{"id":133,"date":"2015-01-03T06:01:52","date_gmt":"2015-01-03T06:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=133"},"modified":"2015-01-03T21:59:37","modified_gmt":"2015-01-03T21:59:37","slug":"deutschland-dreigeteilt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/deutschland-dreigeteilt\/","title":{"rendered":"DREIGETEILT"},"content":{"rendered":"<div><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-185\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_2483.jpg\" alt=\"DSC_2483\" width=\"980\" height=\"649\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_2483.jpg 980w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_2483-300x199.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_2483-600x397.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 980px) 100vw, 980px\" \/><\/div>\n<div><\/div>\n<div><strong><em>berlin\/m\u00f6dlareuth, 3. januar 2015<\/em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00dcbers Vogtland geht der Eiswind, in der Hauptstadt werden die letzten B\u00f6ller-Reste weg gemacht &#8211; und beim ZDF bei\u00dft man sich die N\u00e4gel, wie denn die Quote f\u00fcr den ersten richtigen Knaller des Jahres ausfallen wird. In einem Dreiteiler soll die Nachkriegszeit aufbereitet werden. Na, dann mal los!<br \/>\n<\/strong><\/div>\n<div><strong>\u00a0<\/strong><\/div>\n<div><\/div>\n<div>Nach f\u00fcnf Minuten wird\u2019s volkst\u00fcmlich in Tannbach. Da stapft der Dorf-Nazi in den Ort, schwenkt einen toten Hasen durchs Bild und wird von seiner besorgten Frau gefragt:<\/div>\n<div>\u201eFranz, wo bist \u2019n allweil? Moanst ned, mia solltn a bissl mehr achtgebn?\u201c<\/div>\n<div>Er verzieht h\u00f6hnisch den Mund.<\/div>\n<div>\u201eMia hom des ned n\u00f6tig.\u201c<\/div>\n<div>Sie, immer noch nicht beruhigt, mit Blick aufs entleibte Tier:<\/div>\n<div>\u201eHost wieda gwuidat? Im Wald, beim Grafn?\u201c<\/div>\n<div>Schauspieler Alexander Held (der echt fies gucken kann, wenn er will) setzt die b\u00f6seste Visage auf, die er im Repertoire hat:<\/div>\n<div>\u201eDes is genauso mei Woid.\u201c<\/div>\n<div>Uih, jetzt hat er es denen da oben aber gegeben, den Grafen und denen, die was Besseres sein wollen. Er, der Nazi, f\u00fcrchtet sich nicht vor ihnen. Er nicht!<\/div>\n<div>Es ist eine Szene wie aus einem Heimatroman des wackeren Ludwig Ganghofer. Urbayerisch. Kraftvoll. Unheil bergend.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<figure id=\"attachment_136\" aria-describedby=\"caption-attachment-136\" style=\"width: 199px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-136 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/DSC_24111-199x300.jpg\" alt=\"DSC_2411\" width=\"199\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/DSC_24111-199x300.jpg 199w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/DSC_24111-678x1024.jpg 678w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/DSC_24111-600x906.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/DSC_24111.jpg 1038w\" sizes=\"auto, (max-width: 199px) 100vw, 199px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-136\" class=\"wp-caption-text\">Von wegen juche! In M\u00f6dlareuth sieht man das Leben grau in grau. \/ FOTOS: BARBARA VOLKMER<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<div>Allein: Das Bayerische passt nicht. Denn Tannbach ist ein fiktiver Weiler an der real existierenden bayerisch-th\u00fcringischen Grenze. Da plaudert man fr\u00e4nkisch \u2013 und das hat nun gar nichts mit dem g\u2019scherten Held-Bayerisch zu tun.