{"id":1427,"date":"2015-05-06T21:29:16","date_gmt":"2015-05-06T21:29:16","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1427"},"modified":"2015-05-06T21:45:08","modified_gmt":"2015-05-06T21:45:08","slug":"seele-kaputt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/seele-kaputt\/","title":{"rendered":"SEELE KAPUTT"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>berlin, 6. mai 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Um kurz vor sechs Uhr morgens dr\u00fcckt sich Samira durch eine Seitent\u00fcr aus dem Martin-Gropius-Bau. Sie ist so m\u00fcde, so schrecklich m\u00fcde. Die junge Frau, die einmal sehr h\u00fcbsch gewesen ist und jetzt, mit 25, schon aussieht wie eine alternde Vergessene, braucht eine kurze Auszeit von Herrn Fassbinder.<\/strong><\/p>\n<p>Samira hat leere Gl\u00e4ser weg ger\u00e4umt, sie hat Hunderte von Kippen vom Boden gefegt. Die G\u00e4ste des letzten Abends haben m\u00e4chtig Party gemacht. Was sie nur an diesem Sammelsurium so toll gefunden haben. Ein Rennrad, bekritzeltes Papier, alte Klamotten, wilde Filmausschnitte&#8230; Ein kunterbuntes Tr\u00f6del-Durcheinander. Bei Samira landet solch ein Kram auf dem Sperrm\u00fcll.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1425\" aria-describedby=\"caption-attachment-1425\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1425 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/P1010420-300x210.jpg\" alt=\"P1010420\" width=\"300\" height=\"210\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/P1010420-300x210.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/P1010420-600x419.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/P1010420.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1425\" class=\"wp-caption-text\">Auf der Stra\u00dfe gelandet: Der Macher und sein Vorzeige-Weibchen.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Putzfrau vor dem Gropius-Bau will gar nicht verstehen, was es da drin zu feiern gab. Sie hat gen\u00fcgend andere Probleme. Die Kinder (drei sind es) trudeln durch ein schwieriges Alter, der Mann hat sich mit einer Anderen verdr\u00fcckt, der Vater ist gestorben, und die Mutter verl\u00e4sst das Zimmer in Neuk\u00f6lln nicht mehr. Samira hat st\u00e4ndig Sorgen. Wenn es diesen Job nicht g\u00e4be, geriete das Leben aus den Fugen.<\/p>\n<p>Kurz nach Mitternacht verl\u00e4sst sie die schlafende Familie, gegen zehn Uhr vormittags ist sie zur\u00fcck und k\u00fcmmert sich um den Haushalt. Sie schl\u00e4ft zu wenig, die Kinder sind zu laut, die Mutter ist zu traurig &#8211; an M\u00e4nner mag Samira gar nicht mehr denken.<\/p>\n<p>Die Frau sitzt mit geschlossenen Augen auf einem Klappstuhl und sp\u00fcrt die W\u00e4rme der Morgensonne nicht. Gierig saugt sie den Rauch in sich hinein, gierig trinkt sie den schwarzen Kaffee.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1426\" aria-describedby=\"caption-attachment-1426\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1426 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/P1010425-225x300.jpg\" alt=\"P1010425\" width=\"225\" height=\"300\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1426\" class=\"wp-caption-text\">Himmelsst\u00fcrmer und Museums-Eroberer: Rainer-Werner Fassbinder hat es in den Olymp geschafft. Hilft ihm nicht viel &#8211; tot, wie er ist.