{"id":1436,"date":"2015-05-07T21:38:32","date_gmt":"2015-05-07T21:38:32","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1436"},"modified":"2015-05-07T21:38:32","modified_gmt":"2015-05-07T21:38:32","slug":"boser-mann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/boser-mann\/","title":{"rendered":"B\u00d6SER MANN"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>berlin, 7. mai 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Frau Rosenzweig erh\u00e4lt von ihrem Gatten ein Telegramm. &#8220;Eintreffe 17.30 Westbahnhof mitbringe Klapperschlange.&#8221; <\/strong><strong>Die Gattin ist p\u00fcnktlich beim Zug, der Mann steigt aus, Begr\u00fc\u00dfung. Die Frau mustert das Gep\u00e4ck: &#8220;Wo ist die Klapperschlange?&#8221; &#8220;Ach was, Klapperschlange! Es waren noch zwei Worte frei &#8211; ich werd doch der Post nix schenken!&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Das ist ein j\u00fcdischer Witz. Hintersinnig. Selbstverliebt. Selbstironisch. Vertrackt. Und, alles in allem charmant.<\/p>\n<p>Solche Witze kann Oliver Polak nicht.<\/p>\n<p>Dabei ist er ein professioneller Humor-auf-die-B\u00fchne-Bringer. Er nennt sich Stand-Up-Comedian. Er hat eine Figur, mit der man sich leicht ins L\u00e4cherliche ziehen lassen kann. Sein Gesicht ist das des zornigen Clowns. Eine Rampensau ist er, eine scham- und charmefreie Rampensau.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1434\" aria-describedby=\"caption-attachment-1434\" style=\"width: 196px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1434 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_2950-196x300.jpg\" alt=\"DSC_2950\" width=\"196\" height=\"300\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1434\" class=\"wp-caption-text\">Ein Hauch von Freundlichkeit. Her Polak k\u00f6nnte ja, wenn er denn wollte. FOTOS: BARBARA VOLKMER<\/figcaption><\/figure>\n<p>Charme? Wozu denn, bittesch\u00f6n? Oliver Polak wird dieser Tage auch bei den Berliner &#8220;XJAZZ&#8221;-Tagen auftreten &#8211; und er wird es in gewohnter Manier tun:<\/p>\n<p>B\u00e4rbei\u00dfig. Grimmig. \u00dcbel mit der Welt und dem Leben im Clinch. Zankesfreudig und ansonsten ausgesprochen unfroh. Charmanter Humor? Nicht mit ihm.<\/p>\n<p>&#8220;Ich mache meine Witze \u00fcber politische Korrektheit, egal, wie die selbst ernannten Werte-Anw\u00e4lte oder die Moral-Hygiene-Kontrolleure das finden. Sobald etwas unangenehm ist, wird es im Keim erstickt \u2013 das ist politische Korrektheit. Deshalb ist es auch die Frage, ob es in Deutschland \u00fcberhaupt richtigen Stand-up gibt. Die deutsche Fernsehunterhaltung ist krank und anbiedernd. Den meisten Komikern hier ist es am wichtigsten, von den Leuten gemocht zu werden, statt sie zum Lachen zu bringen. Das ist mir zu wenig.&#8221;<\/p>\n<p>Oliver Polak, der gern damit hausiert, er habe sogar seine Heimatstadt Papenburg und sein Elternhaus \u00fcberlebt, hat im Berliner B\u00fchnenleben eine Marktnische besetzt: die des Berufs-Misanthropen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1432\" aria-describedby=\"caption-attachment-1432\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1432 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_2933-300x199.jpg\" alt=\"DSC_2933\" width=\"300\" height=\"199\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1432\" class=\"wp-caption-text\">Schluss mit lustig. Herr Polak wird grantig.