TU-TZING

TANZ DER VIREN II, Folge 86

Geht immer weiter, sagt man, das Leben. Gut, lassen wir das mal so stehen. Geht immer weiter.

Ende April. Indonesisches U-Boot ist spurlos verschwunden, wahrscheinlich hat es die 53 Männer an Bord schon zerrissen oder sie sind gerade am Ersticken. In Indien röcheln Hunderttausende und bekommen keine Hilfe, dann werden sie eben an der Großen Krankheit verrecken. Am Mount Everest hat die Saison begonnen, soviele Verrückte wie in diesem Jahr wollten noch nie auf den höchsten Berg der Erde, ein paar haben doch wirklich die Große Krankheit und müssen in Kathmandu in die Klinik. Der FC Bayern München wird wieder Deutscher Meister. In Frankreich ist eine Polizistin im Dienst erschossen worden. Deutsche Schauspieler sind unzufrieden und haben sich in Satire versucht, es war ein klägliches Unterfangen, auf einmal missrät alles zu einem großen Skandal. Endlich scheint an diesem Wochenende die Sonne, die Menschen gehen kurzärmlig aus dem Haus, sie haben fahle Haut und Angst. Die Bundeskanzlerin sagt, dass es richtig ist, dass die Menschen nach zehn Uhr abends nicht mehr aus dem Haus dürfen…

Große Krankheit, immer mehr, immer weiter. Klima kaputt, Katastrophe, die nächste.

Die Queen hat Geburtstag gehabt, aber sie hat nicht recht feiern können, weil ihr Mann vor ein paar Tagen gestorben ist.

Geht immer weiter, das Leben.

Unsere Vier aus der Irrenanstalt empfinden das ein bisschen anders. Bei ihnen steht das Leben still. Das kann man so und so sehen.

Lina hat Mitleid mit den Menschen jenseits der Geschlossenen. Jeremy, in seinem Zorn, freut sich übers Scheitern der „Normalen“. Josef, sozusagen ein „Neuer“ in der Klapse, versucht zu begreifen, was sich tut, herinnen und draußen. Er hofft, dass ihm dabei der Franz hilft.

Der ist ein verdienter Insasse der Station und hat einmal im Monat Ausgang. Da fährt er – ein wenig Taschengeld im Sack – mit der S-Bahn in die Stadt, ist ja nur eine kleine Flucht aus der Klapse, danach kommt er auch gerne wieder nach Hause und lässt sich einsperren. Ist besser so.

Jetzt will der Josef wissen, wie es war unter den normalen Menschen.

JOSEF: Wie war es, da, in der Stadt?

FRANZ: Frag‘ halt nicht.

JEREMY: Klar fragt er. Wir hocken hier drin, und Du darfst raus. Jetzt musst auch erzählen.

LINA: Muss er nicht. Aber schön wär’s schon. Eine Abwechslung halt.

FRANZ (seufzt geschmeichelt): Weilst es Du bist, Lina. Also: So eigentlich war ich gar nicht in der Stadt.

Jetzt merken die anderen Drei auf.

LINA: Nicht? Wie das?

FRANZ: Ich nehme die S-Bahn, wie immer. Steige am Isartor aus, wie immer. Als ich so losgehe, fällt mir ein, dass ich nicht weiß, wohin ich soll. Normal gehe ich zum „Schneider“ im Tal, da trinke ich ein Alkoholfreies – und dann mache ich irgendwas in der Stadt.

Aber der „Schneider“ hat nicht auf, da kleben an der Tür Zeichnungen vom Minister Scholz, der uns beschissen hat, jedenfalls steht das auf den Zeichnungen. Ist ja ganz schön, aber nützt mir nichts: Beim „Schneider“ ist zu.

JEREMY: Und? Was?

FRANZ: Viel nachgedacht habe ich nicht. Es war zehn, was hätt‘ ich jetzt mit den zehn Stunden machen sollen? Eigentlich wollte ich gleich zurück nach Haar, dann bin ich aber in die S-Bahn nach Tutzing.

LINA: Tutzing? Warum Tutzing?

FRANZ: Weiß nicht. Vielleicht, weil ich den See mag. Vielleicht, weil es im Süden ist. Vielleicht war es die erste S-Bahn, die gekommen ist. Weiß nicht, warum.

LINA: Und? Wie war’s in Tutzing?

FRANZ (er ist ein Schelm, jetzt hat er was zum Lächeln): Weiß nicht. War ja nicht in Tutzing.

Hä?

© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT