu schaffen. Krohn hielt nach einer halben Stunde an, zerrte das kleine Radio aus dem Rucksack, suchte nach dem Deutschlandfunk &#8211; dann ging er weiter.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1837\" aria-describedby=\"caption-attachment-1837\" style=\"width: 211px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1837 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0443-211x300.jpg\" alt=\"IMG_0443\" width=\"211\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0443-211x300.jpg 211w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0443-600x853.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0443.jpg 689w\" sizes=\"auto, (max-width: 211px) 100vw, 211px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1837\" class=\"wp-caption-text\">Einsam, Kumpel? Selber schuld!<\/figcaption><\/figure>\n<p>Es passierte nicht viel in den Stunden. Die F\u00fc\u00dfe waren das Gehen noch nicht gewohnt und schmerzten in den Gew\u00f6lben. Eine glei\u00dfende Sonne verschleierte das Sehen. Ein schwarzer Hengst graste einsam auf einer riesigen Weide (sp\u00e4ter traf Krohn den Besitzer, der erz\u00e4hlte, dass der Hengst die Menschen liebte, aber mit den anderen Pferden sehr garstig war, deswegen hatte man ihn isoliert, lenbenslang mit Sicherungsverwahrung). In einem Unterstand ein blau bespannter Stuhl, gemacht f\u00fcr die Mittagspause. Die Markierungen f\u00fcr einen Halbmarathon. Das Verharren vor einem St\u00fcck Baumrinde.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1839\" aria-describedby=\"caption-attachment-1839\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1839 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0437-225x300.jpg\" alt=\"IMG_0437\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0437-225x300.jpg 225w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0437-600x800.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0437.jpg 735w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1839\" class=\"wp-caption-text\">Darf&#8217;s noch ein bisschen mehr sein?<\/figcaption><\/figure>\n<p>Mit der Zeit brachte Krohn eine erste Ruhe in sein Denken.<\/p>\n<p>Die jungen Frauen hatten etwas Gequ\u00e4ltes im Gesicht gehabt. Es war nicht nur die Anstrengung des Trainings gewesen &#8211; da war auch die Resignation von Menschen, die einem Traum hinterher hecheln, aber schon ahnen, dass er sich f\u00fcr sie nie erf\u00fcllen w\u00fcrde. Sie w\u00fcrden wohl nie Gold bei Olympia gewinnen, wahrscheinlich w\u00fcrden sie es nicht einmal zu Olympischen Spielen schaffen.<\/p>\n<p>Hans Krohn hatte einmal eine Geschichte \u00fcber einen Kanuten gemacht, der Gold bei Olympia gewonnen hatte. Der hie\u00df Sebastian Brendel und sagte nach dem Sieg, er finde keine Worte, die seine Freude ausdr\u00fccken k\u00f6nnten. Er telefonierte mit seiner jungen Frau und weinte (ein H\u00fcne, der heulte wie eine Schwulette). Danach erz\u00e4hlte er Krohn, wie toll das Leben sei.<\/p>\n<p>Jeden Tag Training. Im Winter glaubst Du, die durchfrosteten H\u00e4nde bleiben am Paddel kleben. Verzicht auf Biergarten und vor den Rennen Verzicht auf Ehebett. Ein greinendes Kind, das alle Pl\u00e4ne durcheinander bringt, weil der Papa nicht genug Schlaf bekommt und dann im Training aus dem Schiff kippt. Also Auszug aus der Wohnung, Verzicht auf Gestreichelt-Werden. Daf\u00fcr Anschiss \u00fcber Anschiss von einem Trainer, der nie genug bekommt.<\/p>\n<p>R\u00fcckenschmerzen am Morgen. Regelm\u00e4\u00dfig wegen der Beschwerden beim Physio. Und diese Einsamkeit im Boot.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich aber Olympia.<\/p>\n<p>Gold.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag ein Foto in der &#8220;Bild&#8221;.<\/p>\n<p>Toll.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in Potsdam. Das Kind greint immer noch. Die Frau hat W\u00fcnsche. Der Trainer mahnt, dass Siegen wie Gift sei.<\/p>\n<p>Es wird Winter, und wieder tun die H\u00e4nde weh. Noch ein Winter. Jetzt die qu\u00e4lende Sommerhitze.<\/p>\n<p>Aber n\u00e4chstes Jahr ist wieder Olympia.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr lohnt sich die Schinderei doch, oder?<\/p>\n<p>F\u00fcr diesen Traum qu\u00e4len sich auch die jungen Frauen. Die Rothaarige k\u00f6nnte sich ein flottes Leben machen, aber t\u00e4glich klemmt sie sich ins Boot und l\u00e4sst sich von dem alten Mann von Trainer anschnauzen.<\/p>\n<p>Sie war nicht so flott und befl\u00fcgelt unterwegs gewesen, dass man von ihr eine Goldmedaille erwarten konnte. Sie w\u00fcrde wohl nie etwas Nennenswertes gewinnen. Sie war keine von den Wenigen, die eine gro\u00dfe Welle machen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1835\" aria-describedby=\"caption-attachment-1835\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1835 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/IMG_0451-225x300.jpg\" alt=\"IMG_0451\" width=\"225\" height=\"300\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1835\" class=\"wp-caption-text\">Ein Lob dem M\u00fc\u00dfig-Gang.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Krohn kannte das. Nur zu gut kannte er das. Er wurde immer \u00fcberrundet. Krohn verbiss sich als Journalist in seine Auftr\u00e4ge und feilte bis zur Selbstzerfleischung an seinen Texten &#8211; aber es gab immer einen, dem die Geschichten geschmeidiger und spannender gerieten. Es gab immer einen, der die spannenderen Auftr\u00e4ge hatte und sich besser verkaufte.<\/p>\n<p>Krohn war ein Verlierer. Er hatte das lange nicht akzeptieren wollen. Doch irgendwann hatte er aufgegeben, dagegen anzuk\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Nun mochte er nicht mehr. Er w\u00fcrde sich durch den Sommer treiben lassen und zum ersten Mal seit vielen Jahren seine eigene Geschichte schreiben.<\/p>\n<p>Er hatte den Glauben an seine Zukunft verloren &#8211; und das war die gro\u00dfe Chance des Hans Krohn.<\/p>\n<p>Er wusste es nur noch nicht an seinem zweiten Tag dieses sommers zwanzichfuffzehn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>sommer zwanzichfuffzehn II Die Kasernenstimme des Mannes mit dem Megaphon weckte Hans Krohn. &#8220;Durchziehen, M\u00e4dels, is nich mehr weit. Jetzt nicht nachlassen. Marie, Du hast noch nicht Feierarabend. Komm, Marie, nicht das Weichei machen!&#8221; Krohn \u00f6ffnete die Augen halb und sah zum Wasser. 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