{"id":1714,"date":"2015-06-11T20:17:46","date_gmt":"2015-06-11T20:17:46","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1714"},"modified":"2015-06-11T20:23:20","modified_gmt":"2015-06-11T20:23:20","slug":"klein-gekriegt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/klein-gekriegt\/","title":{"rendered":"KLEIN GEKRIEGT"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>berlin, 11. juni 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Wieder so ein S-Bahn-Waggon, in dem keiner ein Buch liest. Zwei Handwerker picheln. Ein Penner streicht an den Fahrg\u00e4sten vorbei, h\u00e4lt ihnen einen leeren Kaffeebecher unter die Nase und stinkt nach Schei\u00dfe. Die Menschen haben Abscheu in den Gesichtern, der Penner steigt um, es stinkt noch Stationen lang. Die meisten machen sich an ihren Handys zu schaffen.<\/strong><\/p>\n<p>Das Leben spielt sich auf einem Display ab.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr die junge Frau, die in Bellevue zugestiegen ist. D\u00fcnn ist sie, flachbr\u00fcstig, blass. Die Haare hat sie sich kurz scheren und blondieren lassen, sie sieht aus wie ein wenig wehrhafter Junge.<\/p>\n<p>Gr\u00fcne Augen, sehr traurig. Sie sitzt da und schreibt etwas ins Telefon.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1713\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/IMG_5493-300x225.jpg\" alt=\"IMG_5493\" width=\"300\" height=\"225\" \/><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Die Frau tippt sehr schnell, ihr Finger wischt rasend \u00fcbers Display.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Es klingelt. Ein Lied von Marius M\u00fcller-Westernhagen. Etwas mit Liebe. Sie hebt ab. Ihre Augen werden schmal. Nee, sagt sie, fr\u00fcher geht nicht. Sie sei auch nur ein Mensch. Das interessiere ihn doch ohnehin nicht wirklich, warum es so sp\u00e4t geworden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">&#8220;Einfach alles kacke auf Arbeit.&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Der Mensch am anderen Ende redet viel. Der Zug h\u00e4lt am Alex, f\u00e4hrt wieder los.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Der Mensch hat aufgeh\u00f6rt zu reden. Die Frau l\u00e4chelt ein wenig. &#8220;Is ja gut&#8221;, sagt sie. &#8220;Das kriegen wir hin.&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Sie wird etwas gefragt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">&#8220;Das wei\u00dfte wohl gar nicht mehr. Nee, besoffen, wie Du warst. Du hast ja nicht mal den Film mitgekriegt. Egal.&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Sie h\u00f6rt zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Dann: &#8220;Na, ich geh&#8217; erstmal duschen, dann muss ich den Kleinen holen, dann wollte ich noch ein Eis essen oder so. Man wird sehen. Okay, vielleicht sehen wir uns.&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Sie nimmt das Telefon vom Ohr. Sieht es an, schaut hinaus in den Berliner Osten, \u00fcber dem die Sonne glei\u00dft. Die junge Frau sch\u00fcttelt den Kopf. Dann tippt sie wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1712\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/IMG_5495-300x231.jpg\" alt=\"IMG_5495\" width=\"300\" height=\"231\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Man passiert die Jannowitzbr\u00fccke. Die junge Frau sieht zu ihrer Nachbarin. Die h\u00f6rt kurz auf, sich mit ihrem Handy zu besch\u00e4ftigen. &#8220;Is was?&#8221;, fragt sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">&#8220;Ach wei\u00dfte, ich glaube, das war gar nicht so schlimm gestern Abend.&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">&#8220;Aber er hat Dir eine geballert. Du wirst jetzt nicht wieder zu dem Arschloch kriechen.&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Die junge Frau zuckt mit den Achseln.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">&#8220;Nee, wirklich. Das kannste nicht bringen.&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Die junge Frau sieht aus, als w\u00fcrde sie gleich weinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">&#8220;Ich kann nicht anders&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Sie tippt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1711\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/IMG_5496-300x219.jpg\" alt=\"IMG_5496\" width=\"300\" height=\"219\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Dann sind es noch drei Stationen zu ihm.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 11. juni 2015 Wieder so ein S-Bahn-Waggon, in dem keiner ein Buch liest. Zwei Handwerker picheln. 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