{"id":1089,"date":"2015-04-01T20:55:44","date_gmt":"2015-04-01T20:55:44","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1089"},"modified":"2015-04-09T10:08:15","modified_gmt":"2015-04-09T10:08:15","slug":"wolfes-bruder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wolfes-bruder\/","title":{"rendered":"WOLFES BRUDER"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>berlin, 1. april 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Das &#8220;Erste&#8221; hat sich m\u00e4chtig ins Zeug gelegt, um den Film, der um viertel nach acht am Karfreitag in die deutschen Wohnzimmer geliefert wird, geb\u00fchrend vorab zu loben. &#8220;In der Titelrolle spielt Ulrich Tukur Professor Grzimek beeindruckend facettenreich. Barbara Auer und Katharina Sch\u00fcttler verk\u00f6rpern als Hilde und Erika die beiden pr\u00e4genden Frauen in Grzimeks Leben und gl\u00e4nzen in ihren Rollen. Regisseur Roland Suso Richter feierte mit ,Die Spiegel-Aff\u00e4re&#8217; einen gro\u00dfen Erfolg.&#8221; Soso! Muss ja ein toller Film sein, dieser &#8220;Grzimek&#8221;. Surft auf der Vintage-Welle. Weltkrieg ist klasse, Zonengrenze ist geil, Augstein macht auch was her. Mal schauen, ob der Tier-Heini, der schon fast vergessen war, auch Quote macht&#8230;\u00a0<\/strong><\/p>\n<p class=\"text small\">Zur Vorbereitung auf den Themenabend der ARD ist vielleicht eine kurze Reminiszenz an die Hauptfigur des Films ganz hilfreich.<\/p>\n<p>Gestatten: Bernhard Grzimek.<\/p>\n<p>Veterin\u00e4r und Verhaltensforscher. Zoodirektor und Fernsehmoderator. Natursch\u00fctzer und erster deutscher Oscar-Gewinner nach dem Krieg. Abenteurer. Scherzartikelfan. Frauenheld. Bestseller-Autor.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1093\" aria-describedby=\"caption-attachment-1093\" style=\"width: 201px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1093 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3435-201x300.jpg\" alt=\"IMG_3435\" width=\"201\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3435-201x300.jpg 201w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3435-600x896.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3435.jpg 656w\" sizes=\"auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1093\" class=\"wp-caption-text\">En passant in Hollywood geehrt. F\u00fcr &#8220;Serengeti darf nicht sterben&#8221; hat Grzimek den Oscar bekommen.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Markenzeichen: n\u00e4selnde Stimme, breiter Scheitel und immer ein Tier im Arm. Grzimek &#8211; das ist der aus dem\u00a0Loriot-Sketch &#8220;Die Steinlaus\u201c<\/p>\n<p>Geboren am 24. April 1909 in Nei\u00dfe, Oberschlesien. Bernhard hatte f\u00fcnf Geschwister, machte Abi, seine Mitsch\u00fcler nannten ihn &#8220;Igel&#8221;, weil er auf Igel stand. H\u00fcbsch war er nicht, aber er wusste, wie man&#8217;s mit den M\u00e4dchen macht. Das Heiraten ging er schnell an, mit 21 Jahren, noch w\u00e4hrend des Studiums der Tiermedizin, zog er seine Jugendliebe Hildegard Pr\u00fcfer vors Standesamt.<\/p>\n<p>Er wurde bereits mit 19 Jahren f\u00fcr vollj\u00e4hrig erkl\u00e4rt, denn sein Vater war fr\u00fch verstorben und er musste zum Erhalt der Familie beitragen. So\u00a0jobbte er\u00a0w\u00e4hrend des Studiums in Erkner bei Berlin in einem landwirtschaftlichen Betrieb und Spargelanbau.<\/p>\n<p>Anfang der 1930er Jahre arbeitete er als Sachverst\u00e4ndiger im Preu\u00dfischen Landwirtschaftsministerium. Er war der Experte, der deutsche Eier &#8220;lagerf\u00e4hig&#8221; machen sollte. Ist ja wohl in Vergessenheit geraten, dass Grzimek die Eierstandardisierung und K\u00fchlung eingef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Ja, das war er!<\/p>\n<p>Geschrieben hat er wie getrieben. B\u00fccher \u00fcber Gefl\u00fcgelkrankheiten, die bei Ullstein bis in die Sechziger Jahre verlegt wurden. Beitr\u00e4ge f\u00fcr Zeitschriften.<\/p>\n<p>Er will was werden. Wei\u00df nicht genau, was, aber das bek\u00fcmmert ihn kaum.