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Samira: Sie war mal eine Frau wie aus einem Fassbinder-Film. Oder, wie es die &#8220;Berliner Zeitung&#8221; beschreibt:<\/p>\n<p>&#8220;In seinen Frauengestalten steckt der Blick des (drei Wochen nach Kriegsende geborenen) Kindes auf seine alleinerziehenden Mutter \u2013 der staunende Blick auf die Nylonstr\u00fcmpfe der 1950er-Jahre, die ondulierten Haare, diese unnachahmlich zeittypische Art des Sich-Zurechtmachens. Ihren erotischen Reiz beziehen Fassbinders Frauenfiguren aus dem Changieren zwischen H\u00f6lzernheit und Verletzlichkeit. Wie beharrlich er diesen geradezu sozialpolitischen Fetisch immer wieder verfolgte, zeigen auch die gro\u00dfartigen Kleider der Kost\u00fcmbildnerin Barbara Baum, die in einem eigenen Raum zu sehen sind. Bet\u00f6rend sch\u00f6ne Roben, die wie Panzer wirken \u2013 Kleider wie R\u00fcstungen, M\u00e4ntel, die ihre Tr\u00e4gerinnen zugleich sch\u00fctzen und ausstellen.&#8221;<\/p>\n<p>F\u00fcr den rbb ist bei den Fassbinder-Frauen freilich die &#8220;R\u00fcstung&#8221; verschlissen, der Lack ab: &#8220;Die Putzfrau Emmi aus Fassbinders Film ,Angst essen Seele auf&#8217; &#8211; gespielt von Brigitte Mira &#8211; hat sich in den 20 Jahre j\u00fcngeren Marokkaner Ali verliebt. Die beiden heiraten, leben zusammen. Unerh\u00f6rt, diese ungleiche Liebe &#8211; im vorurteilsbeladenen Deutschland der 70er Jahre.&#8221;<\/p>\n<p>Bis zum 23. August werden die Besucher im Gropius-Bau an &#8220;Angst essen Seele auf&#8221; erinnert. Sie werden mit dem Eindruck die Ausstellung verlassen, da habe ein Besessener gro\u00dfes Kino gemacht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1424\" aria-describedby=\"caption-attachment-1424\" style=\"width: 227px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1424 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/P1010418-227x300.jpg\" alt=\"P1010418\" width=\"227\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/P1010418-227x300.jpg 227w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/P1010418-600x794.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/P1010418.jpg 741w\" sizes=\"auto, (max-width: 227px) 100vw, 227px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1424\" class=\"wp-caption-text\">Genie in der Gosse. Der Rest vom Fest.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Zu Lebzeiten &#8211; 1974 war das &#8211; musste der r\u00fcde Regisseur noch f\u00fcr seinen Film in den Ring steigen. In Cannes sa\u00df Fassbinder nach der Premiere unmanierlich in einem tiefen Sessel, breitbeinig und betont gelangweilt. Ein Kritiker m\u00e4kelte, &#8220;Angst essen Seele auf&#8221; sei &#8220;provinizell&#8221;. Ob er &#8211; Fassbinder &#8211; nicht auch verwundert sei, dass der Film auf dem Festival zum \u00dcberraschungserfolg wurde? Fassbinder schlug die Beine \u00fcbereinander und blickte den Fragesteller mit gro\u00dfer Verachtung an. Nach langem peinigenden Schweigen r\u00e4usperte er sich. &#8220;F\u00fcr mich war es nicht so \u00fcberraschend. Ich glaube, der Film ist nicht so provinziell wie ihr es seid!&#8221;<\/p>\n<p>Basta! Das Enfant terrible hatte ger\u00fclpst.<\/p>\n<p>Heute machen sie seinetwegen den Schampus auf und sie rollen ihm einen Roten Teppich aus. Er kann ja nicht drauf kotzen, er ist ja tot. Und ein toter K\u00fcnstler ist ein guter K\u00fcnstler.<\/p>\n<p>Und Samira?<\/p>\n<p>Die hat ihre Zigarettenpause beendet, steckt das Handy in den Kittel, schlurft mit m\u00fcden Schritten zum Seiteneingang des Martin-Gropius-Baus und verschwindet seufzend. Der Rest vom Fest muss noch weg gemacht werden, bevor die ersten zahlenden Besucher kommen und sich die Hinterlassenschaften dieses schmuddligen jungen Mannes anschauen.<\/p>\n<p>Samira zieht die T\u00fcr hinter sich zu. Sie wird nie einen Film von Rainer-Werner Fassbinder sehen. Ist auch nicht n\u00f6tig, sie spielt eines seiner St\u00fccke jeden Tag. Bei ihr hei\u00dft es seit geraumer Zeit:<\/p>\n<p>Angst hat Seele aufgefressen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 6. mai 2015 Um kurz vor sechs Uhr morgens dr\u00fcckt sich Samira durch eine Seitent\u00fcr aus dem Martin-Gropius-Bau. Sie ist so m\u00fcde, so schrecklich m\u00fcde. 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