MUTTER

„2017”*, Folge 88, 14. Dezember. “Durchs Land”/XXIX

 

Dornburg. Manchmal hilft nur Flucht. Es ist schön gewesen, mit der Wirtin. Sie hatte kleine Wirbel im kurzen Haar. Sommersprossen auf den Brüsten.

Wenn sie erregt wurde, hat sie mit den Fingern seine Ohrläppchen gerubbelt.

Das war wirklich sehr hilfreich.

Geborgenheit. Neben ihr einschlafen, in tiefer Nacht aufwachen, nach ihrem Körper tasten, beruhigt wieder in die Nacht sinken. Reden. Zuhören. Sorgen tauschen. Sich fallen lassen. Vertrauen. Unvermittelt lächeln. Den Morgen mögen.

Er war erschrocken über seine Verletztheit, die er so lange ertragen hat.

Da hat er schnell das Bündel geschnürt und sich aus dem Staub gemacht.

Düstere, nasse Straße. Jedes Auto ein Feind. Ein Himmel, der nicht in den Tag fand.

Zweifel. Kleine Verzweiflung. Kilometerweise wuchs die Entfernung zum geschützten Raum.

Er ist weiter gegangen. Durch und durch klamm ist er gewesen.

Nun hat er den Marsch für heute hinter sich. Im Zimmer trocknen die Wandersachen, Krohn spricht mit einem neuen Bekannten, der lange Haare hat und sehr leise redet. Der nicht will, dass ein Dritter hört, was da beredet wird.

Der Mann hat Angst. Er hat in Krohn einen Fremden ausgemacht, der vielleicht helfen kann. Ob er Kontakt zu Zeitungsleuten habe?

Krohn nickt.

“Dann habe ich eine Geschichte für Dich. Warte, ich hole die Sachen. Bin gleich wieder da.”

Er verschwindet und stiehlt sich eine Viertelstunde später wieder in den Gastraum. Schiebt ein Bündel Kopien über den Tisch.

“Du wirst sehen, was ich meine. Es ist ein Skandal, aber keiner will drüber reden. Übrigens, wenn Du was nicht verstehst, frag’ mich. Achja: “TV”, das ist die Abkürzung für Tatverdächtiger.”

 

„Der TV 02 trat zweimal gegen die Gittertür des Besucherzugangs zum RK…“

„Tschuldigung“, sagt Krohn und deutet auf das Kürzel. „RK – das heißt…“

„Revierkommissariat“, erklärt der Langhaarige.

„…wodurch der Schließmechanismus beschädigt wurde. Nun begab sich der TV 01 zum Eingang des Besucherbereiches und forderte über die Gegensprechanlage weiterhin seinen Führerschein.

Bei der folgenden langwierigen Rücksprache der Beamten mit dem erregten und wütenden TV 01 in der Dienststelle bedrohte er verbal die Polizeibeamten mit dem Tode und äußerte Drohungen zum Nachteil ihrer Angehörigen. Aufgrund der polizeilichen Erfahrungen mit dem TV 01 und dessen Familie ist von einer Ernsthaftigkeit der getätigten Äußerungen auszugehen.

Wörtlich drohte der Syrer den Beamten:

,Wenn ich  meinen Führerschein nicht wieder bekomme, kann hier keiner mehr nachts ruhig schlafen. Sperrt mich doch ein, ich habe nichts zu verlieren. Ich jage jedem einzelnen von euch Bullen eine Kugel in den Kopf. Euch treffe ich privat! Ich mache euch das Leben zur Hölle. Dann bin ich eben der Cop-Killer. Ich hole alle meine Leute zusammen. Ihr habt mein Leben gefickt, jetzt machen wir euch fertig.‘

Der Syrer zeigte in die Richtung der Beamten und sagte weiterhin:

,Euch alle mache ich fertig. Ich merke mir eure Gesichter. Der Kollege, welcher mir meinen Führerschein genommen hat und mir über den Fuß gefahren ist, bekommt eine Kugel. Ich zerstöre sein Leben. Ich weiß ganz genau, wo er wohnt. Seine Frau laß ich ficken, jeden Tag von meinen Leuten. Der wird in seinem Leben nicht mehr froh. Die Tochter schicke ich auf den Strich anschaffen. Ich kill den! Ich nehme eine Kugel und knall den ab.‘“

Woher er das Protokoll habe, will Krohn von seinem neuen Bekannten wissen.

Das habe die Polizei über die lokale Zeitung an die Öffentlichkeit gespielt.

„Warte, da habe ich noch was. Hier:“

Er fischt einen Artikel aus dem Material. Da steht in der „Mitteldeutschen Zeitung“:

„Wohlgemerkt: Trotz alledem gab es keine Festnahme und die Migrantentruppe marschierte unbehelligt wieder nach Hause. Es grenzt an ein Wunder, dass der Syrer den Führschein nicht zurückbekommen hat. Dieser Vorfall dokumentiert eindrucksvoll die Zukunft Deutschlands mit wachsenden muslimischen Konträrgesellschaften, die das Gewaltmonopol des Staates infrage stellen.“

 

Und? Was ist aus der Geschichte geworden?

