STILLGEHALTEN

„2017”*, Folge 87, 13. Dezember. “Durchs Land”/XXVIII

 

Zeutsch. Dass er auch noch kochen kann, findet sie bemerkenswert. Ihr Ex hat nicht einmal gern gegessen. Der hat sich dreimal am Tag gesättigt, dazu das Bier – mehr war da nicht.

Und jetzt einer wie Hans Krohn! Der steht ganz selbstverständlich an der Arbeitsplatte, schnippelt und schält, mixt und kocht und köchelt, er hat Spaß daran.

Sie sitzt in ihrer Küche, sieht dem fremden Mann zu und wird ganz wuschig.

Es gibt was Italienisches, das macht nicht viel Mühe. Er gießt den Barolo behutsam ein, nicht randvoll, er hat Manieren.

“Das seiner wie Du solo ist – ich kann das gar nicht glauben.”

Ach, sagt er, er habe so viele Marotten, er sei ganz gerne für sich. Es habe irgendwie nie gepasst mit den festen Beziehungen. Und die Ehe habe ihn gänzlich verdorben.

“Schade.”

Er ringelt ein Nudel-Nest auf den Teller, hebt eine Filetscheibe drauf, zeichnet mit leichter Hand einen Soßenspiegel, drapiert mit dem al-dente-Gemüse. Er serviert.

Sie küssen sich – und das Essen wird kalt.

Schmeckt hernach auch so.

 

Später sind sie satt und haben sich fürs Erste beruhigt. Sie sind umgezogen in ihr Schlafzimmer, lieben sich vorsichtig und ohne Hast. Danach trinken sie einen Schluck (bei ihr macht ihm der Alkohol keine Angst, er ist beschwingt, wird sich aber nicht betrinken), liegen kreuz und quer auf dem Bett.

Er hat den Kopf in ihrem Schoß, er ist ohne Furcht, denkt nicht an gestern und morgen. Sie streicht ihm über die Haare wie einem Kind.

“Du bist ein seltsamer Mensch.”

Wie sie das meine?

“So eine gescheiter Kerl. Aber Du machst nichts aus Dir.”

Halt mal! Er habe Preise gewonnen. Sei mal ein bekannter Fotograf gewesen, er habe…

“Jaja, hast Du ja erzählt. Aber dann hast Du Dir alles selbst kaputt gemacht. Warum hast Du nicht mehr aus der Zeit nach Laasdorf gemacht?”

Es habe ihn gelangweilt. Immer wieder wollte man von ihm die Fotos aus dieser untergehenden DDR sehen wollen. Eine Reportage aus einem Edelpuff in Leipzig. Fotos aus der Leichtathletik-Doping-Schmiede in Zinnowitz. Ein Mauermarsch von der Ostsee bis nach Tschechien. Alleen-Schönheiten in der Mark. Nackte Ossi-Tussis für den “Playboy”…

Es wurde zuviel. Er schloss mit der DDR ab.

“Das war ein Fehler”, sagt die Wirtin. “Du hättest noch viel Kohle verdienen können. Oder?”

Ja.

“Bist Du sicher, dass Du abgeschlossen hast? Oder biste nur weg gelaufen?”

Seltsam, dass sie das fragt. Auf der Brücke von Laasdorf ist ihm durch den Kopf gegangen, dass er damals versagt hat. Er hat sich erinnert, dass er zum Beispiel nichts aus seinem Münchner Archivfund gemacht hat.

In der Staatsbibliothek ist er auf den Text gestoßen.

“Aus dem Tagebuch des Rittmeisters von Colomb –  Streifzüge 1813 und 1814“, heißt das Buch, herausgegeben 1854 zu Berlin bei Mittler und Sohn.

Für den 22 Mai 1813 beschreibt der Autor seinen kleinen Kriegszugs-Knockout gegen den Feind in Laasdorf.

Gegen sieben Uhr zeigte sich, hinter dem Dorfe Laasdorf hervorkommend, die Avantgarde, die zwischen zwei- und dreihundert Pferde stark war, dieser folgten Maultiere mit großen Decken und mehrere Mamelucken.

Dann kam eine Reihe von Wagen, vor und neben welchen Infanterie marschierte, die ich auf ein Bataillon schätzte.

Für den Augenblick war also nichts zu tun, doch da die Chaussee nicht fern von diesem Punkt in eine tiefe Schlucht und dann in die engen Straßen des Städtchens Roda führt, so konnte angenommen warden, dass, wenn die Avantgarde und ein Teil der Wagen in den engen Gassen steckten, man vom Ende der Kolonne her etwas wegfischen könne.

Nachdem etwa 60 Wagen vorbei waren, trennte ich die Kolonne, und die, welche sich vor uns befanden, hielten, während die anderen fortfuhren und wegen der Biegung der Straße um eine Höhe bald nicht mehr gesehen warden konnten.

Nun schien der rechte Augenblick gekommen. Ich schickte Leopold von Katte mit 30 Pferden links durch den Wald, mit dem Auftrag, zu tun, was die Umstände erheischten oder zuließen. Denn da das Ende der Kolonne nicht zu sehen war, konnte ich ihm keinen bestimmten Befehl geben.

