{"id":1362,"date":"2015-05-01T08:20:32","date_gmt":"2015-05-01T08:20:32","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1362"},"modified":"2015-05-01T18:04:35","modified_gmt":"2015-05-01T18:04:35","slug":"liederliche-stadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/liederliche-stadt\/","title":{"rendered":"LIEDERLICHE STADT"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>wien, 30. april 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Das Ehepaar aus Deutschland hat sich auf einer Bank im oberen Teil des Belvedere-Lustgartens nieder gelassen, verzehrt K\u00e4sestullen und l\u00e4sst die Eindr\u00fccke aus der &#8220;Wiener-Kongress&#8221;-Ausstellung Revue passieren. Er bei\u00dft ins Brot, sieht tr\u00e4umerisch zu den flanierenden Besuchern und sagt: &#8220;Bei der ganzen Tanzerei und Feierei muss man sich ja wundern, dass die \u00fcberhaupt Politik gemacht haben vor 200 Jahren.&#8221; Seine Frau nickt und ist stolz auf ihren M\u00e4nne. Das hat er mal wieder klasse auf einen Nenner gebracht: Die \u00d6sterreich sind schon so ein seltsam&#8217; Volk von Feier-Biestern.<\/strong><\/p>\n<p>15 Gehminuten entfernt\u00a0sitzt an diesem Nachmittag einer im Caf\u00e9 Frey und f\u00fchrt das gro\u00dfe Wort, weil er zwei Sekret\u00e4rinnen am Tisch imponieren will. Unter Anderem hat er was zum &#8220;Eurovision Song Contest&#8221; zu sagen, der im Mai Wien zur Hauptstadt der Welt machen wird.<\/p>\n<p>&#8220;Da k\u00f6nnen wir&#8217;s allen zeigen. Dass wir wer sind. Und wie wir Party machen. Da werden sich noch einige umschauen. Des wird einfach nur mega.&#8221;<\/p>\n<p>Vor zweihundert Jahren hat sich die Welt um Wien gedreht, jetzt tut sie es auch wieder. So zumindest sieht es der gemeine Wiener. Die Herrschaften von Film, Funk und Fernsehen tun das auch. Und die Gesch\u00e4ftl- und Gesch\u00e4ftemacher wittern ohnehin den schnellen Schilling &#8211; Verzeihung, den Mega-Euro. Aufs Trittbrett einer worldwide Lieder-Wettsing-Veranstaltung wollen alle. Supermarktler und Kasblattl-Verleger, Benzin-Anbieter und Brause-Brauer, &#8220;Kunstschaffende&#8221; und Facebookler&#8230;<\/p>\n<p>Jeder, der zwei bis zw\u00f6lf T\u00f6ne komponieren kann oder &#8220;Lied&#8221; auf &#8220;Hit&#8221; reimt, schreibt noch schnell einen Song zum Song. \u00d6sterreich ist eine Nation von Eurovision-Adabeis.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1366\" aria-describedby=\"caption-attachment-1366\" style=\"width: 243px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1366 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_3438-243x300.jpg\" alt=\"DSC_3438\" width=\"243\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_3438-243x300.jpg 243w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_3438-600x741.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_3438.jpg 793w\" sizes=\"auto, (max-width: 243px) 100vw, 243px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1366\" class=\"wp-caption-text\">Verlierertyp: Monsieur Napoleon<\/figcaption><\/figure>\n<p>War ja \u00e4hnlich vor 200 Jahren. Da hatten sie mal schnell auf den Schlachfeldern Europas den korsischen &#8220;Putin&#8221; Napoleon klein gemacht, nun ging es ans Aufteilen von Europa. Zu diesem Behuf traf man sich auch in Wien, dem Mekka der Politik.<\/p>\n<p>Und weil kluges Regieren am besten geht, wenn sich die Verhandlungspartner wohl f\u00fchlen, hat man die Stadt zu einem gigantischen Am\u00fcsierbetrieb umgebaut.