{"id":1021,"date":"2015-03-26T15:15:31","date_gmt":"2015-03-26T15:15:31","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=1021"},"modified":"2015-03-26T15:15:31","modified_gmt":"2015-03-26T15:15:31","slug":"weg-damit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/weg-damit\/","title":{"rendered":"WEG DAMIT!"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>berlin, 26. m\u00e4rz 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Beim &#8220;Tr\u00f6del-Trupp&#8221; hei\u00dft es: Hopp oder topp! Entweder schmei\u00dfen die Jungs den Kram auf den M\u00fcll oder sie verschachern ihn meistbietend. Niemand stellt sich ihnen in den Weg, sie schaffen das Zeug einfach aus der Welt. Sie sind die freundlichen Aparatschiks einer ganz neuen rigorosen Wegwerfgesellschaft. Wer sich mit ihrer Philosophie besch\u00e4ftigt, sollte sich warm anziehen.<\/strong><\/p>\n<p>Der Betreiber der Sch\u00f6neberger &#8220;B\u00fccherhalle&#8221; liebt, was er tut. Wenn er die Auslage allsamst\u00e4glich neu dekoriert, tut er das mit Bedacht und Hintersinn. Er wei\u00df, dass er damit vielen Passanten in der kommenden Woche eine kleine Freude des Alltags bereitet. Sie werden vor einem der drei gro\u00dfen Fenster sinnend stehen bleiben und ein Weilchen in der Welt der Buchstaben und Bilder verharren. Sie werden denken und sich erinnern und eine gute Zeit haben.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1032\" aria-describedby=\"caption-attachment-1032\" style=\"width: 195px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1032 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_3319-195x300.jpg\" alt=\"IMG_3319\" width=\"195\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_3319-195x300.jpg 195w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_3319-600x923.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_3319.jpg 637w\" sizes=\"auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1032\" class=\"wp-caption-text\">Alles hatte mal seinen Wert. Alles war mal echt hei\u00dfe Ware. FOTOS: BARBARA VOLKMER<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jetzt steht der Chef der &#8220;B\u00fccherhalle&#8221; hinter seiner Kasse und wiegt einen schweren Band in den H\u00e4nden. &#8220;Das ist ein sch\u00f6nes St\u00fcck&#8221;, sagt er, und der Schalk blitzt im Auge. &#8220;Ars Erotica&#8221; &#8211; die im Auftrag reicher G\u00f6nner und anonymer Verleger Werke der gro\u00dfen Kupferstecher des 18. Jahrhunderts, von denen der Verlag schw\u00e4rmt: &#8220;Sie haben eine weltweite Schar von Liebhabern gefunden, die die Werkes als das sehen, was sie sind und was sie sein wollen: die bildliche Darstellung der Wollust, gesehen durch das Auge des K\u00fcnstlers.&#8221;<\/p>\n<p>Da k\u00f6nnen die Internet-Schmuddler einpacken!<\/p>\n<p>Der Chef der &#8220;B\u00fccherhalle&#8221; stemmt die &#8220;Ars erotica&#8221; und sagt: &#8220;Wissen Sie, das ist ein Trauerspiel. Das Buch hat mal 200 Mark gekostet.&#8221;<\/p>\n<p>Und jetzt?<\/p>\n<p>&#8220;F\u00fcr siebenEurof\u00fcnfzig geh\u00f6rt es Ihnen.&#8221;<\/p>\n<p>Gekauft.<\/p>\n<p>So profitiert in diesem Fall ein Sch\u00f6neberger Erotomane von einem Ph\u00e4nomen, das die Freunde kulturellen Miteinanders mehr und mehr irritiert:<\/p>\n<p>Die Dinge verlieren ihren Wert.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1031\" aria-describedby=\"caption-attachment-1031\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1031 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_3313-300x232.jpg\" alt=\"IMG_3313\" width=\"300\" height=\"232\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_3313-300x232.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_3313-600x463.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_3313.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1031\" class=\"wp-caption-text\">Wenn ein echter Sammler &#8220;brannte&#8221;, gingen die Lichter an.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das hat auch die &#8220;FAZ&#8221; erkannt und macht es an Zahlen fest:<\/p>\n<p>&#8220;M\u00f6gen die Antiquit\u00e4ten vor Jahren auch einmal richtig viel Geld gekostet haben &#8211; wollen die Anleger die guten St\u00fccke von damals heute verkaufen, werden sie h\u00e4ufig nur noch einen Bruchteil des einstigen Preises daf\u00fcr erzielen.&#8221; Ein Sachverst\u00e4ndiger erz\u00e4hlt von der Vita einer Bergischen Aufsatzvitrine,\u00a0die\u00a0vor rund 20 Jahren 30.000 Mark gekostet hat und heute gerade mal ein F\u00fcnftel bringt. Das entspricht einem j\u00e4hrlichen Wertverlust von rund acht Prozent.<\/p>\n<p>In der &#8220;Westdeutschen Allgemeinen Zeitung&#8221; trauert der Autor um den Wertverlust der Briefmarke. Er beschreibt die Leidensgeschichte eines K\u00f6lners, der sein Verm\u00f6gen &#8220;Jahrzehnte lang in Briefmarken und M\u00fcnzen investiert\u201c hatte. Aber: \u201eDer Plan ging schief.