Nichts Konkretes. Aber die Syrer können sich in den umliegenden Gemeinden nicht mehr blicken lassen. Im Sommer noch seien sie mit ihren Kindern auf dem Spielplatz gewesen, hätten dort Picknick gemacht und seien ausgesprochen freundlich gewesen. Jetzt wolle man sie nicht mehr sehen, dort nicht und in den Geschäften nicht und in der Wirtschaft erst recht nicht.

„Und was soll ich jetzt tun?“

„Weiß ich auch nicht. Steck es doch einfach ein und nimm es mit. Du gehst doch nach Berlin. Vielleicht gibt es da wen, der sich kümmern will.“

Krohn nimmt die Papiere an sich. Er trinkt den Kaffee aus und geht aufs Zimmer. Es riecht nach verschwitzter Wäsche, ein Handtuch riecht nach dem Parfum der Wirtin. Krohn ist niedergeschlagen und wird miserabel schlafen.

Die Papiere wird er am nächsten Morgen auf dem Resopaltisch vergessen.

 

xxx

 

Traum in Fetzen.

Hans auf der Landstraße bei Jena, Schneeregen, eine Horde Lastwagen, die ihn verfolgen. Aus einem Führerhaus lacht der Vater, dahinter folgt ein LKW mit der Ex am Steuer. Ein alter Magirus wird von der Wirtin gelenkt, sie ist nackt und lüstern.

Der nächste Laster gehört dem Rittmeister von Colomb. Den hat der Feind erwischt, er blutet aus einem Schmiss. Der Stasi-Mann aus Laasdorf mit seinem Kampfhund überholt im Wartburg und fotografiert den Wanderer Hans Krohn.

Dann ist da noch die Mutter. Sie lacht und wirft Kusshände. Auf der Ladefläche eines Tatra steht ein Dackel und bellt.

 

Hans wacht schweißnass auf.

Es war ein Tatra 111. Das hat die Mutter auch 50 Jahre nach der Flucht noch gewusst. Da hat sie ihm die Geschichte erzählt. Der Sohn trank Wein, sie hatte sich einen Tee aufgebrüht und aß Buttergebäck. Sie waren beim Skifahren gewesen, die Mutter hatte immer noch rote Wangen und wollte die Geschichte endlich einmal erzählen.

Riesengebirge. Eve war ein fröhliches Mädchen mit frechen Zöpfen. Immer draußen, oft mit dem Opa auf Skiern unterwegs. Sie hat die Winter genossen. Dann hatte die Oma die Baude voll mit Berlinern in der Winterfrische. Eve durfte gratis mit dem primitiven Schlepplift fahren, sie war ein sportliches Mädchen.

Die Berliner kamen regelmäßig, sie brachten aus der großen Stadt für die Wirtstochter kleine Aufmerksamkeiten mit, abends machten sie sich zünftig, mit Gitarre, Akkordeon, Singen und Saufen. Eve hielt sich hinter dem Kachelofen hübsch still und sah ganz genau zu. Tagsüber half sie den Gästen beim Anlegen der Skiern oder führte sie zum Rodeln.

Die Familie hatte alles, was man sich so wünschen mag. Es war eine große Baude, die gutes Geld brachte. Sie hatten Knechte für die Landwirtschaft und Gesinde für die Gastronomie. Um Eve kümmerte sich ein Kindermädchen.

Der Krieg schien ganz weit weg. Man mochte gar nicht glauben, was die Gäste aus Berlin berichteten. Nur der Opa war eines Tages nicht mehr im Haus, den hatte der Hitler geholt.

 

Dann war der Krieg zu Ende.

 

Und die Oma musste alle Wichtigkeiten auf einen Tatra 111 laden, der sie und die Kinder und die Schränke und den Schmuck hinunter nach Trautenau bringen sollte.

Eve bettelte, man möge “Heiner”, den Dackel mitnehmen. Geht nicht, entschied die Oma, und der Lastwagen setzte sich langsam in Bewegung. “Heiner” rannte hinterher. Rannte und sauste und wetzte auf seinen stummeligen Läufen. Überschlug sich fast. Bellte, bellte, bellte. Wurde heiser, wurde langsamer. Fast bis nach Petzer hielt er mit, dann kollerte er über die eigenen Pfoten und blieb liegen.

“Heiner” bellte nun nicht mehr. Er jaulte – das hörte Eve noch, als sie durch Petzer fuhren.

Sie tunkte das Buttergebäck in den Tee – es war nun in der Tat 50 Jahre her – und sagte:

“Damals habe ich für lange Zeit das letzte Mal geweint.”

Die Mutter!

Eine, die sich das Weinen verkniff.

Immer.

Eisern.

 

*“2017“ beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der „Heimat“.