{"id":1510,"date":"2015-05-17T10:43:36","date_gmt":"2015-05-17T10:43:36","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1510"},"modified":"2015-05-18T19:03:21","modified_gmt":"2015-05-18T19:03:21","slug":"klappe-nicht-mit-will","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/klappe-nicht-mit-will\/","title":{"rendered":"KLAPPE? NEIN!"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>berlin, 17. mai 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>H\u00e4tte wieder mal so &#8216;n \u00f6der Samstagabend vor der Glotze werden k\u00f6nnen: Carmen Nebel und die Volksmusik. Donna Leon und die gepflegte venezianische Blutleere. Deutschland auf der Suche nach kreischenden Superstars. Johnny Depp, Heike Makatsch oder auch Justin Timberlake zum hundertsten Mal. Oder gleich das Kleine Arschloch. So war das gestern Abend. Man konnte aber auch eine nette \u00dcberraschung erleben: die Darling-Berlin-DVD &#8220;Flucht nach Berlin&#8221; von Will Tremper einlegen und mit Vergn\u00fcgen den Kreativ-Ausfl\u00fcgen eines Gro\u00dfen des Nachkrieg-Cinemas folgen, der sich einen feuchten Kehricht um politische Korrektheit im Filmbusiness geschert hat.<\/strong><\/p>\n<p>Dieser Tremper sollte f\u00fcr die Jetzt-Zeit wieder erfunden werden. Der Typ hat f\u00fcrs Erz\u00e4hlen gelebt. Vor allem als Schriftsteller und Journalist hat er sich Luft gemacht. Aber ein knappes Jahrzehnt lang hat er sich auch als Filmer ausgetobt. Norbert Grob schreibt \u00fcber den Autodidakten aus Braubach am Rhein: &#8220;Will Tremper &#8211; ein deutscher Filmemacher in der Tradition der hardboiled-Regisseure, ein Bruder im Geiste der gro\u00dfen Naiven und Rabiaten, wie Robert Aldrich, John Sturges und Samuel Fuller.&#8221;<\/p>\n<figure id=\"attachment_1517\" aria-describedby=\"caption-attachment-1517\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1517 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/IMG_5005-300x225.jpg\" alt=\"IMG_5005\" width=\"300\" height=\"225\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1517\" class=\"wp-caption-text\">Wegweisende Bilder.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Stimmt. Film ab!<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong><em>&#8220;Flucht nach Berlin&#8221;<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Deutschland 1960.\u00a0<span class=\"Apple-style-span\">Der ostdeutsche Bauer Hermann G\u00fcden hat von den staatlich angeordneten Schikanen der SED-Oberen genug. Er ist nicht l\u00e4nger bereit, sich der Zwangskollektivierung daheim in seinem sachsen-anhaltischen Dorf zu unterwerfen, da dieser Zustand ihm keine Perspektive mehr bietet. Und so plant er von langer Hand die Flucht in den Westen. G\u00fcden schickt zun\u00e4chst Frau und Kind in den Westen Berlins und will, so schnell es geht, nachkommen. Doch die SED-Apparatschiks bekommen Wind von der Sache. Im Eifer des Gefechts verpr\u00fcgelt G\u00fcden den Parteigenossen Baade und flieht anschlie\u00dfend&#8230;<\/span><\/p>\n<p>Dreharbeiten an der Pfaueninsel im Wannsee, in Bad Hersfeld und in Minden. 26 Kilometer Rohfilm. Endfilml\u00e4nge 2883 Meter. 976 Einstellungen mit 72 Darstellern und 104 Komparsen.<\/p>\n<p>Urauff\u00fchrung im M\u00e4rz 1961. Zwei Jahre sp\u00e4ter wagt das ZDF eine Ausstrahlung. Bundesfilmpreise f\u00fcr Christian Doermer als besten Nachwuchsdarsteller und die Musik von Peter Thomas.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1519\" aria-describedby=\"caption-attachment-1519\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1519 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/IMG_5022-300x225.jpg\" alt=\"IMG_5022\" width=\"300\" height=\"225\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1519\" class=\"wp-caption-text\">Durchblick und Angstfreiheit.