<\/div>\n<div>\u201eNicht so schlimm\u201c, sagt Gabriela Sperl. Sie hat \u201eTannbach \u2013 Schicksal eines Dorfs\u201c produziert und entschieden, dass die Schauspieler \u2013 wenn ihnen danach ist \u2013 so reden sollen, das sie sich in ihrem Idiom wohl f\u00fchlen. Klar, man habe an der deutsch-deutschen Grenze nicht oberbayerisch gesprochen \u2013 doch das merken letztendlich nur die Menschen aus der Region. Dem Rest der Zuschauer sei das egal.<\/div>\n<div>Was denn der Rest der Zuschauer von einem Dreiteiler wie \u201eTannbach\u201c (im ZDF am vierten, f\u00fcnften\u00a0und\u00a0siebten Januar zu sehen) erwartet?<\/div>\n<div>Gabriela Sperl wird sehr lebendig. \u201eWir holen die Menschen aus einem Raum des Vergessens ab. Sie denken \u00fcber Dinge nach, die sie verdr\u00e4ngt haben. Viele reden zum ersten Mal \u00fcber eine Vergangenheit, \u00fcber die sie sonst schweigen.\u201c<\/div>\n<div>Sie bekommt ja jede Menge Drehb\u00fccher ins B\u00fcro geschickt. Die meisten legt sie nach kurzer Lekt\u00fcre weg. \u201eTannbach\u201c, sagt sie, \u201ehat mich sofort gefangen genommen. Endlich wurde eine Zeit, \u00fcber die wir nicht viel wissen, aus der Sicht der Opfer erz\u00e4hlt. Und es wurde ein Ph\u00e4nomen erkl\u00e4rt: Da gab es nach einer zuf\u00e4lligen Grenzziehung zwei Seiten \u2013 den Osten und den Westen. Und die Autoren k\u00fcmmern sich um beide Parteien mit der gleichen Sorgfalt.\u201c<\/div>\n<div>Entspannt wirken sie, die Autoren. In ein paar Stunden wird \u201eTannbach\u201c den Herrschaften von der Presse vorgestellt \u2013 nun ist nichts mehr zu tun als sich Anlass-gerecht einzukleiden und die gute Laune f\u00fcr die Premiere zu konservieren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_142\" aria-describedby=\"caption-attachment-142\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-142 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Filmszene-Tannbach1-300x185.jpg\" alt=\"Screenshot Film Tannbach \/ ZDF \/\" width=\"300\" height=\"185\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Filmszene-Tannbach1-300x185.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Filmszene-Tannbach1-1024x631.jpg 1024w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Filmszene-Tannbach1-600x370.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-142\" class=\"wp-caption-text\">Filmszene aus &#8220;Tannbach&#8221;, dem ZDF-Dreiteiler zum Jahresbeginn<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Josephin von Thayental ist die Quirlige, Robert wirkt verhaltener. Man k\u00f6nnte sagen, sie sei eher der Glas-halb-voll-, er wiederum der Glas-halb-leer-Typ.<\/div>\n<div>Im Augenblick sind sie erst einmal erleichtert. Es war ein harter Ritt, den das Autoren-Paar da hingelegt hat. Einmal entwischt Thayental die Vokabel \u201eBurnout-Gefahr\u201c, als er von der Schreibarbeit f\u00fcr \u201eTannbach\u201c erz\u00e4hlt.<\/div>\n<div>Zwei Jahre lang hat das Projekt das Denken absorbiert. Josephin und Robert von Thayenthal hatten endlich Gr\u00fcnes Licht f\u00fcr ein Vorhaben nach ihrem Gusto beim ZDF (wo bekanntlich oftmals die Zweifler das letzte Wort haben) bekommen: Sie wollten deutsch-deutsche Historie so aufbereiten, dass der Geschichtsunterricht zum spannenden Erz\u00e4hl-Dreiteiler wird.