{"id":1477,"date":"2015-05-12T20:06:40","date_gmt":"2015-05-12T20:06:40","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1477"},"modified":"2015-05-12T21:01:56","modified_gmt":"2015-05-12T21:01:56","slug":"danke-stein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/danke-stein\/","title":{"rendered":"DANKE, STEIN!"},"content":{"rendered":"<p class=\"tightenable top\"><em><strong>leipzig, 12. mai 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p class=\"tightenable top\"><strong>Die Dame l\u00e4chelt feiner als der Rest der Menschen in der Leipziger Innenstadt. Sie n\u00e4hert sich mit kleinen Schritten den Tischen vor dem Kaffeehaus Riquet. &#8220;Die ,Kippe&#8217;, murmelt sie, &#8220;die ,Kippe&#8217;. Leipzigs Stra\u00dfenzeitung. Besseren Journalismus gibt es nicht in der Stadt.&#8221; Ein Ehepaar aus Westfalen blickt verst\u00f6rt auf, man hat gerade so sch\u00f6n gestritten. Der Tischnachbar hebt die Hand. Was die Zeitung koste? F\u00fcr einsachtzig wechselt der beste Journalismus der Stadt den Besitzer. Dann kramt die Dame in ihrem Rucksack.<\/strong><\/p>\n<p class=\"tightenable top\">&#8220;Ich habe da was f\u00fcr Sie.&#8221; Sie verteilt eine Handvoll kleiner Steine neben der Sahnetorte. &#8220;Suchen Sie sich etwas aus.&#8221;<\/p>\n<p class=\"tightenable top\">Fragender Blick des Kunden. Das Ehepaar hat zu streiten aufgeh\u00f6rt und beobachtet die Szene.<\/p>\n<p class=\"tightenable top\">&#8220;Das sind Dankesch\u00f6n-Steine.&#8221; Die Dame l\u00e4chelt. &#8220;Die bringen Gl\u00fcck.&#8221;<\/p>\n<figure id=\"attachment_1484\" aria-describedby=\"caption-attachment-1484\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1484 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_3695-300x201.jpg\" alt=\"DSC_3695\" width=\"300\" height=\"201\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_3695-300x201.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_3695-600x403.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_3695.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1484\" class=\"wp-caption-text\">22 Millionen&#8230;<\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"tightenable top\">G\u00f6\u00dfere. Kleinere. Helle. Dunkle. Viele scharfkantige. Der Zeitungsk\u00e4ufer sucht sich einen runden schimmernden aus. &#8220;Das ist ja fast mein kleinster&#8221;, sagt die Dame. Wollen Sie den wirklich?&#8221;<\/p>\n<p class=\"tightenable top\">Ja, warum nicht?<\/p>\n<p class=\"tightenable top\">&#8220;Na, Sie haben wahrscheinlich Recht. Je kleiner, desto mehr Gl\u00fcck.&#8221;<\/p>\n<p class=\"tightenable top\">Sie erkl\u00e4rt, das sei ein Bernstein. Der komme aus der Goitzsche, bei Bitterfeld. Nein, es gebe Bernstein eben nicht nur an der Ostsee, das solle man sich ruhig merken, wenn man bei &#8220;Wer wird Million\u00e4r&#8221; antreten wolle. Die Dame kichert.<\/p>\n<p class=\"tightenable top\">Der inzwischen rekultivierte und geflutete Braunkohletagebau Goitzsche bei Bitterfeld in Sachsen-Anhalt ist eines der bekanntesten deutschen Bernsteinvorkommen. 1848 wurden dort die ersten coolen Kiesel gefunden. In der Kohlengrube Golpa gab es besonders viele &#8211; und als 1970 der &#8220;VEB Ostseeschmuck Ribnitz-Damgarten&#8221; eine besorgniserregende\u00a0 Rohstoffknappheit vermeldete, entschloss man sich zum Abbau des Bernsteins in der Goitzsche. In drei Gewinnungsanlagen wurden von 1975 bis 1990 \u00fcber 400.000 kg Bernstein geholt. Nach 1990 f\u00f6rderte man noch drei Jahre in der Nassgewinnung, ehe der Abbau eingestellt wurde. Es wird gesch\u00e4tzt, dass unter dem See heute ein Dreifaches der gef\u00f6rderten Bernsteinmenge liegt.<\/p>\n<p class=\"tightenable\">Sch\u00f6ner Bernstein ist das! Gewachsen in oligoz\u00e4nen und mioz\u00e4nen Glimmersanden. Sein Alter wird auf 22 Millionen Jahre datiert, damit ist er viel j\u00fcnger als der baltische Bernstein. Entstanden aus einer Koniferenart, die im Raum Bitterfeld in der Zeit des Terti\u00e4r verbreitet war. In der Hauptsache findet man bei Leipzig das &#8220;Modell&#8221; Succinit, Mineraliensammler sto\u00dfen aber auch auf Gedanit, Glessit, Siegburgit, Retinit oder Beckerit.