{"id":1103,"date":"2015-04-02T12:34:34","date_gmt":"2015-04-02T12:34:34","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1103"},"modified":"2015-04-10T18:42:09","modified_gmt":"2015-04-10T18:42:09","slug":"zeitmaschine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/zeitmaschine\/","title":{"rendered":"ZEITMASCHINE"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>berlin, 2. april 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Das Leben des Bernhard Grzimek wird verfilmt. Fast drei Stunden m\u00e4chtig ist das &#8220;Biopic&#8221; geworden, das am Karfreitag um viertel nach acht von der ARD ausgestrahlt wird. Die Macher sind zuversichtlich, dass sie damit sehr viele Zuschauer k\u00f6dern und halten k\u00f6nnen. Sie bedienen die wachsende Lust der Menschen am Vergangenen, das Sich-Zur\u00fcck-Tr\u00e4umen in Zeiten, als es noch keine Handys, kein Google, keine Fu\u00dfball-Millionarios gab. Da roch es noch nach Mottenpulver, Schwul-Sein war b\u00e4hb\u00e4h, und die Wirtschaft barg ihre Wunder. Eigentlich, so m\u00f6chte man meinen, sind diese Zeiten l\u00e4ngst vorbei, lang vergessen. OUT. Aber nun kramen die Fernsehmacher verstaubte Biographien aus &#8211; und viele Menschen finden es fesselnd. Macht uns das nachdenklich?<\/strong><\/p>\n<p>Hauptdarsteller des &#8220;Grzimek&#8221;-Films ist Ulrich Tukur. Der kann gut nachdenken und nimmt nur Rollen an, die er spannend findet. Den Tierfreund Grzimek wollte er unbedingt darstellen. Endlich mal Leben vor der Kamera!<\/p>\n<p>&#8220;Sehr vieles, was wir jetzt im Fernsehen erleben, ist zum Sterben langweilig, abgesichert bis ins Letzte von fantasielosen, \u00e4ngstlichen Redakteuren, totes Zeug.\u201c<\/p>\n<p>Ganz anders die Szenen, die das Leben f\u00fcr diesen Grzimek geschrieben hat. &#8220;Der ist immer live gewesen. Das hat gelebt damals.&#8221; Auch im Fernsehen, in \u201eEin Platz f\u00fcr Tiere\u201c (1956-1987). &#8220;Es ist r\u00fchrend, wie er, wenn es schief lief, versuchte zu retten, was zu retten war. Das ist teilweise zum Schreien komisch, und es ist wunderbar menschlich.&#8221;<\/p>\n<p>Alsdenn, R\u00fcckblick aufs reale Leben in den F\u00fcnfzigern.<\/p>\n<p>Grzimek hat Familie (um die er sich erst k\u00fcmmert, wenn all seine Tiere versorgt sind), hat sich durch die Wirren der Nazizeit geschlagen, hat inmitten von Kriegstr\u00fcmmern den Frankfurter Zoo f\u00fcr die Besucher zu einer Insel ders kleinen Friedens gemacht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1100\" aria-describedby=\"caption-attachment-1100\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1100 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3474-300x164.jpg\" alt=\"IMG_3474\" width=\"300\" height=\"164\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3474-300x164.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3474-600x329.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3474.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1100\" class=\"wp-caption-text\">Auf nach Afrika!<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er ist 40 und er wei\u00df: Jetzt kommt das Beste. Er startet sein gro\u00dfes Afrika-Abenteuer, vorerst, um dort Tiere f\u00fcr den Frankfurter Zoo zu fangen.<\/p>\n<p>Sohn Michael (16) darf ihn begleiten. \u00a01954 reisen die Beiden in den Kongo. Sie sehen die Elephantenjagd und die Gier nach Profit im Elfenbein. Grzimek sch\u00e4umt vor Zorn.<\/p>\n<p>Seine Familie bekommt Zuwachs. Er adoptiert Sohn Thomas. Zeitweilig leben acht Menschenaffen-Kinder im Haushalt. Grzimek findet das fabelhaft. Hilde hat die Arbeit. Fleissig schreibt er B\u00fccher und nimmt seinen Job als Zoodirektor ernst und er seit 1956 hat er eine eigene Fernsehsendung beim HR. \u201e Ein Platz f\u00fcr Tiere\u201c. 175 Folgen insgesamt \u2013immer mit einem Wildtier im Schlepptau.<\/p>\n<p>Mit 48 macht er den Flugschein, auch Sohn Michael lernt fliegen. Sie planen einen gro\u00dfen Film mit kleinem eigenen Budget. &#8220;Kein Platz f\u00fcr wilde Tiere&#8221;. Bundesfilmpreis! Ein Jahr sp\u00e4ter brechen sie auf in die Serengeti.<\/p>\n<p>Mit einem Trick fliegen sie in der eigenen Dornier Do 27 nach Afrika. Erst in die Schweiz und dann weiter von Land zu Land Richtung S\u00fcden, eine Genehmigung h\u00e4tten sie niemals bekommen. Beide brennen f\u00fcr den Tierfilm &#8211; und so wird das ehrgeizige Projekt \u201e Serengeti darf nicht sterben\u201c ohne Wenn und Aber realisiert.