{"id":1126,"date":"2015-04-08T19:36:12","date_gmt":"2015-04-08T19:36:12","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1126"},"modified":"2015-04-09T10:06:00","modified_gmt":"2015-04-09T10:06:00","slug":"es-war-einmal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/es-war-einmal\/","title":{"rendered":"ES WAR EINMAL"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>berlin, 8. april 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Mit 73 hat Ursula den Magister geschafft. In Arabistik. Note: 1,7. Respekt! Jetzt g\u00f6nnt sie sich eine kleine Pause, dann geht es weiter mit dem Nachdenken dar\u00fcber, was uns und die Menschen im Nahen und Fernen Osten verbindet. Ursula aus Sch\u00f6neberg will dem Ph\u00e4nomen ein wenig auf den Grund kommen. Das ist kein M\u00e4rchen, echt!<\/strong><\/p>\n<p>Ursula hat sich Kuchen in der B\u00e4ckerei an der Hauptstra\u00dfe besorgt. Tolle Nervennahrung, die kann sie gut brauchen. Die vergangenen Monate waren anstrengend. Die 73-J\u00e4hrige b\u00fcffelte f\u00fcr die letzten Pr\u00fcfungen, sie schrieb ihre entscheidenden Arbeiten, da rief der Sohn an, er brauche ein wenig Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1134\" aria-describedby=\"caption-attachment-1134\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1134 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3607-300x225.jpg\" alt=\"IMG_3607\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3607-300x225.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3607-600x450.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3607.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1134\" class=\"wp-caption-text\">Ursula, frisch gebackener Magister, gro\u00dfe Pl\u00e4ne. FOTOS: BARBARA VOLKMER<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hat sie geholfen und eine Weile auf die Enkel aufgepasst. Ursula hat sich nie um die Pflichten gedr\u00fcckt. Weder im Beruf als Lehrerin an einer Steiner-Schule &#8211; und auch nicht, wenn es um die beiden T\u00f6chter und den Sohn ging.<\/p>\n<p>Nun also Enkel-Betreuung, zur Unzeit. Aber Ursula hat es auf die Reihe bekommen. Den Enkeln geht es pr\u00e4chtig, und den Magister hat sie toll gemeistert.<\/p>\n<p>Jetzt wird sie sich, nach einer kurzen sch\u00f6pferischen Pause, einem Lieblingsthema widmen.: Sie wird M\u00e4rchen aus unserem Kulturkreis mit den M\u00e4rchen aus den L\u00e4ndern ihrer Tr\u00e4ume vergleichen.<\/p>\n<p>&#8220;Ich glaube&#8221;, sagt sie, &#8220;das wird mich intensiv besch\u00e4ftigen.&#8221;<\/p>\n<figure id=\"attachment_1131\" aria-describedby=\"caption-attachment-1131\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1131 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3614-300x227.jpg\" alt=\"IMG_3614\" width=\"300\" height=\"227\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3614-300x227.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3614-600x454.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3614.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1131\" class=\"wp-caption-text\">W\u00f6rter, W\u00f6rter, W\u00f6rter. Und die Geschichten enden nie&#8230;<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Tat, da nimmt sie sich eine unendliche Geschichte vor. M\u00e4rchen faszinieren den homo erectus, seit er in H\u00f6hlen Tiere an die Felsen kritzelte. Und M\u00e4rchen gibt es auch in der IT-4,0-Zeit.<\/p>\n<p>Es war einmal, sagt einer &#8211; und schon ist man im Zuh\u00f6ren gefangen.<\/p>\n<p><em>\u201eEinmal ging ich zur Gro\u00dfmutter: Gro\u00dfmutter, erz\u00e4hl mir ein M\u00e4rchen.