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<figure id=\"attachment_138\" aria-describedby=\"caption-attachment-138\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/dorfleben.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-138 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/dorfleben-300x208.jpg\" alt=\"dorfleben\" width=\"300\" height=\"208\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/dorfleben-300x208.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/dorfleben-1024x709.jpg 1024w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/dorfleben-600x415.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-138\" class=\"wp-caption-text\">Noch mauerte die DDR. Die Grenze in M\u00f6dlareuth im Fr\u00fchling 1989 vom Westen, fotografiert von A.R. Schaffner \/ Museum M\u009a\u00f6dlareuth<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_150\" aria-describedby=\"caption-attachment-150\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-150 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/DSC_2522-300x199.jpg\" alt=\"DSC_2522\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/DSC_2522-300x199.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/DSC_2522-1024x678.jpg 1024w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/DSC_2522-600x397.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-150\" class=\"wp-caption-text\">Dieter Ackermann besuchte mit den Berufssch\u00fclern aus M\u00fcnchberg &#8220;Little Berlin&#8221; und fand dann keine Worte der Erkl\u00e4rung.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>Die Thayentals zogen sich in ihre Arbeitsr\u00e4ume im Haus bei Innsbruck zur\u00fcck und schufen ihr Dorf. Das liegt bekannterma\u00dfen\u00a0 irgendwo auf der Grenzlinie zwischen Th\u00fcringen und Bayern. Dort leben und kommen zur Welt: Graf und Grafen-Tochter, Einheimische, Heimatlose, Soldaten, Polizisten, Nazi-Schergen, Stasi-Spitzel, Aufrechte, Feiglinge, Liebende, L\u00fcgende, \u00fcberforderte Amis, r\u00fcde Russen, Franzosen auf Freiersf\u00fc\u00dfen, fr\u00e4nkische Luder.<\/div>\n<div>Da werden die letzten Tage von Hitler-Deutschland erz\u00e4hlt. Die Amis und die Russen haben die Waffen und das Sagen, die Menschen m\u00fcssen sich arrangieren. Die Russen greifen sich den Osten, im Westen schlagen sich die Amis mit den Nazi-Altlasten herum, Deutschland bekommt einen Zaun von der Ostsee bis ans Dreil\u00e4ndereck. Und mittenmang, wo der Zaun entlang f\u00fchrt, liegt ein kleines Dorf. Dort spielt der Film. Drei Abende lang, dreimal eineinhalb Stunden.<\/div>\n<div>\u201eAmbitioniert\u201c war das Vorhaben der Thayentals, das wissen sie. \u201eK\u00fchnes Unterfangen\u201c \u2013 so raunte man beim ZDF. Da hat es in Mainz eine Menge Leute gegeben, die lieber die K\u00f6pfe eingezogen haben.<\/div>\n<div>Derweil zog \u201eTannbach\u201c \u2013 so nannten die Autoren das Dorf ihrer Phantasie \u2013 in ihrem Tiroler Zuhause ein. Die Personen nahmen Gestalt an. Ihre Biographien wurden in Excel-Dateien eingespeist. Lebensl\u00e4ufe miteinander abgeglichen, jede Episode in den historischen Kontext eingebettet.<\/div>\n<div>Sie mussten sich immer wieder zusammen raufen. \u201eNat\u00fcrlich haben wir auch gestritten.\u201c Er nickt, f\u00fcgt bed\u00e4chtig hinzu: \u201eWissen Sie, jeder stellt sich die Dinge auf seine Weise vor. Da l\u00e4uft man nicht immer im Gleichschritt. Wenn es ganz schlimm geworden ist, bin ich auf den Berg gegangen. Das war dann meine Rettung. Wenn ich es recht bedenke: Ich war oft auf dem Berg.