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Eigentlich h\u00e4tten danach Tremper als Gro\u00dfen im deutschen Film die T\u00fcren offen stehen m\u00fcssen. Dem war aber nicht so. Er blieb der gro\u00dfe Solist, an den sich Sohn Timothy erinnert:<\/p>\n<p>&#8220;Angefangen hat alles folgenderma\u00dfen. Der Schweizer Kaufmann und Repr\u00e4sentant f\u00fcr amerikanische Fime in Z\u00fcrich, Michael Schwabacher, war ein gro\u00dfer Fan. Kaum hatte er in West-Berlin meinen Vater kennen gelernt, \u00fcbergab er ihm einen Scheck \u00fcber 500000 Mark. ,Sie schreiben immer so, als w\u00fcssten Sie, wie man bessere Filme dreht. Ich finanziere Sie jetzt.&#8217; Das war im Fr\u00fchsommer 1960.&#8221;<\/p>\n<p>Und so hat Will Tremper gefilmt, wie er auch zu schreiben gewohnt war. Ohne zu z\u00f6gern, seinen Instinkten und seinen Gef\u00fchlen auf der Spur. Blendende Kritiken zwischen New York, Rosenheim und Tokio. &#8220;Flucht nach Berlin&#8221; war so gut, dass selbst der erzkonservative CSU-Innenminister Hermann H\u00f6cherl eine Pr\u00e4mie, zahlbar am ersten Drehtag des n\u00e4chsten Tremper-Films, anweisen lie\u00df.<\/p>\n<p>&#8220;Leider&#8221;, erinnert sich Sohn Timothy, &#8220;wurde der Film an der Konokasse ein Flop. Kurz vor der Bundesfilmpreisvergabe rief der zust\u00e4ndige Ministerialrat Fuchs an. Er bat meinen Vater innigst darum, den Schluss zu \u00e4ndern. In der Fluchtsequenz schwimmen die Schauspieler \u00fcber die Havel auf eine amerikanische Yacht zu. Eine dralle Blonde mit Champagner-Glas in der Hand schreit ,Fl\u00fcchtlinge!&#8217;, und w\u00e4hrend die Spa\u00dfgesellschaft die Schwimmer an Bord zieht, schreit die Blonde wieder: ,Es lebe die Freiheit!&#8217; Der Ministerialrat hielt das f\u00fcr einen Affront gegen den Westen. Mein Vater hat nat\u00fcrlich nicht daran gedacht, den Schluss auch nur anzufassen. Sollten die Bonner doch denken, was sie wollten. Hinter seinem R\u00fccken wurde das Ende durch den Constantin-Verleih dann doch weg geschnitten.&#8221;<\/p>\n<figure id=\"attachment_1518\" aria-describedby=\"caption-attachment-1518\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1518 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/IMG_5019-300x224.jpg\" alt=\"IMG_5019\" width=\"300\" height=\"224\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1518\" class=\"wp-caption-text\">Br\u00fcckenschlag in die Zukunft. Will Trempers Filme lohnen das Hingucken.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Klar, dass Tremper, dieser Wort-K\u00fcnstler, mit der Film-Industrie nie seinen Frieden machen konnte. Lieber blieb er ein Unbequemer. Oder, wie sich der Sohn im &#8220;Spiegel&#8221; erinnert: <span class=\"Apple-style-span\">&#8220;F\u00fcr meinen Vater war es irgendwann die richtige Entscheidung, die Regie aufzugeben. Er h\u00e4tte sich nie hingesetzt und Antr\u00e4ge f\u00fcr Filmf\u00f6rderung ausgef\u00fcllt.&#8221;\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Recht so. Neue Trempers braucht das Land.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1516\" aria-describedby=\"caption-attachment-1516\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1516 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/IMG_5045-225x300.jpg\" alt=\"IMG_5045\" width=\"225\" height=\"300\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1516\" class=\"wp-caption-text\">Mal ehrlich: Der Mann war voll im Bild.<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 17. mai 2015 H\u00e4tte wieder mal so &#8216;n \u00f6der Samstagabend vor der Glotze werden k\u00f6nnen: Carmen Nebel und die Volksmusik. Donna Leon und die gepflegte venezianische Blutleere. Deutschland auf der Suche nach kreischenden Superstars. Johnny Depp, Heike Makatsch oder auch Justin Timberlake zum hundertsten Mal. Oder gleich das Kleine Arschloch. 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