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich erz\u00e4hle dir ein M\u00e4rchen. Doch zuerst musst du mir eine Sch\u00fcssel Milch bringen.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich ging zur Kuh\u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p>Dann eine irrwitzige Odyssee. Bis zum Meer fragt sich das Kind durch. Dann endlich ist es bereit f\u00fcr den R\u00fcckweg:<\/p>\n<p><em>\u201eDas Meer gab mir Wind f\u00fcr die Eiche, die Eiche gab mir einen Sack Eicheln f\u00fcr das Schweinchen. Das Schweinchen gab mir Speck f\u00fcr den Schmied, der Schmied gab mir eine scharfe Sense f\u00fcr die Wiese. Die Wiese gab mir einen Tragekorb voll Heu f\u00fcr die Kuh, die Kuh gab mir eine Sch\u00fcssel Milch f\u00fcr die Gro\u00dfmutter.<\/em><\/p>\n<p><em>Und die Gro\u00dfmutter begann mir M\u00e4rchen zu erz\u00e4hlen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>So h\u00f6rt sich das in Frankreich an.<\/p>\n<p><em>\u201e\u2026,so erz\u00e4hle uns von deinen sch\u00f6nen Geschichten, da\u00df wir die Nacht dabei durchwachen, vor Tagesanbruch will ich dir dann Lebewohl sagen, denn ich wei\u00df ja nicht, wie es morgen mit dir enden wird.&#8217; Schehersad fragte den Sultan um Erlaubnis, und als er diese erteilte, ward sie hocherfreut und begann:<\/em><\/p>\n<p><em>Man behauptet, o gl\u00fcckseliger, einsichtsvoller K\u00f6nig, es sei einmal ein reicher, wohlhabender Mann gewesen, der viele G\u00fcter, Sklaven, Bediente, Weiber und Kinder besa\u00df, und in allen L\u00e4ndern Waren und Schulden ausstehen hatte. Dieser bestieg einst sein Tier, nachdem er einen Quersack mit Lebensmitteln, aus Zwieback und mekkanischen Datteln bestehend, gef\u00fcllt, und reiste nach Gottes Willen viele Tage und N\u00e4chte. Gott hatte ihm eine gl\u00fcckliche Reise bestimmt, und er erreichte das erw\u00fcnschte Land, machte seine Gesch\u00e4fte dort ab, und trat die R\u00fcckreise nach seiner Heimat und zu seiner Familie an. Als er am dritten, vierten Tage auf der Reise war, ward ihm sehr hei\u00df\u2026&#8221;<\/em><\/p>\n<p>So h\u00f6rt sich das in der ersten von tausendundeins N\u00e4chten an.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1133\" aria-describedby=\"caption-attachment-1133\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1133 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3617-300x180.jpg\" alt=\"IMG_3617\" width=\"300\" height=\"180\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3617-300x180.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3617-600x359.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3617.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1133\" class=\"wp-caption-text\">Die Karawane zieht weiter. Und die Erz\u00e4hler sind immer dabei.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja, sagt Ursula l\u00e4chelnd. Die M\u00e4rchen, die sie ihren drei Kindern erz\u00e4hlt hat und die heute in Kairo kursieren, sind aus dem gleichen Stoff. Das wird sie jetzt untersuchen in Sch\u00f6neberg.<\/p>\n<p>Nur eines wird sie nicht machen: Sie wird sich nicht mit Texten aus dem Sudan besch\u00e4ftigen. Zu brutal. Nicht freigegeben. Nicht ab 18, und auch sonst nicht.<\/p>\n<p>Das will sie nicht wissen: Wenn es M\u00e4rchen Horror wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 8. april 2015 Mit 73 hat Ursula den Magister geschafft. In Arabistik. Note: 1,7. Respekt! Jetzt g\u00f6nnt sie sich eine kleine Pause, dann geht es weiter mit dem Nachdenken dar\u00fcber, was uns und die Menschen im Nahen und Fernen Osten verbindet. Ursula aus Sch\u00f6neberg will dem Ph\u00e4nomen ein wenig auf den Grund kommen. 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