{"id":1747,"date":"2015-06-16T21:23:26","date_gmt":"2015-06-16T21:23:26","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1747"},"modified":"2015-06-16T21:24:20","modified_gmt":"2015-06-16T21:24:20","slug":"kein-kraut-gewachsen-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/kein-kraut-gewachsen-2\/","title":{"rendered":"DIE \u00dcBERKRIECHER"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>lindow, 16. juni 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Nat\u00fcrlich kann man auch, wie der jetzt mit 70 gestorbene wundervolle Harry Rowohlt gerne als Vorleser zum Besten gab, Schnecken streicheln und dadurch angeblich das Gedankenlesen f\u00f6rdern. Klar gehe das, bollerte es aus Rowohlts Bart heraus. Dann grinste er bis zu den Ohren und trank erst einmal ein Schl\u00fcckchen. Schnecken streicheln! Das war einem durchgeknallten Autoren-Team eingefallen &#8211; und Rowohlt zitierte gen\u00fcsslich aus dem bizarren Bestseller. Er selbst hielt es da eher mit einer Devise, die ihn zeitlebens begleitet hat: &#8220;Eins in die Fresse!&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Das ist denn auch die Parole des gestandenen Gartenfreundes. Wenn es um Schnecken geht &#8211; nackte, solche mit Haus, wei\u00dfe und orangene und fleischfarbige, kurz wie Haribo-Lakritz-St\u00e4ngelchen oder dick wie N\u00fcrnberger Bratw\u00fcrstl -, wenn es also um Schnecken geht, dann gibt es nur ein Motto: Eins auf die Fresse! Zumindest ordentlich die F\u00fchler polieren!<\/p>\n<p>Schon mal aus der N\u00e4he gesehen, was f\u00fcr &#8220;Fressen&#8221; die Biester haben?<\/p>\n<p>Der Biologe nennt die Monsterteile &#8220;radula&#8221;. Auf Deutsch: Raspelzunge.<\/p>\n<p>Die Raspelzunge &#8211; das ist ein f\u00fcrchterlicher Mini-Schaufelbagger: Ein elastisches Band, mit mikroskopisch kleinen Z\u00e4hnchen besetzt, wird \u00fcber einen knorpeligen Kern gef\u00fchrt. Dabei raspeln die Radulaz\u00e4hnchen Nahrungspartikel ab und bef\u00f6rdern sie in den Schlund der Schnecke.<\/p>\n<p>Die Raspelzunge arbeitet sich durch den zartgr\u00fcnen Salat und hobelt den jungen Kohlrabi au\u00dfer Form. Eine Schleimspur der Verw\u00fcstung zieht solch ein softer Raspelzungen-Rowdy durchs Beet. Wenn man genau hinh\u00f6rt, ist ein kratzendes, schabendes Ger\u00e4usch zu vernehmen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1754\" aria-describedby=\"caption-attachment-1754\" style=\"width: 199px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1754 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/DSC_4044-199x300.jpg\" alt=\"DSC_4044\" width=\"199\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/DSC_4044-199x300.jpg 199w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/DSC_4044-600x903.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/DSC_4044.jpg 651w\" sizes=\"auto, (max-width: 199px) 100vw, 199px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1754\" class=\"wp-caption-text\">Weg geraspelt, ausgeh\u00f6hlt, unterwandert. Die Schnecke kommt, raduliert und siegt. FOTOS: BARBARA VOLKMER<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Gartenfreund will es aber gar nicht h\u00f6ren. Er will auch gar nicht wissen, was f\u00fcr Lustmolche die Schnecken sind.<\/p>\n<p>Ist ja keine Entschuldigung, dass die als Zwitter durchs Leben kriechen!<\/p>\n<p>&#8220;Ihre Geschlechts\u00f6ffnung befindet sich rechts am Kopf. Zur Paarung legen sich zwei Tiere nach aufw\u00e4ndigem Balzverhalten Wange an Wange aneinander, st\u00fclpen ihre m\u00e4nnlichen Begattungsorgane aus und vereinigen diese. \u00dcber diese Verbindung werden dann Spermapakete ausgetauscht&#8221;, erkl\u00e4rt Dieter Martin, Leiter der Forschungsstation\u00a0Deutschen Wildtier Stiftung im mecklenburgischen Gut Klepelshagen.<\/p>\n<p>Nach der Paarung legen beide Tiere bis zu 400 wei\u00df gef\u00e4rbte Drei-Millimeter-Eier, die mit dem Sperma des Paarungspartners befruchtet werden, in eine flache Bodengrube ab. Nach rund vier Wochen schl\u00fcpfen winzige Jungschnecken aus, deren Grundfarbe ein r\u00f6tliches Grau ist und die oft noch dunkel gefleckt oder gestreift sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein paar Wochen drauf sind sie im Beet.