LAASDORF

„2017”*, Folge 86, 12. Dezember. “Durchs Land”/XXVII.

 

Laasdorf. Das Rad stellt er am Gasthof ab – es ist noch nicht Mittag, geöffnet wird um zwölf – und schlendert durch den Ort.

 

Morgens ist Krohn aufgestanden und in den Frühstücksraum geschluft. Die Wirtin hat ihn angestrahlt. “Ist keiner da, wir sind für uns.” Sie nannte ihn “Schatz” und brachte Piccolo. Sie hat ihm einen Schmatz aufs Ohr gegeben und es gern gehabt, als er ihr in den Schritt griff.

“Magst nicht noch bleiben? Musst auch nicht zahlen.”

Krohn nickte.

Sie müsse arbeiten, aber gegen acht sei Zapfenstreich. “Du kannst machen, was Du willst. Ruh’ Dich doch aus.” Sie zwinkerte wie eine Verschwörerin.

Er wollte nicht ausruhen. Fragte, ob sie ein Rad hätte. Sie lieh ihm ihres.

Also fuhr er nach Laasdorf. War ja nicht so weit. Die Felder trugen Schnee, die Wälder waren dunkel und abweisend.

 

Er stapft die Straße zum Waldrand hoch (hier hat der Stasi-Mann mit seinem Kampfhund gelebt, hier ist auch der Junge aufgewachsen, der später fast Profi-Radler geworden wäre). Krohn lässt sich wieder zurück nach unten in den Ort treiben (die Kirche haben sie renoviert, sie sieht hübsch aus, die Tür ist verschlossen). Im Eichicht riecht es nach Mittagessen (hier hat er bei Privat gewohnt und sich anfangs gefühlt wie ein Außerirdischer).

Das Gewerbe hat den kleinen Ort fest im Griff.

Damals gab es noch nicht mal einen Kramladen, gerade mal eine verrottende LPG

Jetzt Beton, Baumaschinen, Optik, Reha, Gerüstbau, Brandschutz. Und ein Bauernmarkt.

Oberhalb im Norden die Autobahn, die damals licht befahren worden ist. Heute stauen sich, wenn’s blöd kommt, die Autos bis zum Tunnel bei Jena.

Damals?

Die Mauer war gerade in sich zusammen gebrochen, da verschlug es Hans Krohn in die Region. Er fotografierte eine Geschichte in Jena, kam in Laasdorf unter, ging am ersten Abend in die einzige Gaststätte an der Brücke über die Roda.

Die Männer waren misstrauisch, aber das legte sich. Man soff bis nach Mitternacht, dann schmiss der Wirt die Kerle raus. Sie traten auf die vom Vollmond beschienene Straße. Gingen auf die Brücke und brunzten durchs Geländer ins Wasser.

 

Krohn steht jetzt auch wieder dort und kann sich genau an seine Eingebung erinnern:

Auf einmal war er nicht mehr betrunken, er dachte ganz klar. Die sind wie ich, dachte er, sie pissen gelb, wir reden eine Sprache, wir mögen Fleisch und Klöße und Fußball, wir vögeln missionarisch…

Und doch sind wir 40 Jahre fremd.

Was ist das geil!

Er war in die untergehende DDR gezogen und hatte versucht, das Anders-Sein zu fotografieren. Es war die beste Zeit für ihn gewesen. Preise hatte er bekommen, die Welt stand ihm offen.

 

Während der Recherche war er auf die Chronik eines Pfaffen aus dem 19. Jahrhundert gestoßen. Der hatte sich wie niemand vor und nach ihm für das Kaff interessiert.

„Laasdorf liegt in dem anmuthigen und fruchtbaren Rodatale, eine Stunde von Roda und eine halbe Stunde von Gröben entfernt. Der Rodafluß nimmt seinen Lauf durch das Dorf mit der Kirche und der Schule am linken Flußufer und das kleine Dorf auf der rechten. Beide Theile sind durch eine Brücke verbunden, oberhalb deren auch eine Furth durch die Roda führt. Nach Norden führt die Roda-Jenaer Landstraße vorüber (seit 1835) und oberhalb derselben, parallel mit ihr, der hohe Damm der Gera-Weimarer Eisenbahn (seit 1876).“

Über die Anfänge steht in der Chronik unter Anderem:

„Die eigentlichen Landesherren sind in der ältesten Zeit die Dynastien von der Lobdeburg gewesen, welche muthmaßlich schon im 11. Jahrhundert aus Franken in der Saalegegend eingezogen sind, urkundlich aber erst 1166 erwähnt werden.“

Vor genau 500 Jahren begab sich an einem Dienstag, dass „zweene Menner zu Laßdorf, ein Huff Landes und 16 Scheffel Getreidichs, halb Korn und halb Gersten, ein Scheffel Hafern“ zugesprochen bekommen haben. Das war ein Big Deal seinerzeit.

Ansonsten: Kein Moos, nix los in dem stinkenden, verdreckten, Inzucht-geplagten 200-Seelen-Nest.

20 Jahre nach dem verbrieften Big Deal später ging es in Saalfeld zur Sache. Coole Sache, es ging um die Sauferei, letztendlich.