<\/p>\n<p>Die \u00f6sterreichischen Gastgeber mit Kaiser Franz I. und F\u00fcrst Metternich an der Spitze organisierten Fasanenjagden im Prater, Karussell in der Winterreitschule, festliche Redouten in der Hofburg, pomp\u00f6se Empf\u00e4nge und B\u00e4lle. Die F\u00fcnf-Sterne-K\u00f6che der damaligen Zeit schwitzten \u00fcber neuen Kreationen, die Herren Politiker besuchten die diversen Rotlichtbezirke der Stadt und k\u00fcmmerten sich solcherart um die V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung &#8211; bezahlt wurd das aus der Staatskasse.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1367\" aria-describedby=\"caption-attachment-1367\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1367 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_3443-300x255.jpg\" alt=\"DSC_3443\" width=\"300\" height=\"255\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_3443-300x255.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_3443-600x511.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DSC_3443.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1367\" class=\"wp-caption-text\">Hoppla, hier sitz ich: Klemens Wenzel Lothar F\u00fcrst von Metternich.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nach der anf\u00e4nglichen Begeisterung der Bev\u00f6lkerung \u00fcber die Prominenz aus aller Welt wurde der Rummel dem Prekariat bald zuviel und zu teuer. Bereits im Oktober 1814 zirkulierte in Wien ein Flugblatt, in dem die\u00a0zum Kongress versammelten Monarchen \u00fcber sich lesen mussten:<\/p>\n<p>\u201eEr liebt f\u00fcr alle: Alexander von Russland. Er denkt f\u00fcr alle: Friedrich Wilhelm von Preu\u00dfen. Er spricht f\u00fcr alle: Friedrich von D\u00e4nemark. Er trinkt f\u00fcr alle: Maximilian von Bayern. Er frisst f\u00fcr alle: Friedrich von W\u00fcrttemberg. Er zahlt f\u00fcr alle: Kaiser Franz\u201c.<\/p>\n<p>Es sind auch die Worte von Kaiser Franz \u00fcberliefert, als er im Kreis seiner Mitarbeiter seufzte: \u201cWenn das noch lang so weitergeht, lass ich mich pensionieren\u201c<\/p>\n<p>Ein ausgesprochenes Feierbiest war dazumal der russische Zar.\u00a0Er genoss den\u00a0mehrmonatigen Aufenthalt in Wien &#8211; endlich konnte er mal aus h\u00f6fischen Zw\u00e4ngen und Konventionen aussteigen. Und er feierte, feierte, feierte. 60 Tage tanzte der Typ durch. Soviel Stehverm\u00f6gen, Charme und offensichtliche Virilit\u00e4t ver\u00e4rgerten die anderen politischen Alpha-Tiere &#8211; das kann man heute aus den Papieren ersehen.<\/p>\n<p>Der russische Zar kam in Wien in der Pferdekutsche am 25. September 1814 an. Davor machte er einige Male Station n\u00f6rdlich der Stadt, darunter auch in der Weinregion Poysdorf. Dort wurde ihm der einheimische Wein serviert und er schmeckte ihm so gut, dass er fortan Poysdorfer Rebensaft an den Hof in Sankt Petersburg geliefert haben wollte.<\/p>\n<p>Arggh!<\/p>\n<p>Da sch\u00e4umten die anderen Monarchen. Dieser russische Superstar! Mit dem w\u00fcrde man immer seine Probleme haben. Der w\u00fcrde mit seiner Divenhaftigkeit den Leuten noch m\u00e4chtig auf den Keks gehen.<\/p>\n<p>Tat er auch, aber: Schwamm dr\u00fcber! Verj\u00e4hrt!<\/p>\n<figure id=\"attachment_1368\" aria-describedby=\"caption-attachment-1368\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1368 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/IMG_2302-1-300x224.jpg\" alt=\"IMG_2302-1\" width=\"300\" height=\"224\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/IMG_2302-1-300x224.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/IMG_2302-1-600x448.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/IMG_2302-1.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1368\" class=\"wp-caption-text\">Darum drehte es sich dann letztendlich: Ums Walzen und ums Balzen.