<\/p>\n<p>Bei Ingolstadt pflegte eine Freundin in fr\u00fcheren Jahren die Schnecken, die sie einfangen konnte, h\u00e4lftig mit einer Schere zu zerteilen. Heute hat die Frau zu weiser G\u00fcte gefunden und ertr\u00e4nkt die Tiere in Bier. Ein Gartenfreund zeigt Symptome des Schlagflusses, wenn auch nur das Wort &#8220;Schnecke&#8221; in seiner N\u00e4he f\u00e4llt. &#8220;Ich trete jede tot, die ich finde&#8221;, knurrt er. Ein Anderer hat sich dem gelebten Zynismus verschrieben. Er hasst die Schnecken &#8211; aber er liebt es, sie dem Nachbarn in den Garten zu werfen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1752\" aria-describedby=\"caption-attachment-1752\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1752 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/DSC_4097-300x199.jpg\" alt=\"DSC_4097\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/DSC_4097-300x199.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/DSC_4097-600x397.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/DSC_4097.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1752\" class=\"wp-caption-text\">Gefahr droht. Noch gr\u00fcnt so gr\u00fcn, was gr\u00fcnen soll. Doch kriechend naht sich das Unget\u00fcm.<\/figcaption><\/figure>\n<p>So zeigen viele Beet-Betreiber, wie es tief in ihnen aussieht, wenn sie \u00fcber ihren Umgang mit den Schnecken sprechen. Ihnen hilft es \u00fcbrigens auch nicht, dass der Naturschutzbund sich in politischer Korrektheit versucht.<\/p>\n<p>&#8220;Nat\u00fcrlich&#8221;, r\u00e4umen die Anw\u00e4lte der Tiere ein, &#8220;sind diese Schnecken \u00e4rgerlich.&#8221;<\/p>\n<p>Aber &#8211; und dann wird es l\u00e4cherlich (jeder Salat-Anbauer wei\u00df, dass Schnecken Profikiller im Beet sind) &#8211; angeblich reiche es, &#8220;um gef\u00e4hrdete Pflanzen herum den Boden m\u00f6glichst offen zu halten und nicht oder nur sehr d\u00fcnn zu mulchen, damit der Boden abtrocknen kann. Ein probates Mittel ist es auch, rund um die Beete eine breite Schicht aus S\u00e4gemehl und Kalk zu streuen. Schnecken meiden raue Oberfl\u00e4chen, und der Kalk ver\u00e4tzt ihre Sohle. Bei Regen ist diese Methode aber nur bedingt wirksam oder muss h\u00e4ufig wiederholt werden. Sehr wirksam, weil schnecken-, aber nicht umweltgiftig, ist auch der Einsatz von Kaffee und Kaffeesatz. Im Fachhandel gibt es zudem sogenannte Schneckenz\u00e4une zu kaufen, die von den Tieren nicht \u00fcberklettert werden k\u00f6nnen.&#8221;<\/p>\n<p>Geht&#8217;s noch? Da lacht sich doch jeder gestandene Schneck scheckig.<\/p>\n<p>Und was ist mit den Waffen aus dem Fachmarkt? Tja, mal wirken die, mal nicht. Die sind wie die tollen Kriegsgewehre der Frau von der Leyen. Wenn sie nicht scharf schie\u00dfen, gibt es wenigstens Ausreden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1753\" aria-describedby=\"caption-attachment-1753\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1753 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/IMG_5545-300x225.jpg\" alt=\"IMG_5545\" width=\"300\" height=\"225\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1753\" class=\"wp-caption-text\">Zu den Waffen. Wahlspruch: Wir haben keine Chance, wir nutzen sie.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Gegen Schnecken hilft nur: Kapitulation.<\/p>\n<p>Oder wenigstens ein Kompromiss:<\/p>\n<p>Vielleicht ist es wirklich das Beste, herauszufinden, wie sehr man den Nachbarn mag. Wenn der Typ einem auf den Zeiger geht, dann machen Schnecken im Flug ein sehr losgel\u00f6stes Gef\u00fchl.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Morgen: Vorsicht! Minze im Vormarsch!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>lindow, 16. juni 2015 Nat\u00fcrlich kann man auch, wie der jetzt mit 70 gestorbene wundervolle Harry Rowohlt gerne als Vorleser zum Besten gab, Schnecken streicheln und dadurch angeblich das Gedankenlesen f\u00f6rdern. Klar gehe das, bollerte es aus Rowohlts Bart heraus. Dann grinste er bis zu den Ohren und trank erst einmal ein Schl\u00fcckchen. Schnecken streicheln! 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