FÜNF VOR ZWÖLF

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berlin, 5. januar 2015   In der Französischen Straße zu Berlin hängt über einer hohen Tür ein Display mit einer tollwütig metastasierenden Zahl. Sie beginnt mit einer „2“ – das sind die Billionen. Daran reiht sich ein Rattenschwanz weiterer Posten. Die vorderen scheinen konstant zu sein, in den hinteren Regionen geht es wüst zu. Die letzten Zahlen rennen so schnell, dass ein menschliches Auge sie nicht mehr auseinander halten kann. Das sind die Tausender.

Die Leute vom Bund der Steuerzahler haben sich die Installation ausgedacht. Zwei Billionen und ein paar Zerdrückte, Tendenz ungebremst himmelwärts – das ist der aktuelle Stand der Staatsverschuldung.

Berliner hasten unter dem Display durch und haben keinen Blick mehr dafür. Touristen bleiben stehen und kommen ins Grübeln. Ein Kamerateam filmt, zieht wieder ab.

Und die Zahl rennt und rennt und rennt.

Sie wird nicht eine Zehntelsekunde inne halten. Ob da kluge Köpfe irre werden oder hohle Selbstdarsteller nichts begreifen, ob die Hertha verliert oder ein Jesus-Nachfolger zur Welt kommt, ob die Millionäre Schampus spritzen oder die Bürger sich sicher wähnen oder die Menschen am Rand der Gesellschaft vor die Hunde gehen – die Zahl lässt sich nicht stoppen.

Staatsverschuldung – das klingt harmlos. Zwei Billionen – das kann sich doch niemand so recht vorstellen. Der Schlagersänger Howard Carpendale war mal beim Fernseh-Mann Markus Lanz in dessen Talkshow eingeladen und versuchte, seine Überforderung angesichts dieser Zahlen zu demonstrieren: er zog einen Hundert-Euro-Schein aus der Jacke, wedelte damit in Richtung Publikum und sagte, wenn man diese Scheine zur Höhe des Eiffelturms aufstaple, dann habe man die Billionenschulden im Bild (übrigens: Hätte Carpendale das Ganze mit Fünf-Euro-Scheinen durchgespielt, hätte er einen Turm von 100000 Kilometern „gebaut“).

Dann meinte er, das übersteige doch die Einbildungskraft eines Menschen, der um seine Existenz kämpfe. Und davon gebe es im Land verdammt viele.

Er hat Recht. Mit den Euro-Billionen sind wir überfordert. Sind wir es nicht auch mit den Menschen, von denen Carpendale sprach. Er sagte, sie würden „um ihre Existenz kämpfen“. In der Statistik werden sie kurz und eingängig als „arm“ eingestuft.

In Deutschland gilt als arm, wer nicht viel mehr als die Hälfte des Durchschnittseinkommens einer Bevölkerungsgruppe zur Verfügung hat. Es wird auch unterschieden zwischen einem „Armutsrisiko“ (auch „milde Armut“ genannt), das bei 60 Prozent des Durchschnittseinkommens angesetzt wird, der eigentlichen Armutsgrenze, die mit 50 Prozent definiert wird, und einer „strengen Armut“, die bei 40 Prozent des Durchschnittseinkommens angesetzt wird.

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Das Schmuddel-Image werden die Jobcenter im Lande (hier der Behördeneingang im berlinischen Neukölln) nur schwer los. FOTOS: BARBARA VOLKMER

 

Es gibt auch eine andere Faustregel. Wer weniger als 940 Euro monatlich zur Verfügung hat, ist in Deutschland „armutsgefährdet“ – das ist momentan jeder Sechste in der Republik. Betroffen sind vor allem die jungen Leute zwischen 19 und 25 Jahren: Jeder Vierte muss gegen seine Armut anleben.

Die Zahl rennt und macht das Land ärmer und ärmer.

Ein altes Ehepaar bleibt stehen und betrachtet das Display. Die Beiden versuchen zu verstehen. Der Mann nimmt die Brille von der Nase, putzt sie, setzt sie wieder auf. Seine Frau sieht ihn an, henkelt sich bei ihm ein.

„Lass‘ uns gehen“, sagt sie. Sie hat eigentlich ein schönes Gesicht. Sie hatte sich darauf eingestellt, dieses Berlin zu genießen. Unter den Linden, die Museen, eine Glitzer-Revue im Friedrichstadt-Palast, das üppige Frühstücksbuffet im Hotel.

Und jetzt denkt sie an dieses Billionen-Monster. Das Gesicht ist nicht mehr schön, sondern von Angst entgleist.

Er blickt noch einmal aufs Display; auf die Zahl, die kein Verschnaufen kennt. „Ja“, sagt er, „gehen wir.“ Und dann:

„Wahnsinn!“

Es gibt eine Graphik vom Statistischen Bundesamt. Da schieben sich Säulen übers Papier, die anzeigen, wie viele Personen im jeweiligen Bundesland auf „soziale Mindestsicherungsleistungen“ angewiesen sind. Im Klartext: Diese Menschen sind arm oder gerade dabei, arm zu werden.

In Bayern kommen da fünf auf hundert. In Berlin sind es mehr 20 Prozent.

Jeder Fünfte in der Hauptstadt ist also arm.

Und jeder Arme hat klein angefangen.

Jeder Arme hört auch klein auf. Sehr klein manchmal.

So etwa wie Uwe aus der Flughafenstraße in Neukölln.

Uwes Geschichte morgen im „Journal“: Ende eines Lebens.