{"id":1569,"date":"2015-05-23T21:29:06","date_gmt":"2015-05-23T21:29:06","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1569"},"modified":"2015-05-23T21:29:06","modified_gmt":"2015-05-23T21:29:06","slug":"das-grosse-morden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/das-grosse-morden\/","title":{"rendered":"DAS GROSSE MORDEN"},"content":{"rendered":"<p><em><strong><span class=\"Apple-style-span\">berlin, 23. mai 2015<\/span><\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>&#8220;Die Narbe&#8221; hei\u00dft das Berliner Projekt. Es erinnert daran, wie der Erste Weltkrieg an der Westfront gew\u00fctet hat.\u00a0Unter Anderem wird die fast vergessene Geschichte eines jungen genialen englischen Komponisten aufgerollt, der in einen Krieg ziehen musste, der der Tod aller Sch\u00f6ngeistigkeit war.<\/strong><\/p>\n<p><em><span class=\"Apple-style-span\">&#8220;George Sainton Kaye Butterworth, geboren am 12. Juli 1885, galt in England als das gr\u00f6\u00dfte\u00a0musikalische Talent seiner Generation. Jeder, der sich mal zu Klassik Radio verirrt hat, kennt seine\u00a0Orchesterst\u00fccke ,The Banks of Green Willow&#8217; und ,A Shropshire Lad&#8217;. <\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span class=\"Apple-style-span\">Butterworth hatte sich gleich\u00a0zu Beginn des Krieges freiwillig an die Front gemeldet. Er war 29 Jahre alt, als er, am Vorabend seiner\u00a0Abreise nach Frankreich, den gr\u00f6\u00dften Teil seiner Kompositionen im Kamin verbrannte. Er wollte,\u00a0sollte er nicht \u00fcberleben, nur mit St\u00fccken in Erinnerung bleiben, von denen er wirklich \u00fcberzeugt\u00a0war. 19 Werke hielten seinem Urteil stand. Der Rest ging in Flammen auf.<\/span><\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_1558\" aria-describedby=\"caption-attachment-1558\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1558 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Westfront-ml008-300x200.jpg\" alt=\"Westfront-ml008\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Westfront-ml008-300x200.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Westfront-ml008-600x400.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Westfront-ml008.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1558\" class=\"wp-caption-text\">F\u00fcr immer ein Graben.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em><span class=\"Apple-style-span\">Butterworth war ein guter\u00a0Soldat. Er bekam exzellente Beurteilungen von seinen Vorgesetzten und wurde bald zum Offizier\u00a0bef\u00f6rdert. Bei seinen Untergebenen war er \u00e4u\u00dferst beliebt. In Pozi\u00e8res an der Somme war die\u00a0Front erbittert umk\u00e4mpft. Mal gewann die eine Seite ein paar Gr\u00e4ben, mal die andere. Die\u00a0Verluste waren au\u00dfergew\u00f6hnlich. <\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span class=\"Apple-style-span\">Am 16. und 17. Juli 1916 nahmen Leutnant Butterworth und seine\u00a0M\u00e4nner eine Reihe von Sch\u00fctzengr\u00e4ben ein. George Butterworth wurde bei dieser Aktion leicht\u00a0verletzt. Wegen besonderer Tapferkeit wurde ihm das Military Cross zugesprochen. <\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span class=\"Apple-style-span\">Am 4. August\u00a0bekam seine Einheit den Auftrag, den wichtigen Verbindungsgraben Munster Alley zur\u00fcckzuerobern,\u00a0den die Deutschen seit ein paar Tagen besetzt hielten. Seine Soldaten gruben einen\u00a0Ann\u00e4herungsgraben Richtung Munster Alley und nannten diesen Butterworth Trench, um ihren\u00a0Anf\u00fchrer zu ehren. <\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span class=\"Apple-style-span\">Die Schlacht an der Somme erreichte an diesem Tag ihren absoluten H\u00f6hepunkt.\u00a0Obwohl unter Beschuss der eigenen Artillerie liegend und unter schweren Verlusten, gelang die\u00a0R\u00fcckeroberung. Um 4.45 Uhr am Morgen des 5. August schlugen die Deutschen zur\u00fcck. George\u00a0Butterworth wurde von einem deutschen Scharfsch\u00fctzen t\u00f6dlich im Kopf getroffen. <\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span class=\"Apple-style-span\">Hastig begruben\u00a0ihn seine M\u00e4nner noch im Graben. In den heftigen Bombardements der folgenden zwei Jahre wurde\u00a0das Grabensystem bei Pozi\u00e8res vollkommen zerst\u00f6rt. Butterworths Leiche wurde niemals gefunden.\u00a0Der B\u00fcrgermeister von Pozi\u00e8res hat vor ein paar Jahren veranlasst, dass ein Stra\u00dfenstummel hinter\u00a0seinem Haus in Butterworth Road benannt wird.