<\/p>\n<p class=\"tightenable\">Oder &#8211; wie es die nette &#8220;Kippe&#8221;-Dame audr\u00fcckt: &#8220;Die Steine sind echt scheen. Fotografieren&#8217;Se ruhich so en Stein, mich nicht, bitte. Ich bin doch gar nicht zurecht gemacht.&#8221;<\/p>\n<p class=\"tightenable\">Aufbrezeln tut sie sich nur noch, wenn sie Karten f\u00fcrs Gewandhaus hat. Ansonsten, sagt sie, verwendet sie nicht mehr viel M\u00fche f\u00fcrs \u00c4u\u00dferliche. &#8220;Das war mal. Jetzt braucht es das nicht mehr, jetzt bin ich alt.&#8221;<\/p>\n<figure id=\"attachment_1484\" aria-describedby=\"caption-attachment-1484\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1484 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_3695-300x201.jpg\" alt=\"DSC_3695\" width=\"300\" height=\"201\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_3695-300x201.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_3695-600x403.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_3695.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1484\" class=\"wp-caption-text\">&#8230;Jahre auf dem Buckel &#8211; und immer noch&#8230;<\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"tightenable\">Dabei sieht sie allerliebst aus. Mit ihrem breitrandigen Strohhut, dem luftigen Sommerkleid, den Sandalen aus Griechenland. Sie hat dezent Rouge aufgelegt, und die filigranen Falten erz\u00e4hlen von einer Frau, die die Menschen mag, die mit ihnen viel lacht und die mit ihnen die Trauer ertr\u00e4gt. Sie ist eine sch\u00f6ne alte Dame.<\/p>\n<p class=\"tightenable\">&#8220;Sch\u00f6ne Frau? H\u00f6rn&#8217;Se uff. Das war mal.&#8221;<\/p>\n<p class=\"tightenable\">Ja, sie hat schon was her gemacht. Selbst im DDR-Petticoat. Die M\u00e4nner haben sich auch um sie gerissen, als sie vor einem Vierteljahrhundert immer in der ersten Reihe mit marschierte, wenn die Menschen vor die Nikolaikirche str\u00f6mten und dort skandierten, sie seien &#8220;das Volk&#8221;.<\/p>\n<p class=\"tightenable\">Sicher habe man f\u00fcr die Freiheit demonstriert. Aber schon damals hat sie gewarnt, dass die Wende auch ihre T\u00fccken haben w\u00fcrde.<\/p>\n<p class=\"tightenable\">So war es denn auch. Und im Gesicht der Frau kamen viele Falten der Nachdenklichkeit dazu.<\/p>\n<p class=\"tightenable\">Heute tr\u00e4gt sie die Zeitung der ganz Armen aus. Sie ist ganz zufrieden mit ihrem Leben. Jetzt ist es besonders sch\u00f6n, weil sie die Winterm\u00fctze mit dem Strohhut tauschen konnte.<\/p>\n<p class=\"tightenable\">Die Lady trippelt weiter. Ihr Kunde steckt den Gl\u00fccksstein achtsam ein, gabelt ein St\u00fcck Torte auf und beginnt zu lesen. Am Nebentisch sitzt die Dame und guckt vertr\u00e4umt hinter der &#8220;Kippe&#8221;-Queen her. Da wird sie von ihrem M\u00e4nne in die Seite geknufft.<\/p>\n<p class=\"tightenable\">&#8220;Sachma, wilste nich endlich austrinken. Wir m\u00fcssen weiter. Dat Museum wartet nich.&#8221;<\/p>\n<p class=\"tightenable\">Der Mann hat etwas Bedrohliches in der Stimme. Erschrocken leert seine Frau die Tasse.<\/p>\n<p class=\"tightenable\">&#8220;Wird auch Zeit&#8221;, belfert der Gatte. Die Beiden brechen auf.<\/p>\n<p class=\"tightenable\">Der Mann am Nebentisch bef\u00fchlt das klitzekleine Steinchen in der Tasche. Gut gemacht. So geht Gl\u00fcck: Kein Streit. Mit niemandem.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1484\" aria-describedby=\"caption-attachment-1484\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1484 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_3695-300x201.jpg\" alt=\"DSC_3695\" width=\"300\" height=\"201\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_3695-300x201.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_3695-600x403.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_3695.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1484\" class=\"wp-caption-text\">&#8230;sch\u00f6n! FOTO: BARBARA VOLKMER<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>leipzig, 12. mai 2015 Die Dame l\u00e4chelt feiner als der Rest der Menschen in der Leipziger Innenstadt. Sie n\u00e4hert sich mit kleinen Schritten den Tischen vor dem Kaffeehaus Riquet. &#8220;Die ,Kippe&#8217;, murmelt sie, &#8220;die ,Kippe&#8217;. Leipzigs Stra\u00dfenzeitung. 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