„Sonnabend nach Nicolai Schied zwischen der Stadt Roda und Laßdorf über Bierbrauen, Mälzen, Schenken und Handwerksbetrieb. Sollen vier Scheffel für ihre Haushaltung brauen, auch zu ihren Hochzeiten ein Hochzeitsbier machen, doch dasselbe nicht verpfennigen.“

Dann hat man die Kirche umgepflanzt. Die alte wurde von der „aufgeschwollenen Rode, so nahe vorbeifließt, durch eine Fluth hinweggerissen. Daher man dann die Kirche auf die Höhe des Dorfes erbauen müssen (vielleicht die Fluth von 1433, welche auch das Kloster in Roda verderbte).“

Ja, die Kirche! Das Schmuckstück. Selbst in der DDR waren sie in Maßen stolz auf ihr Gotteshaus. Kurzer Auszug aus der Pfaffenchronik:

Auf dem Thurm befinden sich zwei Glocken. Die größere derselben hat die Aufschrift: Ach Gott lass unseren Glockenschall zum Besten dienen überall; die kleinere: Meine Töne rufen zu des Tempels Stufen. Sie sind 1855 von Carl Friedrich Ulrich in Apolda gegossen. Auf dem Thurm befindet sich auch eine Uhr, die zum ersten Mal 1625 erwähnt wird.

1879 größere Reparatur an der Orgel für 642 Mark ausgeführt von den Gebrüdern Poppe in Roda.

1672 ließ Herzog Ernst der Fromme von Gotha die Schulen des Landes inspizieren. Aus Laßdorf wurde folgender Bericht erstattet: Ein elendes dachloses Häuslein ist allhier zur Schul, so zwar der Schulmeister nicht bewohnt, weil er sein eigen Häuslein hat. Der brave Mann bekam außer dem Schulgelde, welches wöchentlich pro Kind 3 Pfennige betrug, aus jedem Haus ein viertel Korn und aus der Kirche zwei Viertel. Grundstücke gehörten damals nicht zur Stelle, außer einem kleinen Gärtlein am Schulhause. Die Accidentien bestanden aus 5 Groschen beim Begräbnisse eines Erwachsenen, 1 Groschen eines Kindes und der Mahlzeit.  Bei Hochzeiten und Kindtaufen geht der Schulmeister, weil es währet, 1, 2, 3, 4 Tage und schenket auch nichts.

Dieser brave Mann (es gibt kein böses Zeugnis über ihn) trug den Namen Hans Krauße. Schulmeister seit 1660, und stirbt 1684, 68 Jahre alt. Er bewohnte sein eigenes Haus und scheint einer seiner Nachkommen Schmied gewesen zu sein. Sein Haus war vielleicht Nr. 11. Nach ihm schlug der Superintendent Löber als Nachfolger Christoph Schalden vor, „so ein frommer Mensch und das Schneiderhandwerk zwar gelernet, doch davon gar wenig kann.“ Statt seiner aber wurde im October 1684 vom Consistorium Georg Braun veranlaßt, „Probe zu singen und soll, wenn er darin bestehen würde, zum Schuldiener bestellt werden.“

1697 dann der Vorzeige-Pädagoge des Jahrhunderts. Johann Nicolas Krauß huldigte dem Trunke und hatte in Folge dessen öfters Streit mit dem Pfarrer, lebte auch in sehr trüben Verhältnissen. Darum wollte der Herr Confrater nicht zu schroff gegen ihn sein, sondern vielmehr der Gemeinde zureden, daß sie nicht so hart gegen ihn sein mögen, daß er nicht so Hunger leiden dürfe.

Sie haben es nicht leicht gehabt, am Arsch der Welt, mitten in Deutschland.

 

xxx

 

Hans Krohn hat über all dies berichtet. Und über vieles andere: den letzten Wartburg, den ersten Opel, den unbeugsamen Stasi-Späher, die gebrochen deutschen Demokraten. Er hat Neonazis zu ihren Walpurgis-Feiern begleitet und bekam nach der Veröffentlichung auf die Fresse. Sie wollten ihn raus schmeißen aus dem Dorf, weil er hinter den Gardinen fotografierte. Das Arbeiten in Lassdorf hat echt weh getan.

Er bekam für seine Reportagen aus der sterbenden DDR ein paar Preise. Und hinterher war er ausgebucht.

Eines Tages traf er einen Chefredakteur in München. Man machte beim Italiener im Süden der Stadt den Tag zum Abend “Fräulein Schmittke”, sagte der Chef seiner Sekretärin, als sie aufbrachen, “ich komm heute nicht mehr ins Büro. Alles Wichtige morgen, bitte!” Sie hatte wissend geguckt und viel Spaß gewünscht.

Viel Wein, viel Grappa, noch mehr Wein.

Dann fragte der Chefredakteur, einer mit einem seidenen Halstuch und einem messerscharfen Denken.

“Sag’ mal, Hans – was ist das für eine Geschichte mit Deinem Vater?”

Krohn hatte verständnislos über den Tisch geblickt.

Na, meinte der Chefredakteur, die Sache verhalte sich so:

Er, der Chef, habe mit Krohn senior, dem Architektur-Star, ein Interview verabreden wollen. Da habe der gemeint, er mache es gern.

Eine Bedingung:

Er müsse den Kontakt mit Krohn junior abbrechen. Keine Aufträge mehr!

 

Das Interview mit Senior hat es nie gegeben.

Krohn Junior hat sich nach dem Essen mit dem Chef die Kante gegeben, als würde es kein Morgen geben.

 

*“2017“ beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der „Heimat“.