{"id":1537,"date":"2015-05-19T20:16:20","date_gmt":"2015-05-19T20:16:20","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1537"},"modified":"2015-05-19T20:16:20","modified_gmt":"2015-05-19T20:16:20","slug":"narrenspiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/narrenspiel\/","title":{"rendered":"NARRENSPIEL"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>berlin, 19. mai 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Gestern hat sich Thomas Gottschalk zum Affen machen lassen. Nein, er hat sich zum Affen gemacht. Weil er wei\u00df, dass es zum doofen Spiel geh\u00f6rt, dass einer wie er sich am Nasenring \u00fcber die B\u00fchne ziehen lassen muss, wenn er sich gut verkaufen will. Also, Gottschalk hat eine bemerkenswerte Biographie geschrieben &#8211; und er will, dass die m\u00f6glichst lange oben in den Bestsellerlisten bleibt. So hat er gestern mit einer Helium-Stimme Mozart gekr\u00e4ht, lie\u00df sich von einem blonden Model die Lippen rot anmalen, hat das Geplapper der drallen Barbara Sch\u00f6neberger, das Gel\u00e4chel des sich verbrauchenden Guido Maria Kretschmer und das hirnfreie Reden des Bl\u00f6del-Spezialisten Mike Kr\u00fcger freundlich an sich abperlen lassen.<\/strong><\/p>\n<p>So ist das nun mal, wenn man sich zum Affen macht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1543\" aria-describedby=\"caption-attachment-1543\" style=\"width: 241px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1543 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Barbara-Ellen-Volkmer-00005-241x300.jpg\" alt=\"Barbara-Ellen-Volkmer-00005\" width=\"241\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Barbara-Ellen-Volkmer-00005-241x300.jpg 241w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Barbara-Ellen-Volkmer-00005-600x746.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Barbara-Ellen-Volkmer-00005.jpg 788w\" sizes=\"auto, (max-width: 241px) 100vw, 241px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1543\" class=\"wp-caption-text\">Ist ihm doch egal, was die Leut&#8217; \u00fcber ihn schreiben. Sagte Thomas Gottschalk &#8211; und f\u00fcgte hinzu: &#8220;Hauptsache, sie schreiben meinen Namen richtig.&#8221; FOTO: BARBARA VOLKMER<\/figcaption><\/figure>\n<p>Und manch einer wurde ganz sentimental. Weil er an eine kluge Frau denken musste, deren Job es ebenfalls war, sich bl\u00f6der zu stellen, als sie war.<\/p>\n<p>Viel bl\u00f6der. Sie hat die N\u00e4rrin gegeben &#8211; bis ins fr\u00fche Grab:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong><em>HELGA FEDDERSEN.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Eine, die neben Gottschalk gespielt hat, hat auch die Feddersen erlebt. Das war Christine Zierl. Sie nannte sich mal Dolly Dollar&#8230;<\/p>\n<p>Es war 1983, Christine hatte einen kleinen Sohn, Alessio. Als naive Blonde hatte sich die s\u00fc\u00dfe 22-J\u00e4hrige unter dem K\u00fcnstlernamen \u201eDolly Dollar\u201c in die Herzen der Kinofreunde gespielt, doch im Augenblick hatte sie keinen Job.<\/p>\n<p>Da klingelte das Telefon.<\/p>\n<p>Am anderen Ende kr\u00e4hte es: \u201eHier is Helga. Helga Feddersen.\u201c<\/p>\n<p>Ja, es war die Ulknudel der Nation. Diese d\u00fcnne wundervolle Witzfigur, die mit Didi Hallervorden \u201eJa, die Wanne ist voll\u201c getr\u00e4llert hatte und f\u00fcr jeden Klamauk im Rampenlicht zu haben war.<\/p>\n<p>Ob sie, die Kollegin, nicht Lust an der Seite von Helga Theater zu spielen?<\/p>\n<p>Klar hat sie Lust gehabt, erinnert sich Christine Zierl heute. Sie packte das Kind ein und machte sich auf nach Hamburg. Am 23. Oktober 1983 war an Helgas Theater am Holstenwall Premiere von \u201eDie Perle Anna\u201c. Man gab das St\u00fcck 400Mal, die Bude war immer rappelvoll.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1541\" aria-describedby=\"caption-attachment-1541\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1541 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/IMG_5088-300x231.jpg\" alt=\"IMG_5088\" width=\"300\" height=\"231\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/IMG_5088-300x231.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/IMG_5088-600x462.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/IMG_5088.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1541\" class=\"wp-caption-text\">&#8220;Ja, die Wanne ist voll!&#8221; So sang sie, da lachten alle &#8211; und keiner merkte, wie klug die Feddersen war.<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u201eWir waren eine Familie \u2013 und Alessio und mich nahm die Helga ganz besonders unter die Fittiche. Sie war ein Schatz und Unterhaltung pur. Schrill, laut, komisch und genau so leise und ganz traurig, immer voller Empathie f\u00fcr andere. Sie g\u00f6nnte sich nichts und war mit anderen gro\u00dfz\u00fcgig. Sie verlieh Geld, hatte f\u00fcr alle ein offenes Ohr!