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nur eines fanden die Wiener im Jahr 1815 supertoll: Ein neuer Tanz wurde beim Kongress salonf\u00e4hig. Der neumodische Walzer. Das war eine geile Sache. Enger, schneller, leidenschaftlicher als je zuvor durften sich die Kavaliere und die Weiberleut&#8217; drehen. Erstmals wurde die geschlossene Haltung den ganzen Tanz \u00fcber beibehalten, der Partner eng umschlungen. Birgit Jung, Leiterin der Tanzschule Arthur Murray und Veranstalterin der Wiener Walzer Weltmeisterschaft. &#8220;Noch nie war man einander beim Tanzen so nahe gekommen. Der Walzer war ein t\u00e4nzerisches Spiel von Werben, Umkreisen, Fliehen und Fangen des Partners. Vor 1770 hatten einander beim Tanzen meist nur die H\u00e4nde ber\u00fchrt.&#8221;<\/p>\n<p>Cool. Da hat dann der Kongress wirklich was gebracht!<\/p>\n<p>Mal sehen, was vom &#8220;Contest&#8221; bleibt.<\/p>\n<p>Die Fakten versprechen einiges.<\/p>\n<p>Mehr als 25 Millionen Euro werden durch den Schlager-Wettbewerb generiert.\u00a0Am 23. Mai geht in Wien der 60. Song Contest \u00fcber die B\u00fchne. 200 Millionen Fernsehzuschauer wollen es live sehen. Schlagerfans in ganz Europa, aber auch in\u00a0\u00a0China, Kanada und Australien. Aus Australien kommt in diesem Jahr auch Teilnehmer Nunmer 40.\u00a0Mehr als 120.000 Besucher kommen in der Contest-Woche zu neun\u00a0Shows in der Wiener Stadthalle. Akkreditiert sind \u00fcber 1500 Journalisten und BloggerInnen und mehr als 1300 Delegierte. 700 Freiwillige freuen sich aufs Helfen&#8230;<\/p>\n<p>Mega, mega, mega. Alles wie gehabt, alles wie 1815.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1370\" aria-describedby=\"caption-attachment-1370\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1370 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/P1010407-300x171.jpg\" alt=\"P1010407\" width=\"300\" height=\"171\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/P1010407-300x171.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/P1010407-600x341.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/P1010407.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1370\" class=\"wp-caption-text\">Coole Sache oder Augen-Wischerei? Wir werden sehen.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Und das mit den Skandalen hat ja auch schon begonnen. Deutschland reist zum Beispiel mit einer Kandidatin zweiter Wahl an. Der kauzige\u00a0Andreas K\u00fcmmert (28) gewann zwar die Quali, wollte aber nicht nach Wien. So kommt nun eine verdutzte Ann Sophie (24).<\/p>\n<p>Seit K\u00fcmmerts R\u00fccktritt ist in Deutschland das Chaos perfekt. F\u00fcr die Zweite-Wahl-Siegerin setzte es im TV-Studio Buhrufe, Zehntausende Fans fordern im Netz ihr Geld f\u00fcrs Voting zur\u00fcck. Der Kurzzeitgewinner selbst war abgetaucht, rangierte trotz Shitstorm aber auf Platz eins der Charts. Seiner Nachfolgerin werden in Wien wenig Chancen einger\u00e4umt.<\/p>\n<p>Bessere Karten haben da in Wien die Finnen: Drei Mitglieder der Punk-Truppe<em> Pertti Kurikan Nimip\u00e4iv\u00e4t<\/em> haben das Down-Syndrom, einer ist Autist.<\/p>\n<p>So, wie wir Wien kennen, gibt das einen Skandal oder neue Stars. Drunter werden es die \u00d6sis nicht tun.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>wien, 30. april 2015 Das Ehepaar aus Deutschland hat sich auf einer Bank im oberen Teil des Belvedere-Lustgartens nieder gelassen, verzehrt K\u00e4sestullen und l\u00e4sst die Eindr\u00fccke aus der &#8220;Wiener-Kongress&#8221;-Ausstellung Revue passieren. 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