{"id":157,"date":"2014-12-31T12:15:11","date_gmt":"2014-12-31T12:15:11","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=157"},"modified":"2015-01-01T14:23:22","modified_gmt":"2015-01-01T14:23:22","slug":"wundervolle-wilde-weite-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wundervolle-wilde-weite-welt\/","title":{"rendered":"Wundervolle, wilde, weite Welt"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>berlin, 1. januar<\/em> &#8211;\u00a0 Und sie leuchtet doch! Kulturnostalgiker lamentieren zwar, in der Friedrichstra\u00dfe habe fr\u00fcher der B\u00e4r gesteppt, der Fallada gesoffen und der Kirchner gepinselt \u2013 aber heute sei die Gegend nurmehr ein lahmer Laufsteg f\u00fcr trottelige Touri-Zombies. Sollen sie jammern, die Gestrigen. Viel spannender freilich ist es, zu erleben, wie die Friedrichstra\u00dfe und die Welt drumrum locken, leiden, leben \u2013 und dass der B\u00e4r auch heute steppt, bis die Tatzen brennen.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Dezember 2014 fliegt an einem Samstagmorgen gegen halb acht ein kiezbekannter Raufbold, geb\u00fcrtiger Nigerianer, hochkant aus der \u201eB\u00fclowkneipe\u201c. Er tut sich trotz seiner spektakul\u00e4ren Bruchlandung auf dem Sch\u00f6neberger Trottoir nicht sonderlich weh \u2013 das ist das Gl\u00fcck der Betrunkenen.<\/p>\n<p>Der Mann \u2013 besudelter Anzug, bisschen Blut auf der Stirn \u2013 rappelt sich hoch, \u00fcberlegt. Soll er noch mal in die Kneipe? Dort drinnen geht es an diesem Morgen hoch her, und ein paar Frauen sind obendrein aus der Nacht \u00fcbrig geblieben.<\/p>\n<p>Ach was!<\/p>\n<p>\u201eSchei\u00df-Rassisten!\u201c brummt der schwarze Mann.<\/p>\n<figure id=\"attachment_160\" aria-describedby=\"caption-attachment-160\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-160 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/DSC_14402-300x199.jpg\" alt=\"DSC_1440(2)\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/DSC_14402-300x199.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/DSC_14402-600x397.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/DSC_14402.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-160\" class=\"wp-caption-text\">Die Berliner tun alles, auf dass ihnen ein Licht aufgehe&#8230; FOTOS: BARBARA VOLKMER<\/figcaption><\/figure>\n<p>Und ruft ein Taxi.<\/p>\n<p>Drinnen feiern sie den Rausschmei\u00dfer.<\/p>\n<p>\u201eAch wat!\u201c, erkl\u00e4rt der Typ, der den z\u00e4nkischen Gast auf die Stra\u00dfe komplimentiert hat. \u201eWar echt an der Zeit. W\u00e4r\u2019 der kein Neger, dann h\u00e4tte er sich hier nich so lange gehalten.\u201c<\/p>\n<p>So redet man in Sch\u00f6neberg, wenn man unter sich ist. Zum Teufel dann mit den politischen Korrektheiten, zum Teufel mit allen neuen Vokabeln, die es vielleicht mal zum \u201eWort des Jahres\u201c schaffen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Menschen wie der Regierungssprecher Steffen Seibert w\u00fcrden in der Welt der wahren W\u00f6rter nicht lange drauf warten m\u00fcssen, von einem kernigen Trinker mit Durchblick auf die Stra\u00dfe gesetzt zu werden. Der fr\u00fchere Journalist ist einer der Protagonisten, die sich um die Verschleierung beim Sprechen verdient machen. \u00dcber seine Chefin schw\u00e4rmt er: \u201eEine Bundeskanzlerin steht mit einem Bein in der Weltpolitik und befasst sich mit Ukraine-Krise, Chinas Wirtschaftsentwicklung und NSA-\u00dcberwachung; mit dem anderen Bein steht sie in der Innenpolitik und k\u00fcmmert sich um Baf\u00f6g, Biogas-Subventionen oder Haushaltsfragen.\u201c<\/p>\n<p>Wohl gesprochen, wei\u00dfer Ritter aus dem Kanzleramt. Geht noch mehr?<\/p>\n<p>Klar! Herr Seibert kann auch S\u00e4tze wie folgenden:<\/p>\n<p>\u201eDie Bundeskanzlerin wei\u00df aus Erfahrung, dass die Zahlen von morgen nicht die Zahlen von heute sein m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p>So reden sie, so schreiben sie, so werben sie. Wort-F\u00fchrer wie Steffen Seibert schw\u00e4rmen von den Tugenden des klassischen Journalismus und werfen dann im Akkord Nebelkerzen und die Leute.<\/p>\n<p>Denn, mal ehrlich: Wo isser denn, der klassische Journalismus?<\/p>\n<p>Wenn wir nicht aufpassen, dann bleibt er gerade auf der Strecke.<\/p>\n<p>Geben wir\u2019s doch einmal auf Google ein: Klassischer Journalismus. Dann erfahren wir unter anderem Folgendes:<\/p>\n<p>\u201eWeb 2.0 vs. klassischer Journalismus \u2013 Wer ist der Gewinner?\u201c Und weiter: \u201eIm Grunde genommen, sind die B\u00fcrger selbst fast als Journalisten im Netz t\u00e4tig, \u00fcbernehmen in \u00e4hnlicher Weise die Aufgabe der unabh\u00e4ngigen Meinungsbildung der klassischen Journalisten. Eins zu null f\u00fcr das Web 2.0.