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Er bedient sein Publikum und diejenigen, die es nicht wissen wollen, mit immer neuen Details aus den Polak&#8217;schen Schattenwelten. Gen\u00fcsslich weidet er sich daran, dass er wegen seiner Ausgebranntheit in der Klapse gelandet sei &#8211; aus der freilich sei er abends entwichen, um auf der B\u00fchne schale Witze nicht zu Ende zu bringen (die Medikamente, versteht Ihr, Leute?). Nach der Zeit in der Psychiatrischen hat er eine Art &#8220;Biographie&#8221; zu Papier gebracht. Wurde auch Zeit, dass er wieder mit einem neuen Buch unterwegs war. Warum nicht &#8216;ne satte Depression als Leitmotiv?<\/p>\n<p>&#8220;Ich kam mir bei meiner Arbeit irgendwann vor wie auf Kriegsschaupl\u00e4tzen. Und nach den Auftritten f\u00fchlte ich mich wie eine Nutte, die gerade von 20 Freiern durchgenommen wurde. Am Ende liegst du da und kannst nicht mehr. Ich war zwar Bestsellerautor und hatte ausverkaufte Shows, aber es blieb Leere.&#8221;<\/p>\n<p>Bei einem Treffen im Caf\u00e9 Einstein &#8211; es war vor der Psycho-Episode &#8211; wirkte Polak in der Tat wie ausgeh\u00f6hlt. Er roch nicht sch\u00f6n, hatte eine reduzierte Feinmotorik und eine gest\u00f6rte Wahrnehmung der Umgebung. Er redete ungehalten \u00fcber sich und sich, \u00fcber sein wunschloses Ungl\u00fcck und \u00fcber sich. Beim Fototermin zierte er sich in gro\u00dfer unwilliger Eitelkeit.<\/p>\n<p>Zum Lachen gab es in den eineinhalb Stunden im Caf\u00e9 gar nichts. Das h\u00e4tte er denn auch \u00fcbel genommen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1435\" aria-describedby=\"caption-attachment-1435\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1435 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_2910-300x192.jpg\" alt=\"DSC_2910\" width=\"300\" height=\"192\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_2910-300x192.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_2910-600x383.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_2910.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1435\" class=\"wp-caption-text\">Nicht mit mir! Herr Polak ist Herr Polak.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Unl\u00e4ngst traf man sich wieder. Es war bei der &#8220;Berlinale&#8221;, sein Rei\u00dfer &#8220;Der j\u00fcdische Patient&#8221; war bereits in der Grabbelkiste gelandet &#8211; und Oliver Polak m\u00fchte sich schweratmig \u00fcber eine Treppe mit rotem Teppich zu einer ausgesprochen hippen Party. Eine Frau sprach ihn fr\u00f6hlich an. Ob er sich nicht erinnere?<\/p>\n<p>Er blickte sie mit zu Schlitzen verengten Augen an und sah sehr ungut aus. &#8220;Kennen wir uns etwa?&#8221;, fragte er. &#8220;Eher wohl nicht.&#8221; Dann l\u00e4chelte er b\u00f6se, bevor er seinen Weg fortsetzte.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr Probleme der Mann wohl hatte?<\/p>\n<p>Egal. Wenn er welche hatte, war ihm das irgendwie egal.<\/p>\n<p>Denn f\u00fcr solche Situationen, Stimmungen und Stinkstiefeleien hat sich der Stand Up Oliver Polak eine Philosophie gebastelt. Die hei\u00dft:<\/p>\n<p>&#8220;Ich darf das, ich bin Jude.&#8221;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 7. mai 2015 Frau Rosenzweig erh\u00e4lt von ihrem Gatten ein Telegramm. &#8220;Eintreffe 17.30 Westbahnhof mitbringe Klapperschlange.&#8221; Die Gattin ist p\u00fcnktlich beim Zug, der Mann steigt aus, Begr\u00fc\u00dfung. Die Frau mustert das Gep\u00e4ck: &#8220;Wo ist die Klapperschlange?&#8221; &#8220;Ach was, Klapperschlange! 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