<\/p>\n<p>Bei den Dreharbeiten st\u00fcrzt Sohn Michael ab. Der Tod des Sohns st\u00f6\u00dft Bernhard Grzimek in eine tiefe Krise. Depressionen. R\u00fcckzug. Schweigen. Er spricht mit niemandem \u00fcber seinen gro\u00dfen Kummer. Mit gro\u00dfer Disziplin stellt er den Film fertig, der als erster deutscher Film nach dem Krieg tats\u00e4chlich einen Oscar gewinnt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1094\" aria-describedby=\"caption-attachment-1094\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1094 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3440-300x223.jpg\" alt=\"IMG_3440\" width=\"300\" height=\"223\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3440-300x223.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3440-600x445.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3440.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1094\" class=\"wp-caption-text\">Wortreiche Sprachlosigkeit auf dem Grabstein des Sohnes.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Grzimek vergr\u00e4bt sich in Arbeit. 1963 wird er Gr\u00fcndungsmitglied des WWF und lernt seine uneheliche Tochter Monika kennen, mit der er regelm\u00e4\u00dfig bis zu seinem Tod Kontakt h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Er hat immer wieder neue Visionen. Er geht den Pelztr\u00e4gerinnen an den Kragen. Er ist der Erste, der sich gegen das brutale Abschlachten der Robben einsetzt und im Fernsehen einen Film dar\u00fcber zeigt. Er schreibt Gina Lollobrigida einen offenen Brief, sie m\u00f6ge keinen Leopard mehr tragen.<\/p>\n<p>Wie er&#8217;s mit den Menschen h\u00e4lt? Grzimek ist charmant und eloquent, er gl\u00e4nzt bei Verhandlungen, er ist ein eitler Selbstdarsteller &#8211; aber ein verl\u00e4sslicher Freund und Partner ist er nicht.\u00a0Um die Ehe ist es nicht mehr gut bestellt, er l\u00e4sst sich 1973 scheiden.<\/p>\n<p>Und dann dieser Skandal!<\/p>\n<p>Bernhard Grzimek, dieser Typ mit sch\u00fctterem Haar und der Attit\u00fcde eines Edeka-Filialleiters, zieht mit seiner Schwiegertochter zusammen, die er heiratet und deren S\u00f6hne (Michaels S\u00f6hne) er adoptiert.<\/p>\n<p>Am 13. M\u00e4rz 1987 liefert er seine letzte Schlagzeile. Bernhard Grzimek erleidet w\u00e4hrend der Tigernummer im Zirkus Althoff einen Herzanfall, er ist sofort tot. Seine Urne wird neben seinem Sohn am Ngorongoro beigesetzt.<\/p>\n<p>Das war&#8217;s.<\/p>\n<p>Wende. Mauerfall. Internet. Smartphone. Nine-Eleven. Die Welt dreht sich immer schneller &#8211; und der gro\u00dfe Bernhard Grzimek fliegt aus dem Karussell. Vergessen-Werden geht heute rasend flott.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1101\" aria-describedby=\"caption-attachment-1101\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1101 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3492-300x208.jpg\" alt=\"IMG_3492\" width=\"300\" height=\"208\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3492-300x208.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3492-600x417.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3492.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1101\" class=\"wp-caption-text\">Was bleibt!<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch nun investiert die ARD 180 Minuten Film und einen Themenabend in Bernhard Grzimek. Warum nur, 28 Jahre nach dem Tod des Tierfreunds der Nation?, fragt der &#8220;Tagesspiegel&#8221;.<\/p>\n<p>Vielleicht, weil es der Grzimek so mit den Frauen konnte?<\/p>\n<p>K\u00f6nnte sein, mutma\u00dft der &#8220;Tagesspiegel&#8221;. Und freut sich schon einmal auf den Hauptdarsteller: &#8220;<span class=\"Apple-style-span\">Es ist leicht nachvollziehbar, warum die Rolle des Frauenlieblings Grzimek gerade mit Ulrich Tukur besetzt wurde. Doch das Engagement hat eine Schattenseite: Vor lauter Tukur bleibt die Hauptfigur des Films nur verschwommen. Wer an Bernhard Grzimek denkt, h\u00f6rt beinahe automatisch seine n\u00e4selnde Aussprache, die fest mit der professoralen Aura des Tierforschers verbunden ist. Im Film wird hingegen darauf verzichtet, diesen Grzimek-Sound zu imitieren. Die leicht trockene Art der TV-Legende Grzimek wird durch Tukurs warmherzige Ausstrahlung ersetzt. Aber vielleicht musste man das fast drei\u00dfig Jahre nach dem Tod von Grzimek auch genau so spielen.&#8221;<\/span><\/p>\n<p>Warten wir&#8217;s ab. Morgen im Ersten, viertel nach acht: Einsteigen in die Zeitmaschine!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 2. april 2015 Das Leben des Bernhard Grzimek wird verfilmt. Fast drei Stunden m\u00e4chtig ist das &#8220;Biopic&#8221; geworden, das am Karfreitag um viertel nach acht von der ARD ausgestrahlt wird. Die Macher sind zuversichtlich, dass sie damit sehr viele Zuschauer k\u00f6dern und halten k\u00f6nnen. 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