<\/p>\n<p>Hitler an der Macht, Grzimek macht sein Ding. Nimmt zum \u00c4rger der Nachbarn ein FKK-Sonnenbad im Garten. Er schl\u00e4ft wenig, raucht und liebt S\u00fc\u00dfigkeiten, Frau Hilde hilft bei den Manuskripten. Er liebt Verhaltensforschung bei Tieren, hat zuhause einen Wolf.\u00a0&#8220;Dschingis&#8221; &#8211; mit dem f\u00e4hrt er Strassenbahn, aber der Kumpel muss dann immer kotzen. Trotzdem: Ein zahmer Wolf, wie cool ist das! Den &#8220;Dschingis&#8221; leiht er Leni Riefenstahl f\u00fcr einen Film und bekommt ihn nicht zur\u00fcck. Egal, neue W\u00f6lfe kommen ins Haus, neue Verhaltensforschung wird betrieben. Ula, sein erstes Schimpansenbaby, lebt mit der Familie und muss nachts in den Keller.<\/p>\n<p>Im zweiten Weltkrieg arbeitet Grzimek meist in Berlin als Veterin\u00e4r bei der Wehrmacht, findet heraus, dass Pferde eine Farbwahrnehmung haben. Seine Familie bringt er ins Allg\u00e4u. Er wird eingezogen, verwundet. 1945 stehen die Nazis vor der T\u00fcr, weil er versteckte Juden mit Lebensmitteln versorgt hat.<\/p>\n<p>Und er hat eine Geliebte, mit der er zwei Kinder zeugt (Monika und Cornelius, zu der er sich nicht bekennt und die er erst als Erwachsenen kennenlernt).<\/p>\n<p>Kriegsende.<\/p>\n<p>Grzimek fl\u00fcchtet \u00fcber das Ruhrgebiet nach Frankfurt, wo er den Job als Zoodirektor ergattert. Er l\u00e4sst die kaputten Zoogeb\u00e4ude reparieren und die Bombenkrater einebnen und er\u00f6ffnet schon am 1. Juli 1945. Gaukler, Tiere, Sensationen &#8211; als ob nicht das ganze Land in Schutt und Asche l\u00e4ge. Dem jungen Hans Joachim Kulenkampff verschafft Grzimek einen Job. Die Amis l\u00e4cheln \u00fcber seine Umtriebigkeit. Ein drolliger Direktor ist das. H\u00e4lt in der Dienstwohnung sogar Tiere. Und ist immer dort, wo was los ist. Bernhard Grzimek fotografiert und publiziert.\u00a0Zur Geldbeschaffung f\u00fcr den Zoo f\u00e4llt ihm immer was Neues ein. Fahrgesch\u00e4fte, die im Krieg nicht mehr in Betrieb waren, werden in Betrieb genommen,\u00a0auch einen Kinosaal gibt\u2019s und eine Zoolotterie. Die Besucher str\u00f6men in Scharen.<\/p>\n<p>Aber dieser Grzimek hat so eine Vision: Er will was werden. Wei\u00df noch nicht genau, was. Aber egal&#8230;<\/p>\n<p>Vielleicht schaut er sich mal bei den Schwarzen um.<\/p>\n<p>Als 1951 das Visum eintrifft, das ihn das erste Mal nach Afrika bringen wird, wei\u00df er gar nicht recht, wohin mit der Euphorie. Umarmt in \u00fcbergro\u00dfer Heftigkeit seine Hilde. Schimpansendame Kathrin, die gerade in Hildes Arm sitzt, ist darob so aufgebracht, dass sie ihn bei\u00dft. Also erst mal ins Krankenhaus.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1095\" aria-describedby=\"caption-attachment-1095\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1095 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3432-300x176.jpg\" alt=\"IMG_3432\" width=\"300\" height=\"176\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3432-300x176.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3432-600x352.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_3432.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1095\" class=\"wp-caption-text\">Afrique, mon amour! Ulrich Tujur gibt den Grzimek. Tolle Rolle f\u00fcr einen Schauspieler, denn der Grzimek als Hansdampf in vielen Gassen ist eine ergiebige Vorlage.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber dann:<\/p>\n<p>Afrika!<\/p>\n<p>Der Kontinent, der ihn nie mehr loslassen wird. Dort wird er sich austoben k\u00f6nnen mit seinen Visionen&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>\u00a0Morgen: Geburt, Vergessen &#8211; und Comeback eines Stars<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 1. april 2015 Das &#8220;Erste&#8221; hat sich m\u00e4chtig ins Zeug gelegt, um den Film, der um viertel nach acht am Karfreitag in die deutschen Wohnzimmer geliefert wird, geb\u00fchrend vorab zu loben. &#8220;In der Titelrolle spielt Ulrich Tukur Professor Grzimek beeindruckend facettenreich. 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