{"id":1252,"date":"2015-04-18T20:42:33","date_gmt":"2015-04-18T20:42:33","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1252"},"modified":"2015-04-18T20:42:33","modified_gmt":"2015-04-18T20:42:33","slug":"tod-im-april-teil-iii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/tod-im-april-teil-iii\/","title":{"rendered":"TOD IM APRIL, TEIL III"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>berlin, 18. april 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Die Schlagzeile des Tages in der Welt: &#8220;Gastarbeiter werden knapp&#8221;. Conny mit &#8220;Zwei kleine Italiener&#8221; weiter auf Rang 1 der Charts. Das &#8220;Neue Deutschland&#8221; urteilt \u00fcber die Verdi-Premiere des &#8220;Maskenballs&#8221; an der Staatsoper: &#8220;Eine\u00a0<span class=\"Apple-style-span\">glanzvolle, zutiefst werkgerechte musikalische Ausf\u00fchrung&#8221;. Das Wetter an diesem 18. April 1962: Bei m\u00e4\u00dfigen Winden um S\u00fcdost wolkig, nur vereinzelt etwas Regen. H\u00f6chsttemperaturen um 15 Grad, ostw\u00e4rts der Elbe bis nahe 20 Grad ansteigend. Tiefste Nachttemperaturen 5 bis 8 Grad. Sonnenaufgang 5.03 Uhr. Ein Sonnenaufgang, den J\u00f6rgen Schmidtchen, Klaus Brueske und Peter B\u00f6hme nicht mehr sehen. Um diese Zeit werden ihre Leichen in die Pathologie gebracht.<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong><span class=\"Apple-style-span\">&#8220;Tod im April&#8221;, Teil III im &#8220;Journal&#8221;.<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Es ist dunkel geworden. Peter und Wolfgang haben sich den Tag \u00fcber in Potsdam versteckt, nun nehmen sie ein Taxi nach Babelsberg und gehen den Rest des Wegs zum Gleisdreieck zu Fu\u00df. Ist nicht mehr weit, sie lassen sich Zeit. Geredet wird kaum noch, man ist schlie\u00dflich im Feindesland. Sie stolpern \u00fcber aufgelassene Gleise (fr\u00fcher gab es hier eine Verbindung von Potsdam nach Berlin, jetzt f\u00fchrt kein Weg von Ost nach West). Sie sind zu laut. Aber jetzt kann man nichts mehr \u00e4ndern, nun m\u00fcssen sie weiter.<\/p>\n<p>Die Pistolen, die sie in der Kaserne geklaut haben, haben sie aus den Rucks\u00e4cken geholt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1231\" aria-describedby=\"caption-attachment-1231\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1231 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3898-300x220.jpg\" alt=\"IMG_3898\" width=\"300\" height=\"220\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3898-300x220.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3898-600x440.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3898.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1231\" class=\"wp-caption-text\">Zwei Leben, ein paar rote Linien, zwei Tote.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Grenzer J\u00f6rgen Schmidtchen h\u00f6rt Ger\u00e4usche. Er glaubt, dass da Kameraden durch die Dunkelheit tapern. Geht aus seinem Unterstand in Richtung der &#8220;Kollegen&#8221;.<\/p>\n<p>Fehler!<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter urteilt der zust\u00e4ndige Kommandeur: &#8220;Trotz der gr\u00fcndlichen Einweisung der Grenzposten \u00fcber die Lage, insbesondere \u00fcber die Fahndungsma\u00dfnahmen und den Waffenbesitz der Fahnenfl\u00fcchtigen, entsprachen die Handlungen des Postens nicht in jedem Fall der gegebenen Situation. Das beweist seine offene Ann\u00e4herung an die angenommene Kontrollstreife.