{"id":1322,"date":"2015-04-26T05:11:28","date_gmt":"2015-04-26T05:11:28","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1322"},"modified":"2015-04-26T05:11:28","modified_gmt":"2015-04-26T05:11:28","slug":"neu-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/neu-deutschland\/","title":{"rendered":"NEU? DEUTSCHLAND?"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>berlin, 25. april 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Ganz fr\u00fcher war hier mal ein Bahnhof, von dem die Z\u00fcge nach Petersburg fuhren. Dann verlustierten sich pro Vorstellung im Plaza bis zu 3000 proletarische Zuschauer im Variet\u00e9 &#8220;Plaza&#8221;. Im Krieg machten \u00a0Bomben das Geb\u00e4ude am K\u00fcstriner Platz platt. Erst 1974 zogen Journalisten in ein staatstragendes Hochhaus ein. Heute sitzen die Zeitungsmacher wieder drin und stemmen sich gegen die Zeitl\u00e4ufte. Immer noch residiert hier die Redaktion des &#8220;Neuen Deutschland&#8221;. Und drau\u00dfen, in einer kleinen Gr\u00fcnanlage, geht das real-soziale Leben seinen m\u00fcden Gang.<\/strong><\/p>\n<p>Ein Mann sitzt auf einer Bank und studiert seine Zeitung. Er hat ein asketisches sauber rasiertes Gesicht, ernst und hoffnungsfrei. Neben sich eine Thermoskanne mit Kaffee und eine hellbraune lederne Handtasche. Sein Sakko ist in die Jahre gekommen, aber gut behandelt. Die Hose hat B\u00fcgelfalten, die schwarzen Schuhe sind gewienert.<\/p>\n<p>&#8220;Kannst Frank zu mir sagen.&#8221;<\/p>\n<p>Frank liest zuerst das Feuilleton. Danach arbeitet er sich von Seite eins (&#8220;Flotte der Verdammten&#8221;) gr\u00fcndlich durch bis zum Wochenendteil. Manchmal rei\u00dft er einen Artikel aus, faltet ihn und steckt ihn sorgsam in sein T\u00e4schchen.<\/p>\n<p>Er ist ein professioneller Leser. Es ist sehr lange her, da hat er in diesem hohen Haus gearbeitet, da wurde er f\u00fcrs Lesen und Schreiben bezahlt. &#8220;Ich habe alles gemacht &#8211; Kultur, Berlin und Brandenburg, Sport. Sport war mein Ding. Friedensfahrt. Wintersport. Spartakiade. Olympische Spiele. Ich habe es geliebt.&#8221;<\/p>\n<p>Gleich nach der Wende haben sie ihn aussortiert. Dabei war er keiner von den Hardlinern. Aber er war nicht mehr jung genug f\u00fcr die neue Zeit. F\u00fcr die Rente kam Frank auch noch nicht in Frage. Er hat sich durchgeschlagen. Versicherungen versuchte er an den Menschen zu bringen, da hat er versagt. F\u00fcr einen \u00a0Autoh\u00e4ndler aus dem Westen hat er das Schriftliche besorgt &#8211; das war schon besser, da konnte er sich hinter seinem Computer abducken.<\/p>\n<p>&#8217;98 ist seine Frau gestorben. Die drei Kinder sieht er nicht mehr oft, die sind mit den Familien tief im Westen. Er wohnt noch immer im Kiez, von seinen zwei Zimmern bis zur Bank am Franz-Mehring-Platz hat er es zehn Minuten. Da sitzt er dann. Oder an der Weberwiese oder an der Frankfurter Allee. Liest seine Zeitung, denkt sich sein Teil.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1326\" aria-describedby=\"caption-attachment-1326\" style=\"width: 245px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1326 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/DSC_3243-245x300.jpg\" alt=\"DSC_3243\" width=\"245\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/DSC_3243-245x300.jpg 245w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/DSC_3243-600x734.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/DSC_3243.jpg 801w\" sizes=\"auto, (max-width: 245px) 100vw, 245px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1326\" class=\"wp-caption-text\">So sieht es aus, das Geb\u00e4ude, in dem man den Blick f\u00fcrs Gro\u00dfe und Ganze nicht verlieren mag. FOTOS: BARBARA VOLKMER<\/figcaption><\/figure>\n<p>Es war einmal ein wichtiger Platz hier. 1974 haben sie das Geb\u00e4ude f\u00fcrs &#8220;Neue Deutschland&#8221; eingeweiht. Da konnten sie den BRD-Angebern mit ihrem Springer-Hochhaus mal so richtig vor den Koffer kacken.\u00a0Der Leiter der f\u00fcr die Presse zust\u00e4ndigen Abteilung Agitation und Propaganda im Zentralkomitee der SED, Werner Lamberz, hat sich bei der Er\u00f6ffnung gar nicht mehr eingekriegt. Der Klotz in Friedrichshain sei der \u201egr\u00f6\u00dfte und wichtigste Bau, den unsere Partei bisher errichtet hat.\u201c<\/p>\n<p>Nun kriegt das sch\u00f6ne Geb\u00e4ude langsam die Motten. N\u00fcchtern besehen ist die ganze Gegend ziemlich im Arsch. &#8220;Ich blende das aus&#8221;, sagt Frank und zeigt mit gro\u00dfer Geb\u00e4rde \u00fcber den Platz vorm &#8220;Neuen Deutschland&#8221;:<\/p>\n<p>Ein Fr\u00fchrentner zieht das Bein nach und bleibt alle 20 Schritte stehen, um einen Schluck aus der Pulle zu nehmen. In der Stoff-Einkaufstasche hat er den Nachschub, Billig-Bier vom Discounter.