{"id":1553,"date":"2015-05-21T14:46:28","date_gmt":"2015-05-21T14:46:28","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1553"},"modified":"2015-05-21T14:46:28","modified_gmt":"2015-05-21T14:46:28","slug":"die-narbe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/die-narbe\/","title":{"rendered":"DIE NARBE"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>berlin, 21. mai 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Die Jubil\u00e4umsfeiern waren im vergangenen Jahr &#8211; da hat sich jedermann bem\u00fc\u00dfigt gef\u00fchlt, noch einmal des Ersten Weltkriegs zu gedenken. Man war tief betroffen dar\u00fcber, was da vor hundert Jahren \u00fcber Europa herein gebrochen war. Damit hatte es sich dann aber auch. 2015 gedenkt niemand mehr. Dieser Tage zum Beispiel hat die zweite Flandernschlacht Hundertj\u00e4hriges &#8211; danach kr\u00e4ht kein Hahn.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wirklich?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Nicht ganz.<\/strong><\/p>\n<p>Im wunderbaren Wilmersdorfer &#8220;Caf\u00e9 Horenstein&#8221; treffen sich Musikfreunde und wohnen am\u00fcsiert einer besonderen Premiere bei. Im Mekka der Schallplatte wird eine CD vorgestellt. Das Horenstein Ensemble hat zusammen mit der Sopranistin Barbara Krieger eine Scheibe mit dem Titel \u201eVerlorene Generation\/Lost Generation\u201c ver\u00f6ffentlicht. Aufgenommen wurden die Werke dreier Komponisten, die zwischen 1914 und 1918 gefallen sind: Rudi Stephan, George Butterworth und Cecil Coles.<\/p>\n<p>Die CD ist ein weiteres Projekt im crossmedialen Abenteuer eines Berliner Journalisten und Fotografen.\u00a0Martin U. K. Lengemann hat&#8217;s erfunden. Titel:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong><em>DIE NARBE<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Lengemann erz\u00e4hlt die Geschichte seines Urgro\u00dfvaters und des Verlaufes der ehemaligen Westfront &#8211; es wird eine sehr pers\u00f6nliche Auseinandersetzung mit dem\u00a0Ersten Weltkriegs.\u00a0Unter anderem kommen eben auch\u00a0Komponisten aus Deutschland und Gro\u00dfbritannien zu Geh\u00f6r, die sehr jung im Ersten Weltkrieg gefallen sind und ihr jugendliches &#8220;schon sehr spannendes Schaffen&#8221; nicht weiter entwickeln konnten.<\/p>\n<p>&#8220;Wissen \u00fcber den Anderen, \u00fcber sein Sein und Tun, aber auch \u00fcber sein Leid und Opfer, machen\u00a0Vers\u00f6hnung erst m\u00f6glich&#8221;, sagt Lengemann. &#8220;Meinem Ur-Gro\u00dfvater kam diese Erkenntnis bereits mitten in der Schlacht, als er zwischen den Gr\u00e4ben einen britischen Soldaten traf und einen kurzen, kleinen\u00a0Waffenstillstand schloss. Ihm war verwehrt, sofort Frieden zu schlie\u00dfen \u2013 aber seine Geschichte und\u00a0eine kleine Holzschachtel, machen dieses Projekt \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich.&#8221;<\/p>\n<figure id=\"attachment_1558\" aria-describedby=\"caption-attachment-1558\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1558 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Westfront-ml008-300x200.jpg\" alt=\"Westfront-ml008\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Westfront-ml008-300x200.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Westfront-ml008-600x400.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Westfront-ml008.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1558\" class=\"wp-caption-text\">Es ist eine der gro\u00dfen Wunden des Kontinents. Der Berliner Fotograf Martin U.K. Lengemann hat sich auf eine schmerzhafte Spurensuche gemacht.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Da gibt es sie also doch, die Menschen, die die Finger auf die &#8220;Narbe&#8221; legen, auch wenn es mal kein Jubil\u00e4um zu begehen gibt. Es w\u00e4re ganz gut, man h\u00f6rte ihnen zu. In der &#8220;Welt am Sonntag&#8221; begann Lengemann einen \u00a0gro\u00dfen Text \u00fcber sein gro\u00dfes Thema folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p><em><span class=\"Apple-style-span\">Als mein Urgro\u00dfvater starb, war ich f\u00fcnf Jahre alt. Viele Erinnerungen habe ich nicht an ihn. Johannes Menges war schon sehr alt und sa\u00df meistens in seinem Sessel und rauchte Pfeife. \u00dcber diesem Sessel hing eine Kuckucksuhr. Ich liebte es, wenn der kleine Vogel zur vollen und halben Stunde erschien.<\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span class=\"Apple-style-span\">Wenn ich von meinen Urgro\u00dfeltern sprach, nannte ich sie Oma und Opa Kuckuck. <\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span class=\"Apple-style-span\">Nur ein Dialog mit meinem Opa ist mir im Ged\u00e4chtnis geblieben. \u201cOpa, warst du eigentlich im Krieg?\u201d, hatte ich ihn gefragt. Warum ich das fragte? Heute wei\u00df ich es nicht mehr. Was einen kleinen Jungen so umtreibt.