&#8221;<\/p>\n<p>Die &#8220;Kontrollstreife&#8221; &#8211; es ist Peter B\u00f6hme &#8211; er\u00f6ffnet das Feuer. J\u00f6rgen Schmidtchen wird getroffen und stirbt sofort. Sein Streifen-Partner feuert immer wieder in die Dunkelheit. Er trifft B\u00f6hme. Der f\u00e4llt um, bleibt liegen, r\u00fchrt sich nicht mehr.<\/p>\n<p>Sein Freund Wolfgang entkommt.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag erkl\u00e4rt Wolfgang in der &#8220;Bild&#8221;: &#8220;Es war schrecklich. Aber es gab f\u00fcr uns keine andere Entscheidung. Wir oder sie.&#8221;<\/p>\n<p>Fast zur selben Stunde, als Peter B\u00f6hme und J\u00f6rgen Schmidtchen am Gleisdreieck Griebnitzsee sterben, rast ein Lkw auf der Heinrich-Heine-Stra\u00dfe durch die Grenzsperren. Der Wagen ist mit Sand und Kies beladen, er ist mit 70 Sachen unterwegs. Drei Insassen (sie sind ein wenig angeschickert, haben sich Mut angetrunken) sind an Bord &#8211; eigentlich wollten sie zu siebt fliehen, doch vier Freunde haben im letzten Augenblick kalte F\u00fc\u00dfe bekommen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1230\" aria-describedby=\"caption-attachment-1230\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1230 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3896-300x214.jpg\" alt=\"IMG_3896\" width=\"300\" height=\"214\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3896-300x214.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3896-600x427.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3896.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1230\" class=\"wp-caption-text\">Tod auf den Gleisen, anderer Blickwinkel.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit 70 durch die Schlagb\u00e4ume. Die DDR-Grenzer schie\u00dfen 14 Mal. Das Auto bricht aus. Es schlingert, ist viel zu schnell. Kommt von der Stra\u00dfe ab, rast gegen eine Mauer. Der Sand von der Ladefl\u00e4che wird nach vorn geschleudert.<\/p>\n<p>Stille auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Die Fl\u00fcchtlinge sind verletzt. Von Sch\u00fcssen getroffen. Knochen gebrochen. Zwei kommen ins Urban-Krankenhaus, der dritte stirbt. Es ist Klaus Brueske, der Fahrer. Erstickt. Begraben unter dem Sand von der Ladepritsche.<\/p>\n<p>In der &#8220;Bild&#8221; wird am n\u00e4chsten Tag stehen: &#8220;Sterbend fuhr er sie in die Freiheit&#8221;. Das &#8220;Neue Deutschland&#8221; meldet: &#8220;Am 18. April 1962 wurde ein gewisser Klaus Brueske beim gewaltsamen Grenzdurchbruch, wobei er das Leben von von Angeh\u00f6rigen der Grenzsicherungsorgane aufs \u00e4u\u00dferste gef\u00e4hrdete, erschossen.&#8221;<\/p>\n<p>Klaus Brueske und Peter B\u00f6hme werden still und schnell begraben, ihre Familien d\u00fcrfen nicht zur Beerdigung. J\u00f6rgen Schmidtchen wird in Sch\u00f6nefeld mit milit\u00e4rischen Ehren beigesetzt. Sein Tod macht f\u00fcr die staatlichen Vordenker durchaus einen bitteren Sinn: &#8220;Alle Genossen eifern Dir nach. An Deinem Beispiel werden viele Genossen zu Tapferkeit und Heldenmut erzogen.&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">xxx<\/p>\n<p>Also hatte der 18. April 1962 dann doch eine gro\u00dfe Bedeutung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span class=\"Apple-style-span\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 18. april 2015 Die Schlagzeile des Tages in der Welt: &#8220;Gastarbeiter werden knapp&#8221;. Conny mit &#8220;Zwei kleine Italiener&#8221; weiter auf Rang 1 der Charts. Das &#8220;Neue Deutschland&#8221; urteilt \u00fcber die Verdi-Premiere des &#8220;Maskenballs&#8221; an der Staatsoper: &#8220;Eine\u00a0glanzvolle, zutiefst werkgerechte musikalische Ausf\u00fchrung&#8221;. Das Wetter an diesem 18. 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