{"id":1319,"date":"2015-04-24T20:11:39","date_gmt":"2015-04-24T20:11:39","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1319"},"modified":"2015-04-24T20:11:39","modified_gmt":"2015-04-24T20:11:39","slug":"gott-ist-zornig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/gott-ist-zornig\/","title":{"rendered":"GOTT IST ZORNIG"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ice 646 (wolfsburg-d\u00fcsseldorf), 24. april 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>\u201eFahren Zug Flughafen?\u201c, fragt die Frau. Sie hat einen klaren offenen Blick, schwitzt sehr, atmet schwer. Sie ist erleichtert, als sie best\u00e4tigt bekommt, dass sie in gut zwei Stunden am Bahnhof D\u00fcsseldorf Flughafen aussteigen kann und l\u00e4sst sich gern beim Gep\u00e4ck helfen. \u201eDu guter Mann\u201c, sagt sie und l\u00e4chelt sehr sch\u00f6n. \u201eIch ein bisschen krank. Jetzt nach Hause. Schwester warten an Flughafen, ich k\u00f6nne in ihrem Haus schlafen.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Tunesien ist ihre Heimat. Sie hei\u00dft Fadia, tr\u00e4gt ein dominantes braunes Kopftuch. Obwohl es noch nicht einmal halb sieben Uhr morgens ist, ist sie putzmunter, hat Lust auf eine Unterhaltung.<\/p>\n<p>Sie: \u201eNix gut Deutsch\u201c, doch das hindert sie nicht, flott drauf los zu plaudern.<\/p>\n<p>Fadia kommt recht schnell zur Sache. Nach ein paar Floskeln \u00fcber die Hitze, die nun bald \u00fcber ihr Heimatland hereinbrechen wird und die sie nur ertr\u00e4gt, weil sie sich mittags im Haus verkriecht und erst abends zum fr\u00f6hlichen Leben erwacht, redet sie \u00fcber Syrien und Israel. Und sie redet \u00fcber Gott.<\/p>\n<p>\u201eDu haben Christen-Gott?\u201c<\/p>\n<p>Nein. Da gibt es Probleme mit dem Glauben.<\/p>\n<p>Sie wird aufmerksam. Ja, die Probleme kenne sie. Verursacher seien die, die echtes Fromm-Sein mit falschem Glauben verwechseln. Ihr Blick ist sehr eindringlich, als sie erkl\u00e4rt, wer sich dem Koran anvertraue, wie das im heiligen Buch steht, k\u00f6nne auch nicht falsch fahren.<\/p>\n<p>Sie habe auch erst zum rechten Glauben finden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Zw\u00f6lf Kinder hat ihr Vater gezeugt. Sie sei das \u00e4lteste. Dann habe ihre Mutter sechs weitere Kinder zur Welt gebracht, sei gestorben \u2013 und die neue Mutter habe auch f\u00fcnf Babys ausgetragen. Man verstehe sich gut in der Familie. Der Vater sei ein braver Mann. Immer wieder, wenn er \u00fcberfordert ist, zieht er sich zur\u00fcck und ist f\u00fcr niemanden zu sprechen.<\/p>\n<p>Aber er betet f\u00fcnfmal am Tag, er befolgt die Reinlichkeitsregeln, er sorgt f\u00fcr die Familie. \u201eVersucht sein gute Papa.\u201c<\/p>\n<p>Der Mann ist vor f\u00fcnf Jahren gestorben. Auf einmal blutete es in seinem Bauch, die \u00c4rzte haben zu lange gewartet, das war es dann.<\/p>\n<p>In Wolfsburg hat sie ihre Kinder dann allein \u00fcber die Runden gebracht. Bei VW gearbeitet, bei der Sparkasse geputzt, jetzt macht sie bei McDonalds sauber. Nette Kollegen, der Chef ist anst\u00e4ndig, das Geld reicht (sie kann sogar dreimal im Jahr f\u00fcr 400 Euro nach Tunesien fliegen).<\/p>\n<p>Alles ganz gut, soweit. Sie wird keinen Mann mehr finden \u2013 \u201eist vorbei, nicht schlimm, keine Mann, keine Probleme\u201c -, nur die Kinder machen ihr manchmal Sorgen.<\/p>\n<p>Die Tochter, 17, verirrt sich nur manchmal in die Moschee. Aber der Sohn, 19, hat mit Religion gar nichts zu schaffen. Er trinkt sogar Bier.<\/p>\n<p>Fadia hat Tr\u00e4nen in den Augen. Sie kann sie ja nicht zwingen. Das will, radebrecht sie, der Gott, an den sie glaubt, nicht. Wenn die Kinder sich vers\u00fcndigen, werden sie das b\u00fc\u00dfen. \u201eJeder Fehler steht in Deinem Lebensbuch.\u201c<\/p>\n<p>Der Koran ist der gro\u00dfe Halt im Leben dieser entwurzelten Frau. Sie konnte als Zehnj\u00e4hrige noch nicht lesen \u2013 der Vater hat angeordnet, sie brauche keine Schule, sie solle lieber der kr\u00e4nkelnden Mutter zur Hand gehen. Da hat sie sich ein bebildertes Religionsbuch gegriffen und sich das Lesen selber beigebracht.<\/p>\n<p>Nun hilft sie sich in Wolfsburg mit dem Glauben durch den Alltag. Manchmal, sagt sie, kommen beim McDonalds sogar Kollegen (aus Afrika oder der T\u00fcrkei oder so) und wollen wissen, was denn da dran sei in dem Koran. Ob Gott der Freund und Retter sein k\u00f6nne?<\/p>\n<p>Ja, sagt sie dann. \u201eDu brauchen Gott. Sonst Du nicht verstehen. Wie wollen verstehen? Dass jeden Tag neu die Sonne ist am Himmel? Dass Nacht ist und dass Tag ist? Was passiert mit Wasser?\u201c<\/p>\n<p>Fragen, auf die der Koran die Antworten gibt:<\/p>\n<p>\u201eWasser kommt von allein. Sonne kommt von allein. Nacht kommt von allein? Du bist zu klein f\u00fcr wissen, warum. Aber Gott wissen. Du musst beten und du musst reden mit Gott. Dann geht es Dir gut da.\u201c Sie deutet auf ihr Herz.<\/p>\n<p>Sie sieht \u00fcber den Mitfahrer an. Er solle, sagt sie, sich einen Koran besorgen. Er m\u00fcsse beginnen zu lesen und zu lernen. Er d\u00fcrfe keine Fehler mehr machen. \u201eDu m\u00fcssen finden Gott.\u201c<\/p>\n<p>Aber was sagt denn ihr Gott, wenn er sieht, was in seinem Namen so passiert in Syrien und bei der Isis und so?<\/p>\n<p>Sie zuckt mit den Schultern. Sie rede mit ihrem Gott nicht \u00fcber diese Dinge. Die seien zu schrecklich.<\/p>\n<p>\u201eAber\u201c &#8211; sie sucht lange nach den richtigen W\u00f6rtern.<\/p>\n<p>\u201eAber ich glaube, ich wei\u00df: Gott ist zornig. Wir m\u00fcssen Angst haben. Ja, Gott hat gro\u00dfen Zorn.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ice 646 (wolfsburg-d\u00fcsseldorf), 24. april 2015 \u201eFahren Zug Flughafen?\u201c, fragt die Frau. Sie hat einen klaren offenen Blick, schwitzt sehr, atmet schwer. 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