<\/p>\n<p>Eine junge Frau schiebt eine flotte Kinderkarre vor sich her. Sie telefoniert, raucht, sieht beschissen blass aus und k\u00fcmmert sich nicht um das Gejammere aus dem Wagen.<\/p>\n<p>Eine alte Frau kann nicht mehr. Sie l\u00e4sst sich auf die Bank nebenan sinken und schnauft schwer. Es ist ein hei\u00dfer Samstag, wenn die Sonne freie Bahn hat.<\/p>\n<p>Die Fenster der Redaktion im zweiten Stock des Hochhauses sind seit Langem nicht mehr geputzt worden. Man k\u00f6nnte meinen, dahinter ruhe die Arbeit.<\/p>\n<p>Ist aber nicht so. Sie bringen jeden Tag ein &#8220;Neues Deutschland&#8221; unter die Leute. Eine kleine couragierte Redaktion macht da ein ziemlich vitales Blatt und m\u00fcht sich gegen den schlechten Ruf von fr\u00fcher an.<\/p>\n<p>&#8220;Das machen die gar nicht schlecht.&#8221; Frank kauft manchmal auch andere seri\u00f6se Bl\u00e4tter und findet, dass sich die jungen Kollegen des &#8220;ND&#8221; nicht zu verstecken brauchten. &#8220;Die ham ihren eigenen Kopp &#8211; und das ist gut so.&#8221;<\/p>\n<p>Wenn er da so zur\u00fcck denkt&#8230;<\/p>\n<p>Nun hat der Mann auf der Bank ein nettes Gesicht. Ach, man hat sich arrangiert.<\/p>\n<p>Was sollte man schon machen?<\/p>\n<figure id=\"attachment_1325\" aria-describedby=\"caption-attachment-1325\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1325 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/DSC_3252-300x197.jpg\" alt=\"DSC_3252\" width=\"300\" height=\"197\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/DSC_3252-300x197.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/DSC_3252-600x393.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/DSC_3252.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1325\" class=\"wp-caption-text\">Auch heute noch ganz nah. Bis zum k\u00fcssenden &#8220;Honi&#8221; an der Mauer sind es gerade mal zehn Minuten zu Fu\u00df. Fr\u00fcher war der Spezi allgegenw\u00e4rtig im &#8220;Neuen&#8221; Deutschland.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Auf den Tag vor 30 Jahren ist zum Beispiel der Honecker von einem Staatsbesuch in Italien zur\u00fcck gekommen. Beim Papst ist er gewesen und bei allen wichtigen Leuten in Rom. Denen aus der BRD hat er mal richtig gezeigt, was eine V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung ist. Und bei seiner R\u00fcckkehr haben sie im &#8220;Neuen Deutschland&#8221; auf einmal allesamt Italienisch gekonnt. Nat\u00fcrlich haben sie Wort f\u00fcr Wort abgedruckt, was Herr Honecker zu sagen hatte:<\/p>\n<p>&#8220;Zum Abschlu\u00df meines offiziellen Besuches m\u00f6chte ich dem Vorsitzenden des Ministerrates der Italienischen Republik, Bettino Craxi, und allen anderen Pers\u00f6nlichkeiten, die zum Erfolg unserer Gespr\u00e4che in Rom beigetragen haben, herzlich danken. Dieser Dank gilt insbesondere auch Staatspr\u00e4sident Sandro Pertini, mit dem ich ein fruchtbares Zusammentreffen hatte &#8230;&#8221;<\/p>\n<p>Darauf einen bulgarischen Chianti!<\/p>\n<p>Heute sind sie da oben in der Redaktion liberal und manchmal auch ein bisschen frech. &#8220;Das sind die Linken, die ich mir immer gew\u00fcnscht habe.&#8221;<\/p>\n<p>Jetzt m\u00fcssen sie nur noch ihre Leserbriefschreiber an die Leine nehmen. Ein wenig jedenfalls. &#8220;Oder was sagst Du? Man muss doch nicht alles drucken, was die \u00dcbrig-Gebliebenen so von sich geben. H\u00f6r mal, hier zum Beispiel:&#8221;<\/p>\n<p>Frank liest vor, wie sich ein Herr aus Sebnitz in der Zeitung auskotzt: &#8220;Die wieder einmal deutlich gewordene Rechtsprechung der alten BRD gegen\u00fcber Kriegsverbrechern und Beteiligten an Massenmorden l\u00e4sst nur eine Schlussfolgerung zu: Dieser Staat war ein Unrechtsstaat.&#8221;<\/p>\n<p>In diesem Tonfall geht das dann weiter. Frank legt die Zeitung, seine Zeitung, zur Seite. &#8220;Das mag ja alles nicht besonders bl\u00fchend sein hier alles, da hat der Kohl sich vertan. Aber es ist nun mal, wie es ist. Gestern ist gestern &#8211; gut so. Ist ja schon mal ein Anfang.&#8221;<\/p>\n<p>Dr\u00fcben m\u00fcht sich die alte Frau auf die Beine. Seufzend schlurft sie weg. Sie muss weiter.<\/p>\n<p>Irgendwie muss es ja weiter gehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 25. april 2015 Ganz fr\u00fcher war hier mal ein Bahnhof, von dem die Z\u00fcge nach Petersburg fuhren. Dann verlustierten sich pro Vorstellung im Plaza bis zu 3000 proletarische Zuschauer im Variet\u00e9 &#8220;Plaza&#8221;. Im Krieg machten \u00a0Bomben das Geb\u00e4ude am K\u00fcstriner Platz platt. Erst 1974 zogen Journalisten in ein staatstragendes Hochhaus ein. 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