&#8221;<\/p>\n<p>Aus mehreren tausend Mark Investition ist seit den 1980er Jahren eine Sammlung entstanden, die sich heute f\u00fcr 20 Euro bei Ebay versteigern l\u00e4sst. &#8220;Es ist nicht un\u00fcblich, dass gerade modernes Briefmarkenmaterial, f\u00fcr das ein Sammler mehrere tausend D-Mark ausgegeben hat, heute nur noch f\u00fcr einen Bruchteil des Anschaffungspreises \u00fcber den Tisch geht&#8221;, wird der Pressesprecher des Verbands der Philatelisten zitiert. Auch M\u00fcnzen sind wenig werthaltig. Eine Sammlung zum urspr\u00fcnglichen Wert von 3000 Euro lie\u00df sich rund 18 Jahre sp\u00e4ter f\u00fcr nur noch 180 Euro verkaufen &#8211; ein j\u00e4hrlicher Wertverlust von rund 14 Prozent.<\/p>\n<p>Werthaltigkeit in der Konsumgesellschaft? Da ist es zappenduster geworden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1028\" aria-describedby=\"caption-attachment-1028\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1028 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_3330-225x300.jpg\" alt=\"IMG_3330\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_3330-225x300.jpg 225w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_3330-600x800.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_3330.jpg 735w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1028\" class=\"wp-caption-text\">Da glommen die Siebziger Jahre auf, das Herz wurde warm. Jugentr\u00e4ume, am Leben erhalten&#8230;<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es die Ausnahmen. Zum Beispiel das hundertj\u00e4hrige Licht der kalifornischen Kleinstadt Livermore mit der am l\u00e4ngsten brennenden Gl\u00fchlampe der Welt. Die brennt seit Juni 1901). 114 Jahre! Mehr als eine Million Betriebsstunden!\u00a0In dieser Zeit machen 60\u00a0Handys, 20 Flachbildschirme, 25 Autos und zehn Waschmaschinen die Biege.<\/p>\n<p>Solche Zahlen kommuniziert eine Studie des Bundesumweltamtes \u00fcber die &#8220;Erstnutzungsdauer&#8221; von Elektronikprodukten. Der Kunde kauft und wirft weg, kauft und wirft weg, kauft und wirft weg. Er will immer das Neueste, Bunteste, Teuerste.<\/p>\n<p>Weg geschmissen wird auch, was noch funktioniert. 60 Prozent der Flachbildschirme landen auf dem M\u00fcll, obwohl sie noch wunderbare Bilder liefern. Aber sie sind nun mal nicht mehr der dernier cri.<\/p>\n<p>Und dann ist da die Sache mit der geplanten Oboleszenz:<\/p>\n<p>Die Lebensdauer eines Produkts wird k\u00fcnstlich begrenzt. Der Kunde muss kaufen, weil er keine andere Wahl hat, es sei denn, der Konsumverzicht ist f\u00fcr ihn eine Alternative.<\/p>\n<p>Und Verbrauch soll schon sein. So hat denn alles und jeder seine Berechtigung: die Erfinder des St\u00e4ndig Neuen, die Verk\u00e4ufer des letzten Schreis, die Entwickler der Sollbruchstellen und die Entsorger aus dem &#8220;Tr\u00f6del-Trupp&#8221;.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1029\" aria-describedby=\"caption-attachment-1029\" style=\"width: 226px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1029 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_3323-226x300.jpg\" alt=\"IMG_3323\" width=\"226\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_3323-226x300.jpg 226w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_3323-600x796.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/IMG_3323.jpg 739w\" sizes=\"auto, (max-width: 226px) 100vw, 226px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1029\" class=\"wp-caption-text\">Da wurde Blech zum Liebhaber-St\u00fcck. Doch die Zeiten \u00e4ndern sich. Der Tr\u00f6del wird einfach abserviert.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sogar die Warner in der Wegwerf-W\u00fcste kommen zu Geh\u00f6r. Erik Poppe schreibt 2014 in &#8220;Reparaturpolitik in Deutschland. Zwischen Produktverschlei\u00df und Ersatzteilnot&#8221;: &#8220;In Hinblick auf die strukturelle Entwicklung zeigt sich ein schrumpfender Reparaturmarkt, steigende\u00a0technische und wirtschaftliche Anforderung an die Reparatur von insbesondere Elektronikartikeln sowie eine Verk\u00fcrzung der Nutzungsdauer durch funktionelle und psychologische Obsoleszenzen. Das Ergebnis ist ein nachlassendes Reparaturinteresse seitens der Verbraucher, welches mit einer erh\u00f6hten Wegwerfneigung einhergeht. Die Wegwerfkultur bleibt gesellschaftspolitisch jedoch nicht folgenlos.&#8221;<\/p>\n<p>Ja, genau, murmeln die Tr\u00f6dler der Nation. Genauso, wie der Poppe das sieht, ist es. Ein ganzes Buch hat er dr\u00fcber geschrieben. Respekt! Ab damit in den Container &#8211; da ist noch Platz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 26. m\u00e4rz 2015 Beim &#8220;Tr\u00f6del-Trupp&#8221; hei\u00dft es: Hopp oder topp! Entweder schmei\u00dfen die Jungs den Kram auf den M\u00fcll oder sie verschachern ihn meistbietend. Niemand stellt sich ihnen in den Weg, sie schaffen das Zeug einfach aus der Welt. Sie sind die freundlichen Aparatschiks einer ganz neuen rigorosen Wegwerfgesellschaft. 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