\u201c<\/div>\n<div>Josephin nimmt mit ihrem vergn\u00fcgten L\u00e4cheln der Schilderung des Gatten die Dramatik. Dann wird auch sie ernst: \u201eWir haben ja nicht einfach drauflos erz\u00e4hlt. Bevor wir ans richtige Schreiben gemacht haben, haben wir die Themen definiert, mit denen wir uns besch\u00e4ftigen wollten. Unser Ziel war, die Entwicklung im Osten und im Westen zwischen 1945 und 1952 so zu schildern, dass keine einseitige Ost- oder Westsicht entsteht. Eine Szene aus dem US-Sektor muss sich nahtlos an eine Episode aus der Zone anschlie\u00dfen. Das sollte wie ein Ping-Pong sein.\u201c<\/div>\n<div>Robert von Thayental kommt aus Graz, Josephin ist Mecklenburgerin. \u201eWenn Du dann mit dem Partner so ein Drehbuch schreibst, merkst Du erst, welche L\u00fccken Dein Wissen hat.\u201c, sagt sie, er blickt seine Frau interessiert an. \u201eNaja, mit der Rolle Adenauers in dieser Zeit war ich \u00fcberhaupt nicht vertraut. Das wurde im Geschichtsunterricht der DDR \u00a0nicht einmal gestreift.\u201c<\/div>\n<div>Einmal waren sie im Kino, \u201eDas Leben der Anderen\u201c \u2013 und erlebten, wie sehr die Ost-West-Trennung auch in ihrer Beziehung noch wabert. Robert war nach der Vorstellung anger\u00fchrt von der gro\u00dfen Schauspieler-Leistung des Ulrich M\u00fche, der einen in sich zerrissenen Stasi-Mann verk\u00f6rpert. \u201eIch hatte eine G\u00e4nsehaut.\u201c<\/div>\n<div>Josephin ihrerseits konnte nur \u201ePfff!\u201c machen. Zornig war sie, echt sauer. Da hatte man es wieder einmal: Dass Autorenkollegen sich alle M\u00fche geben, den T\u00e4ter ordentlich zu behandeln und ihn verstehen zu wollen. Die Opfer, die Bespitzelten, die um ihr Leben Betrogenen? \u201eDie kommen immer wieder zu kurz.\u201c<\/div>\n<div>Nachdenklich h\u00f6rt von Thayental zu. Ja, sie erlebten Diskussionen und Augenblicke, da mussten sich die Beiden hart an dem Stoff abarbeiten. Es gebe, sagt Robert, noch viele Leerstellen zwischen Ost und West. Er sei betroffen, wenn er mit seiner Frau durch ihre Heimat fahre. Trotz dieser \u201ewunderbaren gewachsenen St\u00e4dte wie Wismar und Rostock und Schwerin\u201c gehe in den neuen L\u00e4ndern die Kultur vor die Hunde, das Gemeinschaftsgef\u00fchl der Menschen verliere sich, in den D\u00f6rfern gehen buchst\u00e4blich die Lichter aus.<\/div>\n<div>\u201eUnd die j\u00fcngere Geschichte interessiert nicht. Gerade die Jahre nach dem Krieg: Das ist wie ein dicker Nebel. Da wollten wir hinein stochern, damit sich das alles ein bisschen lichtet.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_151\" aria-describedby=\"caption-attachment-151\" style=\"width: 217px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-151 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Barbara-Ellen-Volkmer-00222277-HighRes-217x300.jpg\" alt=\"Credit\/Fotozeile: Barbara Volkmer \/\" width=\"217\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Barbara-Ellen-Volkmer-00222277-HighRes-217x300.jpg 217w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Barbara-Ellen-Volkmer-00222277-HighRes-739x1024.jpg 739w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Barbara-Ellen-Volkmer-00222277-HighRes-600x831.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Barbara-Ellen-Volkmer-00222277-HighRes.jpg 1940w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-151\" class=\"wp-caption-text\">Neuere Geschichte, das ist ihres: Gabriela Sperl.