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_162\" aria-describedby=\"caption-attachment-162\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-162 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/DSC_1445-300x199.jpg\" alt=\"DSC_1445\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/DSC_1445-300x199.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/DSC_1445-600x397.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/DSC_1445.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-162\" class=\"wp-caption-text\">Keine tierische Inszenierung, vor der man zur\u00fcck schrecken w\u00fcrde&#8230;<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Deutschlandradio Kultur w\u00e4hnt den \u201eKlassischen Journalismus unter Druck\u201c und erkl\u00e4rt: \u201eDer neue gro\u00dfe Trend im Internet sind Angebote wie ,Upworthy\u2019, ,Buzzfeed\u2019 oder ,Elite Daily\u2019. Auf diesen Plattformen werden journalistische Informationen und die wichtigsten News aus den sozialen Netzwerken aggregiert und f\u00fcr den User aufbereitet.<\/p>\n<p>Das Gesch\u00e4ft boomt. Die Nutzerzahlen explodieren und stellen herk\u00f6mmliche Nachrichtenwebsites l\u00e4ngst in den Schatten. Auch ein anderer Newsaggregator sorgt f\u00fcr Aufregung: Hinter\u00a0,Yahoo News Digest Konzept\u2019 steht eine App mit folgendem\u00a0Konzept:\u00a0Zweimal am Tag erh\u00e4lt man eine Zusammenfassung der wichtigsten Nachrichten, verbunden mit vertiefenden Links, Bildern und langen Artikeln, die man sp\u00e4ter lesen kann.\u201c<\/p>\n<p>Stefan Schmitt macht sich auf \u201eZeit online\u201c unkontrolliert Gedanken \u00fcber neue \u201eWorte\u201c (er meint \u201eW\u00f6rter\u201c, macht aber nix). Unter anderem f\u00e4llt ihm dazu ein: \u201eDer Wortistik-Blogger der taz, Detlef G\u00fcrtler, erfand eine neudeutsche Bezeichnung f\u00fcr ein getwittertes Bonmot, das Bontuit. Besonders h\u00fcbsch daran ist, dass der h\u00e4ssliche Wortbestandteil angels\u00e4chsischen Ursprungs dabei verlautschriftlicht wurde (Tweet zu Tuit). Ein franz\u00f6sischer Anteil blieb hingegen erhalten (wohl alleine schon um die unaussprechliche Kompletteindeutschung Guttuit zu vermeiden).<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus hat dieser Neologismus die elegante Eigenschaft, als Bezeichnung passender zu sein als sein Vorbild: Zwar setzt Twitter mit 140 Zeichen pro Nachricht einen engen Rahmen. Aber der gen\u00fcgt kultivierten Digitalflaneuren, um ihre Geistesblitze in ein paar Worte zu fassen. Anders gesagt: Ein Bonmot ist meist keines, ein Bontuit hingegen ist sicher einer.\u201c<\/p>\n<p>Achso?<\/p>\n<p>Naja, Goethe h\u00e4tte vielleicht ob dieser Klein-Suada gemeint: Getret\u2019ner Quark, wird breit, nicht stark.<\/p>\n<p>Bontuits. Apps. Seibert\u2019scher Worth\u00fclsen-M\u00fcll.<\/p>\n<p>Fein! Das war\u2019s dann mit den spannenden Geschichten aus der wundervollen, wilden, weiten Welt?<\/p>\n<p><em>Quatsch!<\/em> jaulen die Anh\u00e4nger des klassischen Journalismus auf. Das kann es doch nicht gewesen sein.<\/p>\n<p>Und sie wehren sich nach Kr\u00e4ften. Doch oft gehen ihnen die Kr\u00e4fte aus, immer wieder brettern sie mit Karacho gegen die Wand.<\/p>\n<figure id=\"attachment_166\" aria-describedby=\"caption-attachment-166\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-166 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/DSC_9131-300x199.jpg\" alt=\"DSC_9131\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/DSC_9131-300x199.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/DSC_9131-600x397.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/DSC_9131.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-166\" class=\"wp-caption-text\">Geschlossene Veranstaltungen zuhauf. Ostberliner suchen nach Erleuchtung im Neuen Jahr.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Klassischer Journalismus gef\u00e4llig? Ja schon, sagen die Entscheider \u2013 und verlieren auch gleich jedes weitere Interesse.<\/p>\n<p>Aber warum, bittesch\u00f6n, jammern?<\/p>\n<p>Das ganze Lamentieren hilft ja doch nichts. Denn \u2013 wie der Fu\u00dfballtrainer Stepanovic mal erkannt hat \u2013 \u201eL\u00e4bbe geht weiter!\u201c Und weil es ist, wie es ist, das Leben, bleibt es auch weiterhin erz\u00e4hlenswert.<\/p>\n<p>Denn es schreibt noch immer die sch\u00f6nsten Geschichten.<\/p>\n<p>Hat das nicht schon mal einer gesagt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 1. januar &#8211;\u00a0 Und sie leuchtet doch! 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