{"id":1561,"date":"2015-05-22T21:00:26","date_gmt":"2015-05-22T21:00:26","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1561"},"modified":"2015-05-22T21:03:22","modified_gmt":"2015-05-22T21:03:22","slug":"gellender-tod","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/gellender-tod\/","title":{"rendered":"GELLENDER TOD"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>berlin, 22. mai 2015<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Der Berliner Fotograf Martin U.K.. Lengemann hat mit der &#8220;Narbe&#8221; ein ehrgeiziges Projekt angeschoben. Er will mit Veranstaltungen, Ver\u00f6ffentlichungen, Auftritten und einer ambitionierten Homepage an den Ersten Weltkrieg erinnern. Ausl\u00f6ser sind unter anderem die vielen Reisen, die Lengemann zu den Schlachtfeldern im Westen unternommen hat. 2010 ging Lengemann mit der &#8220;Narbe&#8221; zum ersten Mal an die \u00d6ffentlichkeit. &#8220;Jetzt&#8221;, sagt er, &#8220;sp\u00fcre ich, dass sich das Engagement auszahlt.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong><em>xxx<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">August Stramm, &#8220;Patrouille&#8221;:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Die Steine feinden<\/em><em><br \/>\nFenster grinst Verrat<br \/>\n\u00c4ste w\u00fcrgen<br \/>\nBerge Str\u00e4ucher bl\u00e4ttern raschlig<br \/>\nGellen<br \/>\nTod.<\/em><\/p>\n<p><strong>Lengemann:<\/strong><\/p>\n<p>Kilom\u00e8tre Z\u00e9ro, Front de l\u2019Este, s\u00fcdlichster Punkt der Westfront.\u00a0 Zwischen Pfetterhausen und Moos im Elsass ber\u00fchrte die Front die Grenze zur Schweiz. Der Bach La Largues teilt den Wald vor Moos. Am westlichen Rand, hinter den ersten B\u00e4umen, stehen die deutschen Bunker. Hier erlebte Andr\u00e9 Dubail am 7. August 1914 das erste Gefecht \u201ekilom\u00e8tre zero\u201c.<\/p>\n<p>\u201eEine Schwadron Dragoner und ein Zug Radfahrer als Flankensicherung stie\u00df von R\u00e9ch\u00e9sy gegen Pfetterhausen \u2013 Moos \u2013 Bisel vor. Die Vorhut von zwei Patrouillen zu je 16 Reitern attackierte um 07.20 Uhr die deutschen Posten auf dem Gerschwillerboden, ein Kilometer westlich von Pfetterhausen. Der Schusswechsel alarmierte die deutsche Besatzung, etwa 110 Mann, unter Kommando von zwei Leutnants, welche s\u00fcdwestlich des Friedhofs bei der Barrikade an der Stra\u00dfe nach R\u00e9ch\u00e9sy in Stellung ging. Beim Gefecht wurden vier franz\u00f6sische Dragoner get\u00f6tet.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>xxx<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Karl Kraus, \u201eDie letzten Tage der Menschheit\u201c; bei Verdun:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Oberst Meurtrier: <em>Wie? So wenig Gefangene? Zwanzig? Ich glaubte, da\u00df Sie eine ganze Kompagnie haben!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">de Massacr\u00e9:<em> Ich hatte sie. Aber die \u00fcbrigen sind da unten im Sch\u00fctzengraben verreckt. Ich habe meinen Leuten den Befehl erteilt, 180 mit dem Bajonett niederzumachen. Die braven Jungen z\u00f6gerten wohl, aber ich stellte ihnen kurzen Proze\u00df in Aussicht und da gings mit Halsabschneiden und Bauchaufschlitzen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Meurtrier (ungehalten): <em>180? Das ist zu viel! Das w\u00e4re selbst dem General zu viel! Ich rate Ihnen, \u00fcber diese Sache nicht zu sprechen, wenn Sie nicht riskieren wollen, aus der Liste der Ehrenlegion gestrichen zu werden.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">de Massacr\u00e9 (selbstbewu\u00dft): <em>Ich glaube im Gegenteil, Herr Oberst, da\u00df ich in einigen Tagen das Kreuz der Ehrenlegion tragen werde! Und dann bekomme ich das Regiment von Korsika. Meine Taten er\u00f6ffnen mir die Bahn und mein Ziel soll der Ausgangspunkt der gloire sein.<\/em><\/p>\n<p><strong>\u00a0Lengemann:<\/strong><\/p>\n<p>Eine halbe Autostunde weiter n\u00f6rdlich: der Hartmannsweilerkopf, der Hausberg des Ortes Hartmannsweiler. Die Soldaten beider Seiten nannten ihn den Menschenfresser. 