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<div>Zur\u00fcck zu Gabriela Sperl, die sich das spielerische Stochern im Nebel zum gut gehenden Gesch\u00e4ft ausgebaut hat. Das Handwerk hat die Diplomatentochter beim Bayerischen Rundfunk als Redakteurin und\u00a0\u00a0\u00a0 gelernt, sie hat Drehb\u00fccher geschrieben, filmische Gro\u00dfunternehmen produziert. Und vermehrt setzt sie auf Stoffe aus der j\u00fcngeren deutschen Geschichte. Gewinnt Preise und Anerkennung mit \u201eDie Flucht\u201c, der Verfilmung der Spiegel-Aff\u00e4re, einem Projekt \u00fcber die NSU, \u201eKinder des Sturms\u201c oder \u201eNicht alle waren M\u00f6rder\u201c.<\/div>\n<div>Sperl, Jahrgang 1952, ist in der Branche bestens vernetzt und einer dieser Menschen, die eine Nase f\u00fcr Stoffe haben, die die Menschen fesseln. Sie will erz\u00e4hlen, erz\u00e4hlen, erz\u00e4hlen. Schauspieler Michael Berkel beschrieb in einer Laudatio die Produzentin als die \u201eScheherazade des deutschen Films\u201c \u2013 und im Saal haben alle genickt.<\/div>\n<div>Ein historisches Ph\u00e4nomen wird zu einem Spielfilm \u2013 da wendet sich mancher gestandene Geschichtswissenschaftler mit Grausen. Kann doch nicht gut gehen!<\/div>\n<div>Gabriela Sperl fechten die Bedenken solcher Purismus-Kollegen nicht an. Sie hat mit einer 600-Seiten-Abhandlung \u00fcber Bayerns Industrie und Wirtschaft zwischen 1918 und 1924 (\u201eeigentlich war es eine Arbeit \u00fcber Lobbyismus, der das Land aus der Agrar-Nische geholt hat\u201c) promoviert &#8211; sie wei\u00df, wie solides wissenschaftliches Arbeiten geht. Aber sie will keine Werke f\u00fcrs Regal, sie will ran an die Menschen. \u201eDie Kunst besteht im Verdichten, im Erzeugen empathischer Momente. Sehen Sie: In ,Tannbach\u2018 wird erz\u00e4hlt, wor\u00fcber jahrelang geschwiegen worden ist.\u201c<\/div>\n<div>So ein kleines Dorf nach diesem Krieg \u2013 was f\u00fcr eine B\u00fchne! Da kann die Produzentin Protagonisten so ganz nach ihrem Geschmack aufmarschieren lassen. \u201eEs gibt die T\u00e4ter, die aus \u00dcberzeugung handeln. Schlimm, wenn die sich moralisch verirren. Es gibt die Opfer. Und es gibt diese Sorte Mensch, die mich immer angeekelt hat. Die Opportunisten \u2013 gerade noch sind sie den Hakenkreuzfahnen hinterher gelaufen, und dann helfen sie, das Stasi-System aufzubauen und einen Grenzwall durch ein Land zu ziehen.\u201c<\/div>\n<div>\u201eTannbach\u201c, so die Produzentin, k\u00fcmmert sich um die Opfer. \u201eDa haben wir in Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkriegs eine Scheu. Wir trauen uns nicht, die Opfer Opfer zu nennen, weil es diese Schuldgef\u00fchle gibt. Aber die Russen waren eben nicht nur die Befreier, es gab da T\u00e4ter und Unrecht. Das auszusprechen ist heute immer noch politisch unkorrekt.\u201c<\/div>\n<div>Gabriela Sperl ist eine bewunderte, respektierte, gef\u00fcrchtete Macher-Frau. Sie soll bei Verhandlungen das Letzte aus den Partnern heraus holen. Danach erkl\u00e4rt sie fr\u00f6hlich, der Film h\u00e4tte gern noch ein paar 100000 Euro mehr vertragen k\u00f6nnen, aber was soll\u2019s? Wenn kein Geld mehr im Topf ist, agiert die Sperl nach dem Motto:<\/div>\n<div>\u201eDie Verkleinerung zwingt in die Pr\u00e4zision.\u201c<\/div>\n<div>Sie hat nat\u00fcrlich gut reden. F\u00fcr Tannbach\u201c standen Schauspieler aus der ersten Reihe vor der Kamera, und ein paar Junge werden nach diesem Film zu einer bemerkenswerten Karriere durchstarten. 