\u201c<\/p>\n<p>Zierl weiter: \u201eWenn man so eng miteinander lebt, kennt man nach einer Weile den Anderen aus dem Effeff. Und da Helga aus ihrem Herzen nie eine M\u00f6rdergrube machte, wusste ich schon bald alles Wichtige, was ihr im Leben passiert war.\u201c<\/p>\n<p>Helga Feddersen, diese echte Hamburger Deern. Am 14. M\u00e4rz 1930 an der Elbe geboren. Der Vater hatte \u201anen Laden f\u00fcr Seemannsbedarf und war wichtigste Bezugsperson. Das M\u00e4dchen Helga dr\u00e4ngte es schon bald auf die B\u00fchne. Eine Sch\u00f6nheit, die in \u201eOstern\u201c von Strindberg mit 19 die erste gro\u00dfe Rolle meisterte. Eine junge Frau, der mit 25 ein Tumor hinterm Ohr entfernt werden musste. Dabei wurde ein Gesichtsmuskel durchtrennt, danach war Helgas Gesicht halbseitig gel\u00e4hmt \u2013 arbeiten konnte sie erst einmal nur als Souffleuse.<\/p>\n<p>Doch sie kam zur\u00fcck, als die Frau, die sich \u00fcber alles und jeden und vor allem sich selber lustig machte: \u201eMein Mund sa\u00df am Ohr! Jetzt sitzt er wieder richtig. Zum richtigen Sitzen hat er f\u00fcnf Jahre gebraucht.\u201c<\/p>\n<p>Dann schien sie auf der Sonnenseite des Lebens zu sein. Zumal sie sich auch noch den richtigen Kerl angelte. G\u00f6tz Kozuszek, Dramaturg beim NDR, schickte ihr in der Kantine doppelst\u00f6ckige Schn\u00e4pse an den Tisch und wartete ab. Aber sie stand kerzengerade wieder auf. \u201eDa hat er gedacht\u201c, erz\u00e4hlte Helga gern, \u201emit der fang ich was an. Er lie\u00df sich scheiden, und ich war dran. Ich war 32 und G\u00f6tz 52. Ich voll erbl\u00fcht, er kernig. In der Erotik hatte ich noch nie so den richtigen Spa\u00df gehabt, aber bei uns beiden klappte das gleich, und die richtig geistige Ebene war auch da.\u201c Vor G\u00f6tz mochte ich mich nicht, ich lebe ja erst seit unserer Ehe!\u201cdas sagte Helga oft, sie begl\u00fcckte ihn mit alten M\u00f6beln vom Sperrm\u00fcll.\u201c erinnert sich Christine Zierl.<\/p>\n<p>\u201eHelga war eine \u201aRampensau\u2018\u201c, erinnert sich Christine Zierl. \u201eSie hat immer gesagt: ,Ich brauche keinen Alkohol und keinen BH, aber ich brauche MEIN Publikum.\u2018 Oder: ,Ich bin ansteckend! Das ist die sch\u00f6nste Krankheit die man sich bei mir holen kann, das Lachen!\u2018 Und wirklich \u2013 wenn sie so daher kam mit ihrer ,Handtasche\u2018, einer Plastikt\u00fcte, wenn sie nach der Vorstellung ihre Miniportion Buletten oder Heringssalat verdr\u00fcckte, dann war sie das Zentrum der guten Laune, aber sie k\u00e4mpfte immer mit Magersucht, achtete mehr bei meinem Sohn aufs Essen als bei sich selbst.\u201c<\/p>\n<p>Auch auf der B\u00fchne hatte Christine mit der gro\u00dfen Kollegin ihre ganz eigene Gaudi. Normalerweise ging man kurz vor dem Auftritt nochmal aufs \u00d6rtchen. ,Ich mussma schnell zu Tante Meier\u2018 hie\u00df das bei Helga. Eines Abends kr\u00e4hte eine eilige Helga \u201eich muss ma\u2026\u201c, wurde aber vom Inspizienten beschieden: \u201eNix musste. Du musst auf die B\u00fchne\u201c.<\/p>\n<p>Da stand sie nun in ihrer Not, auf der anderen Seite Christine. Also deklamierte Helga ein \u201eIch mussma zu Tante Meier\u201c &#8211; und weg war sie. \u201eUnd ich musste improvisieren, bis sie erleichtert zur\u00fcck kam. Was haben wir gelacht.\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Spielzeit von \u201ePerle Anna\u201c starb G\u00f6tz. \u201eDas hat Helga umgehauen. Da war das Theater geradezu Therapie f\u00fcr sie\u201c, erz\u00e4hlt Christine Zierl.<\/p>\n<p>Das war 1985. Zwei Jahre sp\u00e4ter ging Helga zum Arzt. Die Diagnose war niederschmetternd: Tumor am Auge. \u201eSie durfte nicht mehr spielen. Sie rief mich an und weinte\u201c, erz\u00e4hlt Christine Zierl, \u201esie l\u00f6ste ihren Hausstand in Hamburg auf zog sich nach F\u00f6hr zur\u00fcck, an ihrer Seite ihr Vertrauter Olli Mayer. 1989 mu\u00dfte das Theater Insolvenz anmelden. Olli Mayer schirmte sie schon ab. Ich wollte sie besuchen und wurde abgewiesen.\u201c<\/p>\n<p>Olli Mayer heiratete Helga noch auf dem Sterbebett. Der 24. 11. 1990 waren der Hochzeits- und Sterbetag der gro\u00dfen Helga Feddersen.<\/p>\n<p>Das Nachspiel dieses Lebens hat grelle Misst\u00f6ne. Olli Maier wurde reich. Zuvor hatte er die Schauspielerin, die am liebsten ihre Heimatstadt Hamburg nie verlassen h\u00e4tte, in Stuttgart beerdigen lassen. Verstanden hat das niemand.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 19. mai 2015 Gestern hat sich Thomas Gottschalk zum Affen machen lassen. Nein, er hat sich zum Affen gemacht. Weil er wei\u00df, dass es zum doofen Spiel geh\u00f6rt, dass einer wie er sich am Nasenring \u00fcber die B\u00fchne ziehen lassen muss, wenn er sich gut verkaufen will. 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