<\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span class=\"Apple-style-span\">Auch hatte ich sicher keine Ahnung, dass mein Urgro\u00dfvater schon zwei Weltkriege erlebt hatte. Ich erinnere mich noch an die lange Pause, die entstand. \u201cJa\u201d, sagte er. <\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span class=\"Apple-style-span\">Ich muss nachgefragt haben, weil er mir dann erz\u00e4hlte, wie er einmal auf einer Patrouille, zwischen den feindlichen Gr\u00e4ben, pl\u00f6tzlich einen englischen Soldaten traf. Die beiden M\u00e4nner beschlossen, nicht aufeinander zu schie\u00dfen. Opa sagte: \u201cWir wollten beide nicht sterben.\u201d<\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span class=\"Apple-style-span\">Sie rauchten gemeinsam, in einem Granattrichter sitzend, eine Zigarette. Verst\u00e4ndigen konnten sie sich nur schwer, da der eine nicht die Sprache des anderen sprach. Dann ging jeder wieder zu seiner Linie. Am kommenden Tag wurde die Einheit meines Urgro\u00dfvaters in Kampfhandlungen verwickelt. Er schoss auf englische Soldaten. Er sagte, er habe sich das nie verziehen, es habe ihm gezeigt, wie grausam Krieg ist. <\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span class=\"Apple-style-span\">Meine Oma war fassungslos, als sie von unserem Gespr\u00e4ch erfuhr. Mein Urgro\u00dfvater hatte in den 56 Jahren nach Ende des Ersten Weltkriegs ihr gegen\u00fcber niemals ein Wort \u00fcber seine Fronterfahrungen verloren. Warum erz\u00e4hlte er nun einem F\u00fcnfj\u00e4hrigen davon? <\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span class=\"Apple-style-span\">Wenige Wochen nach meinem Besuch hatte Opa einen Schlaganfall. In der Nacht nach dem Sieg der Deutschen bei der Fu\u00dfball- Weltmeisterschaft 1974. Oma sagte: \u201cEs war die Aufregung.\u201d Er starb wenig sp\u00e4ter. Hinterlassen hat<br \/>\ner mir ein paar Karl-May-B\u00e4nde und einen Sessel. <\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span class=\"Apple-style-span\">Vor einigen Jahren gab mir mein Onkel eine kleine Holzschachtel. \u201cDie ist bei dir besser aufgehoben\u201d, sagte er. In dem K\u00e4stchen waren Abzeichen, Uniformschulterst\u00fccke, das Eiserne Kreuz meines Urgro\u00dfvaters und sein Milit\u00e4rpass, der \u00fcber alle seine Eins\u00e4tze Auskunft gibt.<\/span><\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_1557\" aria-describedby=\"caption-attachment-1557\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1557 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Westfront-ml006-300x200.jpg\" alt=\"Westfront-ml006\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Westfront-ml006-300x200.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Westfront-ml006-600x400.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Westfront-ml006.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1557\" class=\"wp-caption-text\">&#8220;Ihr werdet wieder zu Hause sein, ehe noch das Laub von den B\u00e4umen f\u00e4llt.&#8221; So Wilhelm II. zu den Soldaten, die in den Krieg ziehen.<\/figcaption><\/figure>\n<p><em><span class=\"Apple-style-span\">Der Erste Weltkrieg, diese Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, hat mich seit Kindheitstagen umgetrieben. Seit mein Onkel in den sp\u00e4ten 70er-Jahren in England gearbeitet hatte, ich ihn dort mehrmals besuchte und mich in das Land und die Briten verliebt hatte, war f\u00fcr mich die Vers\u00f6hnung mit dem ehemaligen Feind ein Lebensthema. Oft dachte ich an die Zigarette zwischen den Frontlinien. <\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span class=\"Apple-style-span\">Als Jugendlicher bin ich mit dem Volksbund Deutscher Kriegsgr\u00e4berf\u00fcrsorge nach Verdun gefahren, \u201cVers\u00f6hnung \u00fcber den Gr\u00e4bern\u201d, sp\u00e4ter mehrmals, um journalistisch in Frankreich \u00fcber das, was vom Krieg geblieben ist, zu berichten. Jetzt wollte ich zum ersten Mal die ganze Frontlinie mit dem Auto abfahren. <\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span class=\"Apple-style-span\">Wie Narben auf einem geschundenen K\u00f6rper waren und sind die Spuren der Kampfhandlungen von 1914 bis 1918 in Belgien und Frankreich zu sehen. \u00dcber 750 Kilometer zieht sich die ehemalige Front von der Schweizer Grenze bis nach Nieuwpoort in Belgien. Marne, Verdun, Champagne, Cambrai, Somme, Ypern.<\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span class=\"Apple-style-span\">Experten sagen, man k\u00f6nne noch heute den Frontverlauf auf Satellitenbildern erkennen. 100 Jahre nach Ausbruch der Kampfhandlungen. Es ist die Narbe Europas.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Morgen: Der Seelen-Grenzgang, Teil II<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 21. mai 2015 Die Jubil\u00e4umsfeiern waren im vergangenen Jahr &#8211; da hat sich jedermann bem\u00fc\u00dfigt gef\u00fchlt, noch einmal des Ersten Weltkriegs zu gedenken. Man war tief betroffen dar\u00fcber, was da vor hundert Jahren \u00fcber Europa herein gebrochen war. Damit hatte es sich dann aber auch. 2015 gedenkt niemand mehr. 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