500 Komparsen lie\u00df Frau Sperl anheuern, die Dreharbeiten im tschechischen\u00a0 alimentierten monatelang die Provinz.<\/div>\n<div>\u201eEs ist ein gro\u00dfer Film geworden\u201c, sagt Gabriela Sperl selbstbewusst.<\/div>\n<div>Klar. Viereinhalb Stunden Heim-Kino, wie sie sich das \u00d6ffentliche nur zu den Feiertagen leistet.<\/div>\n<div>Nat\u00fcrlich werden sie auch in M\u00f6dlareuth einschalten. Schlie\u00dflich ist der Ort in Th\u00fcringen\/Oberfranken die Vorlage f\u00fcr \u201eTannbach\u201c. Der Dorfbach von M\u00f6dlareuth wurde zur Zonengrenze. Zuerst war es ein Bretterzaun, dann wurde mit Stacheldraht aufger\u00fcstet, schlie\u00dflich durchschnitt eine Mauer mit dazugeh\u00f6rigem High-Tech-Grenzstreifen und Beobachtungst\u00fcrmen die Gemeinde. Menschen aus aller Welt kamen in den Westteil und guckten von kleinen Beobachtungspodesten r\u00fcber zu den Kommunisten. Politiker waren auch da und hielten in \u201eLittle Berlin\u201c wohlfeile Reden.<\/div>\n<div>Dieter Ackermann hat an diesem Dezembertag 2014 seine Enkel in den Wagen gepackt und ist mit ihnen nach M\u00f6dlareuth gefahren. Er will ihnen zeigen, wie schlimm es in Deutschland mal gewesen ist. So wie er es auch seinen Berufssch\u00fclern vor mehr als 25 Jahren gezeigt hat. Da dr\u00fcben ist der Russ\u2019, der bringt uns noch den Krieg, und, dem Herrgott sei Dank, der Amis steht uns bei, dass es ein H\u00fcben und ein Dr\u00fcben an der Mauer gibt.<\/div>\n<div>Heute erz\u00e4hlt Ackermann in M\u00f6dlareuth also den Enkeln von der b\u00f6sen alten Zeit, aber sie h\u00f6ren nicht hin. Sie wollen heim, es ist ungem\u00fctlich am Grenzstreifen. Leichter Regen geht \u00fcbers Land, die Mauerreste sind grau, auf dem Grenzstreifen latscht man von einer Pf\u00fctze in die n\u00e4chste.<\/div>\n<div>\n<figure id=\"attachment_185\" aria-describedby=\"caption-attachment-185\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_2483.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-185 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_2483-300x199.jpg\" alt=\"DSC_2483\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_2483-300x199.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_2483-600x397.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DSC_2483.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-185\" class=\"wp-caption-text\">Tr\u00fcbe Aussischten: Das wahre &#8220;Tannbach&#8221; hei\u00dft M\u00f6dlareuth, ist bekannt geworden als &#8220;Little Berlin&#8221; &#8211; und seine gerade mal hundert Einwohner haben null Bock auf ihren kleinen Ruhm.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<div>Zwei junge M\u00e4nner kommen aus einem windschiefen Haus westlich des Bachs. Sie sto\u00dfen mit den halb geleerten Bierflaschen an, lachen sehr laut, steigen in den Wagen und fahren los, in Richtung Hof. Da steppt zwar auch nicht gerade der B\u00e4r, aber wenigstens haben ein paar Gastst\u00e4tten ge\u00f6ffnet.<\/div>\n<div>Hier in M\u00f6dlareuth ist nicht mal eine streunende Katze in den Gassen (die alle den Namen \u201eM\u00f6dlareuth\u201c tragen) zu sehen. Die Menschen haben die Vorh\u00e4nge zugezogen, auch im Gasthof \u201eGrenzg\u00e4nger\u201c brennt kein Licht, der Tannbach (er hei\u00dft wirklich so) gluckst, der Regen rauscht.<\/div>\n<div>Halt, dr\u00fcben auf halber H\u00f6he schlurft ein Mann \u00fcber den Hof, er tr\u00e4gt ein halbes Dutzend Holzscheite auf den Armen. Hat schon vor dem Mauerfall hier den Hof auf Ostgebiet bewirtschaftet.