{"id":1615,"date":"2015-05-29T20:36:53","date_gmt":"2015-05-29T20:36:53","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1615"},"modified":"2015-05-31T21:34:16","modified_gmt":"2015-05-31T21:34:16","slug":"vergluhter-stern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/vergluhter-stern\/","title":{"rendered":"VERGL\u00dcHTER STERN"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>berlin, 30. mai 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Michael Bohnen, einer der gro\u00dfen Stars der &#8220;Roaring Twenties&#8221; in Berlin, ist ein Stehaufmann gewesen. Als S\u00e4nger der tiefen T\u00f6ne f\u00fchlte er sich in drei Oktaven wohl. Als er an die gro\u00dfen H\u00e4user in Europa, Argentinien oder den Vereinigten Staaten von Amerika gerufen wurde, brachte er im Gep\u00e4ck 120 Rollen mit, die er beherrschte. Die Sache mit den Frauen &#8211; ja, das war sein Ding. Die Nazis konnte er nicht ausstehen, aber er wurschtelte sich so durch. Er war ein Star, einer, dem man nichts anhaben konnte. Der Mann bekam schlie\u00dflich 1800 Reichsmark pro Abend &#8211; ein Wahnsinn war das! Bohnen lachte dr\u00f6hnend, nahm das Geld und gab es aus. Man lebt schlie\u00dflich nur einmal.<\/strong><\/p>\n<p>Frauen liebte er, gutes Essen und spa\u00dfvolles Trinken mochte er, er war gern der Mittelpunkt. Michael Bohnen konnte man immer mit Sportlichem k\u00f6dern. Mal unterst\u00fctzte er einen Berufsboxer, dann kickte er, bis die B\u00e4nder schmerzten. Er turnte und rannte und schwamm. Und nat\u00fcrlich lie\u00df er, der begeisterte Billardspieler, es sich nicht nehmen, nach einem Turnier den Pokal (nackte Sch\u00f6ne aus Bronze) selbst zu \u00fcberreichen:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>\u201eDiese Venus ist kopflos, diese Venus ist kalt,<\/em><br \/>\n<em> Probier sie zu erringen, und ihr merkt es dann bald!<\/em><br \/>\n<em> Der Wettsto\u00df nach dieser Venus sei ,Ehrgeiz&#8217; gar vieler.<\/em><br \/>\n<em> Sie ist nun Triumphpreis f\u00fcr Dreibandspieler.<\/em><br \/>\n<em> Und wer will den Besten mit diesem Sinnbild belohnen?<\/em><br \/>\n<em> Der Dreibands\u00e4nger Michael Bohnen.\u201c<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_1620\" aria-describedby=\"caption-attachment-1620\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1620 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/P1010467-225x300.jpg\" alt=\"P1010467\" width=\"225\" height=\"300\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1620\" class=\"wp-caption-text\">Ein &#8220;Ehrengrab&#8221; ist es nicht, weil das der Berliner Senat so bestimmt hat.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: left\">Wenn die Menschen an ihm etwas auszusetzen hatten, dann lie\u00df Michael Bohnen ihnen den Spa\u00df. Der Kritiker Herbert Ihering wagte im Januar 1926 ein leises Aufbegehren gegen den Mimen. Es ging um eine Verfilmung des &#8220;Rosenkavalier&#8221;:<\/p>\n<p>&#8220;Michael Bohnen als Ochs? Bohnen braucht die Oper zur Entfaltung. Er erlebt Musik mimisch, k\u00f6rperhaft. Das ist sein Genie. Wenn er aber filmt und selbst einen Opernstoff filmt, steht er unter dem (falschen) Eindruck: ,Film\u2018. Film, wie er fr\u00fcher war: photographierte Spielastik, photographiertes Gesichterschneiden. Bohnen fehlt im Film das Element, das ihn sch\u00f6pferisch macht, das ihn sch\u00f6pferisch. Er greift zum Klischee anderer und macht dieses fast aufdringlich, weil er sich mit seiner ganzen \u00fcberragenden Pers\u00f6nlichkeit in die \u2013 Konvention st\u00fcrzt.\u201c<\/p>\n<p>Nun, sehr harsch ist der Kritikerpapst mit dem Weltstar ohnehin nicht ins Gericht gegangen. Aber auch die kleinen Spitzen waren Bohnen egal. Ein paar Tage nach der Besprechung trafen sich die Herren auf dem Boulevard, l\u00fcpften die H\u00fcte und anschlie\u00dfend einen Gl\u00fchwein. Man lebte schlie\u00df&#8230;<\/p>\n<p>Nach dem Krieg wollten ihm die Alliierten Techtelmechtel mit den Nazis anh\u00e4ngen. Doch sie winkten schnell ab &#8211; da hatte es nun wirklich schlimmere Mitl\u00e4ufer gegeben.<\/p>\n<p>Die Sache schien ausgestanden. Eine neue Zeit brach an. Bohnen war Intendant der Berliner Oper, er strotzte vor Ideen. Man w\u00fcrde aus allen Tr\u00fcmmern klettern, man w\u00fcrde den Menschen mit der Kunst Freude machen, man w\u00fcrde ganz neue T\u00f6ne in Deutschland anschlagen d\u00fcrfen, man w\u00fcrde&#8230;<\/p>\n<p>Da trat der Wiener Tenor Hans Beirer, ein Sch\u00fcler Bohnens, auf den Plan. Und das Leben des G\u00f6tterg\u00fcnstlings brach in St\u00fccke. Im Februar 1946 denunzierte Beirer den Intendanten bei der Berliner Polizei und der britischen Milit\u00e4rbeh\u00f6rde: Bohnen sei ein \u00fcbler Zutr\u00e4ger der Nazis gewesen. Die Ermittlungen wurden wieder aufgenommen, Bohnen im April 1947 als Intendant beurlaubt. Als Beirer am ersten September 1949 die Vorw\u00fcrfe in einer eidessattlichen Erkl\u00e4rung zur\u00fcck zieht, ist es zu sp\u00e4t.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1606\" aria-describedby=\"caption-attachment-1606\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1606 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/P1010468-300x228.jpg\" alt=\"P1010468\" width=\"300\" height=\"228\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/P1010468-300x228.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/P1010468-600x456.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/P1010468.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1606\" class=\"wp-caption-text\">Sic transit gloria mundi, sagt der Lateiner. So schnell geht es, das Vergessen. Der Ruhm ist rum.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Bohnen Ruf ist ruiniert, der Mann ist ein Wrack. Er tritt nur noch ein paarmal auf. Das Geld ist weg, die meisten Freunde laufen von der Fahne. Bohnen heiratet noch einmal, doch die Leichtigkeit von fr\u00fcher kommt nicht zur\u00fcck. Die Rente von der Oper Berlin ist miserabel. 1964 beschlie\u00dfen Verehrer der New York Metropolitan Opera eine monatliche Unterst\u00fctzung f\u00fcr den Bariton, der in Berlin in Armut lebt.<\/p>\n<p>Doch da ist es zu sp\u00e4t. Bohnen stirbt im Alter von 77 Jahren an Herzversagen. Er bekommt ein Ehrengrab.<\/p>\n<p>2005 ist dann freilich Schluss mit dem Helden-Ged\u00f6ns: Der Berliner Senat beschlie\u00dft, Bohnens Grabst\u00e4tte (Feld 18-B-9) nicht mehr als &#8220;Ehrengrab&#8221; zu f\u00fchren. Der Mann war lange genug wichtig. Jetzt w\u00e4chst Gras \u00fcber ihn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 30. mai 2015 Michael Bohnen, einer der gro\u00dfen Stars der &#8220;Roaring Twenties&#8221; in Berlin, ist ein Stehaufmann gewesen. Als S\u00e4nger der tiefen T\u00f6ne f\u00fchlte er sich in drei Oktaven wohl. 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