{"id":1597,"date":"2015-05-29T07:12:51","date_gmt":"2015-05-29T07:12:51","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1597"},"modified":"2015-05-31T21:33:40","modified_gmt":"2015-05-31T21:33:40","slug":"vergessen-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/vergessen-werden\/","title":{"rendered":"VERGESSEN WERDEN"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>berlin, 28. mai 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Die Gedenktafel verwittert furchtbar schnell. Das sch\u00f6ne Silbergrau bl\u00e4ttert ab, Buchstaben und Zahlen verlieren sich. Im Zeitraffer verschwindet die Erinnerung an einen Menschen. Es ist Ende Mai 2015, vor 50 Jahren ist der Mensch zu Grabe getragen worden. Vor 13 Jahren hat ein K\u00f6lner Kunstfreund durchgesetzt, dass an dieser Stelle eine Tafel ins Haus Nummer 50 am Kurf\u00fcrstendamm ged\u00fcbelt wurde. Man hat alle Denkmalschutz-Pragraphen beachtet, die Tafel gl\u00e4nzte silbern, die Buchstaben und Zahlen waren so deutlich zu lesen, dass es den Anschein hatte, dem Menschen sei eine kleine Ewigkeit geschenkt worden.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ach was! Alles Quatsch! Alles verblasst. Zum F\u00fcrchten ist das.<\/strong><\/p>\n<p>Vor 13 Jahren rang sich Bezirksb\u00fcrgermeisterin Monika Thiemen am Kurf\u00fcrstendamm 50 eine schale Rede ab:<\/p>\n<p>&#8220;Ich freue mich, dass wir den gro\u00dfen S\u00e4nger und Opernintendanten Michael Bohnen mit einer Gedenktafel an diesem Haus ehren k\u00f6nnen. Er lebte hier von 1932 bis 1965. Vielen gilt er als der bedeutendste Bassbariton Deutschlands im 20. Jahrhundert. Von 1945 bis 1947 hat er als Intendant der damaligen St\u00e4dtischen Oper Charlottenburg das Haus in den ersten Nachkriegsjahren gef\u00fchrt und damit den Grundstein f\u00fcr die heutige Deutsche Oper gelegt.<\/p>\n<p>Michael Bohnen wurde 1952 mit dem Goethepreis der Stadt Berlin (Ost) ausgezeichnet. In Berlin-Neuk\u00f6lln erinnert seit 1976 der ,Michael-Bohnen-Ring&#8217; an ihn, und auf dem Friedhof Heerstra\u00dfe hat Berlin sein Grab als Ehrengrab \u00fcbernommen. Heute k\u00f6nnen wir nun auch mit einer Gedenktafel an seinem fr\u00fcheren Wohnhaus an den gro\u00dfen S\u00e4nger und Opernintendanten Michael Bohnen erinnern. Ich danke noch einmal allen, die dazu beigetragen haben.&#8221;<\/p>\n<figure id=\"attachment_1601\" aria-describedby=\"caption-attachment-1601\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1601 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/IMG_5156-300x226.jpg\" alt=\"IMG_5156\" width=\"300\" height=\"226\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1601\" class=\"wp-caption-text\">Hoppla, jetzt komm&#8217; ich &#8211; ein Kerl f\u00fcr die Ewigkeit.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Damit hatte die B\u00fcrgermeisterin aber auch endg\u00fcltig das Pulver verschossen. Das musste reichen f\u00fcr Michael Bohnen.<\/p>\n<p>13 Jahre sp\u00e4ter nimmt niemand mehr Notiz von der Gedenktafel. Der Penner gegen\u00fcber streichelt seinen Hund und blickt verdrossen in den Papp-Kaffeebecher: immer noch leer, die Passanten haben heute vern\u00e4hte Taschen. Ein unansehnlicher Herr aus dem Orient hat ein zufriedenes Gesicht, im Schlepptau seine sehr junge Begleiterin, die sich an Taschen von Yves Saint Laurent krumm tr\u00e4gt. Ein Gesch\u00e4ftsmann bellt ins Handy, dass das ein Schei\u00df-Meeting gewesen sei und dass das Folgen haben werde. Zweie knutschen sich ab.<\/p>\n<p>Das ist der Ku&#8217;damm, den Michael Bohnen geliebt hat. Da haben&#8217;se auch vor hundert Jahren gek\u00fcsst, geschimpft, geliebt, gebettelt. War immer so.<\/p>\n<p>Diesen Ku&#8217;damm ist Michael Bohnen rauf und runter flaniert, mit iommer wechselnden Frauenspersonen. Er hat hier Trinkgelder verteilt, als ob das Ende der Welt nicht weit w\u00e4re. Bohnen hat mit dr\u00f6hnender Stimme die Droschken zum Kempinski kommandiert und er ist langsam voran gekommen, weil jeder von ihm etwas haben wollte. Eine Unterschrift auf einem Starfoto, einen Klaps auf die Schulter, ein nettes Wort, eine N\u00e4he.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1600\" aria-describedby=\"caption-attachment-1600\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1600 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/IMG_5160-300x238.jpg\" alt=\"IMG_5160\" width=\"300\" height=\"238\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1600\" class=\"wp-caption-text\">Der Bart ist ab &#8211; so schnell geht das.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Er war ein Megastar.<\/p>\n<p>Davon mehr.<\/p>\n<p>Michael Bohnen ist sp\u00e4ter, da wurde er alt und die Knochen taten ihm weh, langsam den Ku&#8217;damm entlang gewandert. Er war hager geworden &#8211; und irgendwann kannte ihn laum noch jemand. Seine Anz\u00fcge, sein Sakkos trug er auf, besonders an den Ellbogen wurden sie fadenscheinig und abgewetzt. Er konnte keine Trinkgelder mehr geben &#8211; und wenn sich Bohnen einen Besuch im Kempinski leisten konnte,\u00a0 war&#8217;s ein Festtag.<\/p>\n<p>Bei Wikipedia hei\u00dft das Ende so einer Biographie dann: Er starb &#8220;in v\u00f6lliger Armut&#8221;.<\/p>\n<p>Und nun, 50 Jahre nach dem Tod eines der gr\u00f6\u00dften S\u00e4nger des letzten Jahrhunderts, verliert sich die Spur.<\/p>\n<p>Das ist nicht in Ordnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Morgen: Was kostet die Welt?<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 28. mai 2015 Die Gedenktafel verwittert furchtbar schnell. Das sch\u00f6ne Silbergrau bl\u00e4ttert ab, Buchstaben und Zahlen verlieren sich. Im Zeitraffer verschwindet die Erinnerung an einen Menschen. Es ist Ende Mai 2015, vor 50 Jahren ist der Mensch zu Grabe getragen worden. Vor 13 Jahren hat ein K\u00f6lner Kunstfreund durchgesetzt, dass an dieser Stelle eine [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":1602,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[22],"tags":[182,482,484,421,483],"class_list":["post-1597","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-portrat","tag-berlin","tag-bohnen-michael","tag-kurfurstendamm","tag-oper","tag-thiemen-monika","has-post-title","has-post-date","has-post-category","has-post-tag","has-post-comment","has-post-author",""],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1597","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1597"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1597\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1624,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1597\/revisions\/1624"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1602"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1597"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1597"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1597"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}