<\/div>\n<div>Damals sind sie sich noch in die Arme gefallen, die Nachbarn aus dem Westen und er.<\/div>\n<div>Dann ist die neue Freiheit \u00fcbers Land gekommen. \u201eNein\u201c, sagt er und sieht den Fremden feindselig an. \u201eMit Euch rede ich nicht mehr.\u201c<\/div>\n<div>\u201eIhr\u201c \u2013 das sind f\u00fcr die M\u00f6dlareuther alle, die nicht aus M\u00f6dlareuth kommen. Die immer noch in das Dorf einfallen und sich aufgeilen an der b\u00f6sen, b\u00f6sen Mauer, den Gschichterln von NVA und Stasi und scharfen Sch\u00e4ferhunden und Schie\u00dfbefehl.<\/div>\n<div>\u201eKein Wort sage ich\u201c, sagt der Mann und l\u00e4sst anschlie\u00dfend eine Tirade gegen den Rest der Welt los. Zu Hunderten seien sie gekommen, die Typen mit ihren Bl\u00f6cken und Kameras. H\u00e4tten recht sch\u00f6n getan und dann einen rechten Schmarrn in der Zeitung oder im Fernsehen verzapft. \u201eWas \u00fcber uns gelogen worden ist \u2013 das war doch schon ein Verbrechen.\u201c<\/div>\n<div>Das Holz in seinen Armen zittert. Der Bauer ist sehr w\u00fctend. Klar hat er geh\u00f6rt, dass jetzt bald ein Film \u00fcber \u201eTannbach\u201c (auch bekannt als M\u00f6dlareuth) im Fernsehen l\u00e4uft. Das Holz zittert noch ein wenig mehr.<\/div>\n<div>Bayerisch kann er nicht wie der Held \u2013 aber mindestens so b\u00f6s\u2019 drein schauen.<\/div>\n<div>\u201eWaa\u00dft, ich soch Dich aans: Uns hat kaans gfrocht, wie\u2019s war. Uns frocht kaans, wie\u2019s uns geht. Mir sen Euch schei\u00dfegal. Waa\u00dft Du, wos ich Dir soch: M\u00f6dlareuth woar allaweil am Oasch der Welt. Und es bleibt am Oasch der Welt. Mir wolln in kaan Film. Mia wolln nur unser\u2019 Ruh\u2019.\u201c<\/div>\n<div>Er zieht mit einem Krachen die Haust\u00fcr ins Schloss.<\/div>\n<div>Klappe!<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin\/m\u00f6dlareuth, 3. januar 2015\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00dcbers Vogtland geht der Eiswind, in der Hauptstadt werden die letzten B\u00f6ller-Reste weg gemacht &#8211; und beim ZDF bei\u00dft man sich die N\u00e4gel, wie denn die Quote f\u00fcr den ersten richtigen Knaller des Jahres ausfallen wird. In einem Dreiteiler soll die Nachkriegszeit aufbereitet werden. Na, dann mal los! \u00a0 Nach f\u00fcnf [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":141,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20],"tags":[36,35,10,34,11,33,12],"class_list":["post-133","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-reportage","tag-berkel-michael","tag-held-alexander","tag-modlareuth","tag-sperle-ganriela","tag-tannbach","tag-thayental","tag-zdf","has-post-title","has-post-date","has-post-category","has-post-tag","has-post-comment","has-post-author",""],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/133","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=133"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/133\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":192,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/133\/revisions\/192"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media\/141"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=133"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=133"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=133"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}