Zugleich hielt ich auf einem Seitenweg von der Höhe hinunter der Mühle zu, fand aber die Furt ganz anders, als ich sie erwartet hatte. Man konnte nur einzeln durch reiten und musste auf einem Steig für das Vieh, zwischen zwei Bäumen hindurch, das steile Ufer ersteigen.

Ich ritt hinauf und befand mich kaum 300 Schritt von der Straße, zwischen der und mir ein schmaler Streifen Wiese und außerdem Acker lag. Ich ließ den Säbel einstecken und einzeln heraufreiten.

Der Feind schien uns nicht zu beachten, dann wurde er doch aufmerksam.

Nun war nichts übrig, als mit dem, was oben war, vorzugehen, doch kaum waren wir einige Schritte in die Wiese hinein gegangen, als die Pferde bis an die Kniee einsanken, sodass wir nur langsam hindurch kommen konnten. Zuerst sah uns die feindliche Infanterie verwundert an und schien ungewiss, ob wir Feind oder Freund wären, ergriff aber bald die zusammengesetzten Gewehre.

Gleichzeitig hatten wir festen Boden gewonnen. Das Kommando “Gewehr auf! Marsch! Marsch!” – und im schnellsten Lauf drauf, das war die Sache weniger Augenblicke.

Die Baskets hatten mich erkennen lassen, dass wir Rheinbündner, Württemberger oder Bayern vor uns hatten. Ich rief ihnen zu “Werft die Gewehre weg, und Ihr sollt alle Pardon haben” – und wie auf ein Kommando legten 54 Mann die Gewehre nieder, ohne einen Schuss zu tun.

Ein Beweis, wie Überraschung wirkt.

 

Er sieht die Wirtin an.

“Ich hätte wirklich mehr aus dem machen sollen, was ich hier erlebt habe.”

Die Hexenverfolgungen. Der Dreißigjährige Krieg. Goethe und Schiller in der Nachbarschaft. Napoleon. Zeiss. Krieg I und Krieg II. Die Bomben 1945. Die grauen 40 Jahre.

Deutschland. Laasdorf. Und er, Hans Krohn, am Auslöser.

Er hat nicht abgedrückt.

Wie so oft:

Keine Courage! Feigheit vor sich selbst.

 

“Das stimmt nicht”, sagt die Wirtin und räkelt sich. “Du bist nicht feig.”

Jetzt ist es an ihm. Ran an die Frau!

 

xxx

 

Wenn er ihm wenigstens mal eine Watschn verpasst hätte! Er hätte ihn auch anbrüllen dürfen, das wäre okay gewesen.

Doch Sebastian Krohn tat’s nicht. Er ließ seinen Sohn in Ruhe.

Vor dem privaten Sebastian Krohn hatten sie Bammel – obwohl er sich doch nicht im Ton vergriff. Er war von einem leisen Zorn. Er beobachtete die Menschen und wartete, bis sie schutzlos waren. Dann sagte er ihnen Dinge, die weh taten.

Darin war er ein Großer.

Seine Frau hielt still. Sie schrieb seine wichtigen Briefe ins Reine, sie kümmerte sich um den Haushalt, regelte die Geschäfte mit Handwerkern und Steuerprüfern. Sie erfand Ausreden, wenn er zu sehr gesoffen hatte (und das geschah immer öfter). Sie war charmant, lebenstüchtig und immer freundlich. Sie war die perfekte Familie.

Ansonsten hielt sie still.

Krohn senior wäre verloren gewesen ohne seine Frau. Er musste sie besitzen. Kein Fitzelchen von ihr rückte er raus.

Einmal lernte sie beim Skifahren eine gleichaltrige Frau kennen. Agnes. Auch Mutter, auch lebenszugewandt, auch ohne Laster. Geschieden. Der Lebensgefährte: ein Arschloch.

Eine neue Freundin. Die erste Freundin seit Jahrzehnten.

Eve blühte auf.

Sie ging mit Agnes ins Kino, sie besuchten Konzerte, fuhren nach München zum Einkaufsbummel. Einmal kam Eve sogar mit einem Schwips vom Italiener zurück.

Sebastian Krohn platzte der Kragen, als Agnes ihrer Freundin ein Hermès-Tuch schenkte. Es war das erste Mal, das Hans seinen Vater erlebte, wie der brüllte.

“Was heißt da, Du hast Geburtstag? Die Frau hat Dir nichts zu schenken. Das tue ich – und kein Anderer. Verstehst Du?”

Er riss seiner Frau das Tuch – es war in pastellzarten Rosatönen gehalten und kleidete Eve allerliebst – aus den Händen und versuchte es zu fleddern. Es gelang nicht so recht, das Textil hielt stand. Er knüllte es zusammen und schmiss es in den Müllkübel in der Küche.

“Das passiert in meinem Haus nie wieder”, schrie Sebastian Krohn und hatte ein ungesund-bläuliches Gesicht.

“Nie wieder.”

Agnes war von diesem Tag an persona non grata.

Und Frau Krohn hielt wieder einmal still..

 

*“2017“ beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der „Heimat“.