&#8221;<\/span><\/em><\/p>\n<div class=\"text small\">\n<p>Das schreibt Martin U.K. Lengemann \u00fcber einen \u00a0jungen Komponisten, der vor einer gro\u00dfen Laufbahn stand. F\u00fcr das Projekt &#8220;Die Narbe&#8221; hat der Berliner Journalist und Fotograf die sp\u00e4rlichen Informationen \u00fcber den genialen britischen Musiker zusammen getragen. Einige der Werke von Butterworth sind vom\u00a0<span class=\"Apple-style-span\">Horenstein Ensemble zusammen mit der Sopranistin Barbara Krieger\u00a0auf der CD\u00a0\u201eVerlorene Generation\/Lost Generation\/Generation Perdue\u201c eingespielt worden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">xxx<\/p>\n<p><span class=\"Apple-style-span\">&#8220;Unter tausend Braven trifft eine Kugel einen Unersetzlichen.&#8221; Das Zitat beschreibt nicht den Tod des George Butterworth. Franz Marc hat das im Nachruf auf seinen bereits in den ersten Kriegswochen gefallenen Malerfreund August Macke geschrieben. &#8220;Mit seinem Tode wird der Kultur eines Volkes eine Hand abgeschlagen, ein Auge blind gemacht&#8230; Der gierige Krieg ist um einen Heldentod reicher, aber die deutsche Kunst um einen Helden \u00e4rmer geworden.&#8221; Anderthalb Jahre sp\u00e4ter war auch Marc tot, am Nachmittag des 4. M\u00e4rz 1916 vor Verdun von einem Splitter in den Kopf getroffen.<\/span><span class=\"Apple-style-span\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">xxx<\/p>\n<\/div>\n<p>Otto Braun kam am 27. Juni 1897 in Berlin zur Welt. Als junger Mann hatte er lange wallende Haare und sah sehr verletzlich aus.\u00a0Der Sohn der Frauenrechtlerin Lily Braun und des sozialdemokratischen Publizisten Heinrich Braun besuchte von 1907 bis 1908 die freie Schulgemeinde Wickersdorf. Seine\u00a0Eltern und Lehrer wussten, wie hochbegabt er war. Auf die Schnelle lernte der Junge schon mal Altgriechisch, wenn ihm danach war. Au\u00dferdem schrieb er wie ein Besessener.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1559\" aria-describedby=\"caption-attachment-1559\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1559 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Westfront-ml004-300x200.jpg\" alt=\"Westfront-ml004\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Westfront-ml004-300x200.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Westfront-ml004-600x400.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Westfront-ml004.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1559\" class=\"wp-caption-text\">Die Kluft im Kontinent. FOTOS: LENGEMANN<\/figcaption><\/figure>\n<p>Am 8. Dezember 1909 beantragte der Professor Josef Petzold, Verfasser der Schrift Sonderschulen f\u00fcr hervorragend Bef\u00e4higte, beim K\u00f6niglichen Ministerium f\u00fcr geistliche, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten vom Unterrichtsdienst teilweise befreit und mit dem Unterricht des damals zw\u00f6lfj\u00e4hrigen Sch\u00fclers betraut zu werden. Petzold habe sich durch mehrst\u00fcndige Gespr\u00e4che und genaues Lesen mehrerer Arbeiten Brauns pers\u00f6nlich davon \u00fcberzeugt, \u201edass seine Begabung in keiner Hinsicht \u00fcbersch\u00e4tzt wurde.&#8221;<\/p>\n<p>1914 meldete er sich 17-j\u00e4hrig freiwillig zum Kriegsdienst und wurde zun\u00e4chst im Osten eingesetzt. Nach einer Verwundung 1916 war er im Ausw\u00e4rtigen Amt t\u00e4tig. Nach der Heilung ging er wieder an die Front in Frankreich, wo er 29. April 1918 bei Marcelcave an der Somme durch einen Granattreffer starb.<\/p>\n<p>Zu Lebzeiten wurde nur ein Gedicht, ohne sein Wissen und Einverst\u00e4ndnis, in einer Zeitschrift ver\u00f6ffentlicht. Doch die Kenner wussten: Er hatte das Zeug, der Gr\u00f6\u00dfte zu werden.\u00a0<span class=\"Apple-style-span\">Carl Zuckmayer nannte ihn &#8220;eine Art von literarisch-intellektuellem Wunderkind&#8221;, Alfred Polgar und Andr\u00e9 Gide h\u00f6rten nicht mehr auf zu schw\u00e4rmen &#8211; und der immer kritische Thomas Mann erkl\u00e4rte, er stehe dem\u00fctig vor der Brillanz des jungen Talents.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">xxx<\/p>\n<p>Lyriker waren sie, &#8220;Blaue Reiter&#8221; und Kubisten, Komponisten, Dramatiker, Shakespeare-Forscher. Sie hie\u00dfen Gustav Sack, August Stramm, Alfred Lichtenstein, Ernst Wilhelm Lotz, Isaac Rosenberg, Charles P\u00e9guy, Ernst Stadler&#8230;<\/p>\n<p>Einer von ihnen, Alfred Lichtenstein, schrieb:<span class=\"Apple-style-span\">\u00a0&#8220;\u00dcberall stinkt es nach Leichen. \/ Es beginnt das gro\u00dfe Morden.&#8221;<\/span><\/p>\n<p>Da war er 23. Eineinhalb Jahre sp\u00e4ter war er tot. Und der Krieg dauerte und dauerte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"text small\"><\/div>\n<div class=\"text small\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 23. mai 2015 &#8220;Die Narbe&#8221; hei\u00dft das Berliner Projekt. Es erinnert daran, wie der Erste Weltkrieg an der Westfront gew\u00fctet hat.\u00a0Unter Anderem wird die fast vergessene Geschichte eines jungen genialen englischen Komponisten aufgerollt, der in einen Krieg ziehen musste, der der Tod aller Sch\u00f6ngeistigkeit war. &#8220;George Sainton Kaye Butterworth, geboren am 12. 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