956 Meter \u00fcber dem Meer gelegen, wird das Schlachtfeld als der milit\u00e4risch wertloseste Aussichtspunkt der Front beschrieben. Im Inneren hohl wie ein kari\u00f6ser Zahn, von Hunderten Stollen durchzogen, befinden sich auf der Oberfl\u00e4che unz\u00e4hlige Sch\u00fctzengr\u00e4ben und Bunker. J\u00e4hrlich zieht der Berg 200.000 Besucher an, die sich am sch\u00f6nen Schauer des Grauens laben. Die Kuppe wechselte w\u00e4hrend des Krieges mehrmals den Besitzer. Zwischen Dezember 1914 und Sommer 1916 starben hier 30.000 Soldaten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1565\" aria-describedby=\"caption-attachment-1565\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1565 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Grabenkarte-300x189.jpg\" alt=\"Grabenkarte\" width=\"300\" height=\"189\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1565\" class=\"wp-caption-text\">Ein Frontverlauf wie ein Strickmuster. Die &#8220;H\u00f6lle&#8221; in Zahlen und Namen und Strichen&#8230; FOTOS: LENGEMANN<\/figcaption><\/figure>\n<p>Es geht weiter, entlang der Front Richtung Nancy, nach Verdun. Zwischen 1914 und 1918 explodierten hier auf dem Schlachtfeld etwa 50 Millionen Artilleriegranaten. Insgesamt wurden von beiden Seiten 2,5 Millionen Soldaten eingesetzt. Wie viele insgesamt fielen, l\u00e4sst sich heute nicht mehr sagen. Zu viel wurde gef\u00e4lscht, besch\u00f6nigt. Nach Berechnungen des britischen Historikers Niall Ferguson belief sich die Zahl der Toten w\u00e4hrend der Kriegshandlungen auf etwa 6000 pro Tag und die Zahl der Get\u00f6teten insgesamt auf circa 350.000 Menschen. Hier bewegte sich die Front in vier Jahren nur um ein paar Meter.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>xxx<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Der franz\u00f6sische Hauptmann Augustin Cochin, franz\u00f6sischer Hauptmann, in seinen Erinnerungen an die Stellung \u201cToter Mann\u201d:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>\u201cDie letzten zwei Tage in eisigem Schlamm, unter furchtbarem Artilleriefeuer, mit keiner anderen Deckung als der Enge des Grabens. Nat\u00fcrlich hat der Boche nicht angegriffen, das w\u00e4re auch zu dumm gewesen\u2026 Ergebnis: Ich bin hier mit 175 Mann angekommen und mit 34 zur\u00fcckgekehrt, von denen einige halb verr\u00fcckt geworden sind\u2026 Sie antworteten nicht mehr, wenn ich sie ansprach.\u201d<\/em><\/p>\n<p><strong>Lengemann:<\/strong><\/p>\n<p>Sie nannten die Gegend die \u201eH\u00f6lle\u201c. Auf Freifl\u00e4chen und in den W\u00e4ldern Sch\u00fctzengraben an Sch\u00fctzengraben. Nur unterbrochen von den millionenfachen Einschl\u00e4gen der Granaten. Hier gibt es eine \u201ezone rouge\u201c, verbotenes Terrain. Noch immer liegen unz\u00e4hlige Blindg\u00e4nger in der Natur.<\/p>\n<p>Westlich von Douaumont, Toter Mann und H\u00f6he 304 liegt Vauquois. Ein Berg, der auch noch zum Schlachtfeld Verdun geh\u00f6rt. Eigentlich war es mal ein Berg. Auf dem Gipfel stand bis 1914 das Rathaus des kleinen Ortes. Das Dorf schmiegte sich an den Hang. Franz\u00f6sische und deutsche Pioniere haben den Berg durchl\u00f6chert und mit Dynamit gef\u00fcllt. Dann haben sie sich gegenseitig in die Luft gesprengt, den Berg mehrfach geteilt, sind dann auf die neu entstandenen Gipfel hinaufgestiegen und haben sich weiter bek\u00e4mpft. Als das keinen Erfolg brachte, hat man wieder gegraben.<\/p>\n<p>Die Stollen und Gr\u00e4ben sind bis heute erhalten. Man versucht, das Tunnelsystem zu sichern, damit nicht alles in sich zusammenst\u00fcrzt. 536 Sprengungen musste der Berg \u00fcber sich ergehen lassen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1566\" aria-describedby=\"caption-attachment-1566\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1566 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Butterworth-Thiepval-300x204.jpg\" alt=\"Butterworth-Thiepval\" width=\"300\" height=\"204\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1566\" class=\"wp-caption-text\">In Stein gemei\u00dfelte Leben. Auch das des jungen Komponisten Butterworth. Der Rest ist Stille.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Vom Dorf Vauquois blieben nicht einmal die Kellerfundamente \u00fcbrig. Da der Boden vollkommen von Munitionsresten und Leichen verseucht war, wurde der \u00fcberlebenden Bev\u00f6lkerung eine R\u00fcckkehr verweigert. Eine kleine Gruppe beschloss, unterhalb des Berges ein neues Vauquois zu errichten. Heute leben hier 23 Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>\u00a0Morgen: Es nimmt kein Ende<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 22. mai 2015 Der Berliner Fotograf Martin U.K.. Lengemann hat mit der &#8220;Narbe&#8221; ein ehrgeiziges Projekt angeschoben. Er will mit Veranstaltungen, Ver\u00f6ffentlichungen, Auftritten und einer ambitionierten Homepage an den Ersten Weltkrieg erinnern. 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